Marco Rima als «Maskottchen»

Der Zürcher «Tagesanzeiger» setzt seine Mission fort. Marco Rima ist eine Unperson. Was auch immer er sagt und tut: Es muss falsch, daneben und fürchterlich gefährlich sein. Das neueste Kapitel in einer Geschichte der Obsession.

Der Komiker Marco Rima wurde in den vergangenen drei Jahren vom Liebling der Medien zur Reizfigur. Die Mischung aus Erfolg, Bodenständigkeit und einem gewinnenden Wesen verschaffte ihm lange Dauerpräsenz in Zeitungen, Radio und TV. Dann beschloss er, seine Meinung zur Coronapolitik öffentlich zu sagen. Ab sofort war er für die meisten Journalisten frei zum medialen Abschuss.

Dass er nach der Aufhebung der Massnahmen eine neue Tour lancierte, die erfolgreich verlief, war den wenigsten eine Zeile wert. Zu schreiben gab er nur, wenn die Chance bestand, ihn in irgendeiner Weise ins schiefe Licht zu rücken. Rima tut nun das einzig Richtige: Er liefert die dazu nötigen Vorlagen gleich selbst. Denn wenn man ohnehin schon eine Unperson ist, kann man diesen Ruf auch bewirtschaften. Kommt dazu, dass er nur seinen Job macht. Oder soll er vielleicht nun Döner braten?

Mit seinem neuesten Song, den er auf Youtube veröffentlicht hat (siehe ganz unten), liefert er Empörung mit Garantieschein. Er singt über Klimakleber, als Vorlage diente das einst populäre Kinderlied «Zehn kleine Negerlein» (Verzeihung, aber das Lied heisst nun mal so), und Rima erscheint gleich vierfach: Im Original, kostümiert als Indianer, als Weisser mit Rastafrisur und mit schwarz gefärbtem Gesicht. Eben einfach alles, was man nicht mehr tun sollte, wenn es nach der Twitterblase geht. Es ist das volle Programm (und übrigens, als Warnung, auch ein echter Ohrwurm).

Selbstverständlich überschlugen sich die Medien danach umgehend mit Berichten der Marke «darf man das?», um die Antwort gleich selbst zu geben. Die Alternative wäre gewesen, den neuesten Wurf von Marco Rima einfach zu ignorieren, wenn er einem nicht gefällt. Was nicht stattfindet, kann auch niemanden aufregen. Aber das schaffen die Medien einfach nicht. Der Empörungsreflex ist zu stark.

Danke für Ihre Unterstützung meiner Arbeit.

Die originellste Reaktion, nicht zwingend im positiven Sinn, findet sich aktuell im «Tagesanzeiger». Der Kommentar von Andreas Tobler (nur für Abonnenten) ist grösstenteils eine Art Küchentischpsychologie. Der Redaktor erklärt uns, was Rima eigentlich wollte, um danach zu sagen, was er stattdessen tut. Der Komiker wolle provozieren, aber das sei «Blödsinn», er bediene nur vorgefasste Meinungen.

Da schliesst jemand von sich selbst auf die andern. In Wahrheit hält Rima den Leuten einen Spiegel vor, die ihre Meinung allen anderen aufzwingen möchten. Und es ist der «Tagi», der hier eine vorgefasste Meinung mit der entsprechenden Kundschaft bedient – nämlich seine eigene.

Tobler schafft es nicht mal, den Originaltitel des verwendeten Kinderlieds niederzuschreiben. Obschon das ja ein reines Zitat wäre und er sich selbst nicht der Verwendung des Worts «Negerlein» schuldig machen würde. Er lässt das Wort einfach zugunsten von drei Pünktchen aus. Weil er sonst sicher umgehend in die Hölle käme.

Damit liefert der Kommentator gleich das beste Argument dafür, dass Rimas Aktion durchaus nötig war. Die Schere im Kopf ist allgegenwärtig, sie greift in die Sprache ein mit dem Fernziel, das Denken zu verändern. Rimas Video zeigt spielerisch den Irrsinn, der darin liegt, eine bessere Welt erschaffen zu wollen, indem wir Frisuren, Maskeraden und Wörter auf eine Tabuliste setzen.

Gemäss dem «Tagesanzeiger» ist es Unsinn, wenn Rima kritisiert, was man heute alles nicht mehr darf und eine Meinungszensur beklagt. Denn was er da performe, «wurde vor ihm bereits hundertfach gemeint und gesagt», es gebe einen stetigen Dialog über Themen wie Rastalocken, Blackfacing und andere.

Diesen Dialog mag es am Stammtisch geben, bestimmt aber nicht ernsthaft geführt in den grossen Medien. Diese stürzen sich auf angebliche Grenzüberschreitungen wie den verkleideten Jodler in Walzenhausen und überlassen es den Lesern in den Kommentarfeldern, sich dafür oder dagegen auszusprechen. Im «Tagesanzeiger» hat jedenfalls in den letzten Jahren des Woke-Wahnsinns nie einer eine Stange gebrochen für die freie Rede, für Gelassenheit, für Verhältnismässigkeit.

Kurz und gut: Der Kommentator tut das, was er dem Objekt zuschreibt. Er haut einen raus, um sich bei der eigenen Klientel anzubiedern. Auf Kosten eines Mannes, der sehr klar erkannt hat, dass wir unterwegs in eine falsche Richtung sind.

Zuschlechterletzt wird Marco Rima im bewussten Artikel als «das Maskottchen vorgefasster Meinungen» bezeichnet. Wenn es ein «Maskottchen vorgefasster Meinungen» gibt, dann sind das die grossen Medien in der Schweiz, inklusive dem «Tagi».

(Zur Transparenz: Ja, ich bin gut befreundet mit Marco Rima. Aber das wäre nicht mal nötig, um einen klaren Gedanken in dieser Sache zu fassen)

Ihr Beitrag ermöglicht diesen Blog – herzlichen Dank.

Wollen Sie Daniele Ganser hören? Hier kann man Tickets gewinnen.

Keine Angst, aus meinem Blog wird kein türkischer Basar mit unwiderstehlichen Angeboten. Aber ich darf für den legendären Daniele Ganser den Einpeitscher spielen. Und unter meinen Lesern 2×2 Tickets für diesen Abend verlosen.

Update 24.1.2022, 17.15 Uhr: Ich ertrinke in Mails, der Wettbewerb wird hiermit geschlossen. Vielen Dank für die Teilnahme.

Der bewusste Abend findet am 10. Februar 2023 statt. Weitere Infos gibt es hier.

Unter den Lesern meines Blogs verlose ich gerne 2×2 Tickets für diesen Abend. Es handelt sich um Sitzplätze ohne das kulinarische Zusatzprogramm. Aber geistige Nahrung ist ja sowieso wichtiger.

Wenn jemand dabei sein will: Bitte E-Mail mit dem Betreff «Ganser» schreiben an stefan@millius.ch. Ich werde dann an der Seite einer unwiderstehlichen Glücksgöttin zwei Gewinner ziehen, und beide dürfen mit Begleitung in Kloten einen Abend lang Daniele Gansers Ausführungen horchen. Und auch meinen Worten, wobei ich da realistisch bleibe, was die Prioritäten angeht. Aber ihr könnt ja wenigstens so tun, als ob ihr wegen mir da seid?

Ich freue mich darauf, Euch zu sehen. Und wer nicht an Fortuna glaubt: Man kann derzeit auch noch Tickets kaufen. Es sind Sitzplätze ohne kulinarische Begleitung. Wer auf Nummer sicher gehen will: Bitte, hier.

Sorry, noch einmal Winnetou

Die Lage ist ernst. Ernsthaft ernst. Die Geschichte soll umgeschrieben werden. Was dem Zeitgeist nicht in den Kram passt, wird ausgemerzt. Da braucht es Gegenmassnahmen. Hier ist eine.

Die Ostschweizer Medien AG ist Herausgeberin von «Die Ostschweiz», einer Zeitung, die unter vielen anderen Dingen auch für den Widerstand gegen Zensur und Auswüchse wie «Cancel Culture» steht. Wenn es einem Kulturgut an den Kragen geht, einfach, weil einige Zeitgenossen beschlossen haben, es sei aus heutiger Sicht nicht mehr «korrekt», ist das eine beunruhigende Entwicklung.

buch-schweiz.ch ist der Onlineshop der Ostschweizer Medien AG. Hier gibt es Bücher, E-Books, Hörbücher, Videos und vieles mehr. Solche Shops gibt es zuhauf, aber die meisten gehören grossen Unternehmen (oder sind selbst ein grosses Unternehmen) und unterwerfen sich blind dem erwähnten Zeitgeist. Sie sind bereit, mitzumachen. Über kurz oder lang werden sie alles ausmerzen, was nicht «woke» ist. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Dagegen muss man etwas tun. Beispielsweise das hier:

https://www.dieostschweiz.ch/artikel/rettet-winnetou-buch-schweizch-lanciert-aktion-fuer-die-werke-von-karl-may-3ObLrwo

Ihr könnt ein Zeichen setzen, indem Ihr den Link verbreitet und/oder die Winnetou-Bücher selbst bestellt. Der Markt muss begreifen, dass man Kulturgut nicht einfach ausradieren kann, nur weil Dauerempörte glauben, darin etwas «Schlechtes» erkannt zu haben.

Karl May und sein «Winnetou»: Alle Jahre wieder

Weltliteratur umschreiben, weil sie nach heutigen Massstäben nicht mehr «korrekt» ist: Diese Debatte läuft aktuell gerade wieder. Ich wollte mich eigentlich aktuell dazu äussern, aber dann hatte ich ein Déjà-vu.

Denn Geschichte wiederholt sich, und wir stecken nicht erst seit gestern in diesem irren, planlosen Unsinn. Ich habe kurz gewühlt und einen Beitrag aus dem Jahr 2018 gefunden, in dem ich die Frage am Beispiel von «Kasperli» thematisiert habe. Man kann das 1:1 auf die heutige Debatte umlegen. Es hat sich nichts verändert, die allgemeine Aufregung ist dieselbe – ebenso die Argumente gegen die Verstümmelung der Vergangenheit. In diesem Sinn, unredigiert, unaktualisiert und zeitlos:


Wenn Kasperli einen Mohrenkopf vertilgt

Kürzlich debattierte die ganze Schweiz, ob Mohrenköpfe so heissen dürfen wie sie im Volksmund heissen. Und seit Jahren hält die Diskussion an, ob bestimmte Wörter in Kinderbüchern heute noch zulässig sind. Ist diese Debatte wichtig – oder letztlich absurd?

Wir Eltern verklären oft die eigene Kindheit. Und wir sind ganz begierig darauf, wenigstens Teile davon an die eigenen Kinder weiterzugeben. Es gibt nun wirklich genügend Dinge, die unsere Kinder machen und von denen wir nicht mal geträumt hätten. Google? Hätte ich das zu meinen Eltern gesagt, hätten sie mich zur Logopädin geschickt. Du willst surfen? Lern zuerst mal Skifahren. Wir Digital Immigrants sehen mit Verwunderung und Bewunderung zu, wie unsere Kleinen ganz natürlich mit der digitalen Welt aufwachsen. Wie früh und wie stark sie das tun sollen, ist Gegenstand vieler Diskussionen von Fachleuten, aber Tatsache ist: kaum ein Kind bleibt von der digitalen Revolution unberührt.

Heile Welt?

Also ist es doch umso schöner, wenn wir in diese verrückte Welt der Bits und Bytes da und dort ein bisschen heile alte Welt reinbringen. Zum Beispiel in Form von Büchern, Hörspielen und Filmen, die uns bereits geprägt haben und die so raffiniert gemacht sind, dass sie in jeder neuen Generation wieder funktionieren. Kasperli zum Beispiel, Globi natürlich, Pippi Langstrumpf, Tim und Struppi und wie sie alle heissen. Nur leider, so meint eine wachsende Gruppe von kritischen Betrachtern, ist diese heile Welt alles andere als heil. Und wenn sie vielleicht auch noch für uns Kinder aus den 70er- oder 80er-Jahren in Ordnung war, so geht einiges heute überhaupt nicht mehr, heisst es.

«De Schorsch Gaggo reist uf Afrika» zum Beispiel: Das ist eine der beliebtesten Folgen von Kasperli. Und bei genauerer Betrachtung wimmelt es dort nur so von kolonialistischen Tendenzen und bösen Wörtern. Das eindeutigste davon ist «Neger», hier vor allem angewandt auf einen ziemlich rückständig wirkenden König und seine Tochter, die natürlich herzige «Chrüseli» hat. Da werden Klischees bedient, die damals als Wahrheit galten.

Neger: Geht das? Der inzwischen verstorbene Jörg Schneider, der Kasperli nicht nur die Stimme verliehen, sondern seine Abenteuer auch mitgeschrieben hat, sagte zu diesem Thema 2012 in der «Weltwoche» das hier: «Als ich dies geschrieben habe, waren die Wörter noch kein Problem. Auch im Welterfolg von Michael Ende war Jim Knopf als ‚Negerbube’ bezeichnet worden. Das war nicht negativ oder abfällig gemeint. Als das Wort ‚Neger’ dann verpönt wurde, kamen Frauen, die mit einem Schwarzen zusammen waren, und haben reklamiert. Wir haben die als diskriminierend empfundenen Wörter dann rausgeschnitten.»

Selbstzensur der guten Stimmung halber also gewissermassen. Vorauseilender Gehorsam. Das haben nicht alle gleich gehalten, aber vielerorts waren die Verlage eifrig und haben Neuauflage ihrer Werke in diesem Sinn entschärft. Denn «Neger» kamen in den alten Bestsellern häufig vor, zum Beispiel bei Pippi Langstrumpf oder der Kleinen Hexe. Es ist relativ einfach, solche in Kritik geratenen Begriffe auszutauschen gegen weniger gefährliche. Dann ist der «Negerkönig» bei Pippi eben einfach ein «Südseeherrscher». Selbstverständlich verändert sich dadurch die Geschichte nicht, und unsere Kinder nehmen den Südseeherrscher zur Kenntnis. Auch wenn sie vermutlich nicht wissen, was die Südsee ist und was ein Herrscher so tut.

Man kann es also machen, und mit Sicherheit geht man damit drohendem Ärger aus dem Weg. Es gibt private und staatlich besoldete Stellen, die mit Feuereifer künstlerische Werke auf politische Unkorrektheit abklopfen und intervenieren, wenn sie etwas gefunden haben. Das führt meist zu einem Anstieg der Bekanntheit und damit der Verkaufszahlen. Der Mohrenkopf ist ein gutes Beispiel dafür. Begriffe, die einst unproblematisch waren und heute anders betrachtet werden, verändern: Man kann es machen – aber muss man es auch?

Wer stört sich wirklich?

Als meine Kinder auf einer alten Kassette erstmals mit dem Negerkönig konfrontiert wurden, wollten sie wissen, was das ist. Eine besondere Art von König? Das Wort «Neger» hatte für sie keinerlei Bedeutung, weder im guten noch im schlechten Sinn. Ich erklärte ihnen, dass man früher Leute mit dunkler Hautfarbe so genannt hatte, dass man das heute aber nicht mehr mache. Sie wollten wissen, warum – hatten sich die «Neger» daran gestört?

Die offene und ehrliche Antwort: Nein, meines Wissens nicht. Ich habe eine katholische Privatschule besucht, die in Afrika Missionsarbeit geleistet hat. Immer wieder waren Priester von dort zu Besuch, und diese bezeichneten sich mit einem stolzen Lachen als «Neger». Vermutlich waren diese Begegnungen nicht repräsentativ, aber der Eindruck bleibt, dass in unseren Breitengraden vorwiegend sehr weisse Leute den Feldzug gegen das Wort führen. Oder wie es Jörg Schneider erzählte: Nicht die Leute dunkler Hautfarbe reklamierten, sondern ihre Frauen heller Hautfarbe. Die direkt Betroffenen halten sich oft nicht an solchen Details auf. Sie sind mehr daran interessiert, gesellschaftlich integriert zu werden, sich ihr Auskommen zu verdienen und respektiert zu werden – unter welchem Namen auch immer.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Jeder hat das Recht, nicht aufgrund seiner Hautfarbe, seines Geschlechts, seines Glaubens herabgesetzt zu werden. Zum Zeitpunkt, als Schorsch Gaggo nach Afrika reiste, kam niemand auf die Idee, der Begriff «Neger» könnte eine solche Herabsetzung darstellen. Inzwischen sind viele der Ansicht, dass das der Fall ist. Aber auf welcher Grundlage? Wurde das Wort zum Unwort, weil es zu oft negativ verwendet wurde?

Für Chinesen sind wir Weisse «Langnasen». Wir stören uns nicht daran, vermutlich, weil wir keine an Tragödien reiche Geschichte haben wie viele schwarze Völker. Aber war es der Begriff, der beispielsweise zu Apartheid und Rassismus führte – oder steht das Wort einfach stellvertretend für diese Dinge? Und wenn ja, inwieweit leistet Kasperli der Ausgrenzung Vorschub, wenn er das Wort benützt? Der Reflex, Wörter zu verbieten, weil sie an unangenehme Ereignisse erinnert, ist menschlich verständlich, aber löst er das Problem oder hilft er, solche Ereignisse in Zukunft zu verhindern?

Begriffe und Haltung

Die öffentliche Debatte hat ihre Auswirkungen schon ohne eigentliche Verbote entfaltet. Ich selbst würde das Wort «Neger» nicht in den Mund nehmen, und ich möchte auch nicht, dass es meine Kinder tun. Das habe ich ihnen auch vermittelt. Der Grund dafür ist einfach: Nur schon die seit Jahren anhaltende Diskussion hat dazu geführt, dass heute nur noch diejenigen das Wort benützen, die sich tatsächlich abfällig äussern wollen. Früher, als es das «offizielle» Wort für Menschen dunkler Hautfarbe war, gab es keine negative Konnotation. Sie entstand erst durch die aktive Auseinandersetzung mit dem Begriff. Ob sich damit die Lage der betreffenden Menschen verbessert hat, bleibe dahingestellt.

Denn Rassismus liegt nicht in einem Begriff, sondern in einer Haltung. Wer am Kiosk einen Mohrenkopf verlangt, will damit nicht Menschen anderer Hautfarbe herabsetzen, sondern verwendet einen längst in der Gesellschaft angekommenen Markennamen, um ein Produkt zu kaufen. Wenn ich meinen Kindern einen Mohrenkopf vorsetze und diesen dabei auch so nenne, werden sie daraus keine fremdenfeindliche Gesinnung entwickeln. Selbstverständlich findet man haufenweise Expertinnen und Experten, die uns erklären, wie der Sprachgebrauch über Jahre und Jahrzehnte unser Denken formt. Aber wenn eines nicht klappt, dann das: Mit dem Mittel der Sprache das Denken der Menschen in die gewünschte Richtung zu steuern. Vor allem nicht, wenn diese «neue» Sprache ideologisch aufgeheizt aufgezwungen wird. Das wird man beim Thema «Gendern» hoffentlich bald wahrnehmen.

Ein ganz anderes Beispiel zeigt das bestens. Frauenaktivistinnen kämpfen seit langem darum, dass der Begriff «Hausfrau» aus der allgemeinen Verwendung verschwindet. Als Alternative wird unter anderem «Familienfrau» oder «Familienmanagerin» ins Spiel gebracht (wobei der «Hausmann» am Rande bemerkt nie kritisiert wurde). Man will damit zum Ausdruck bringen, dass eine Frau, die in erster Linie zuhause tätig ist, ja weit mehr tut als für das Haus zu sorgen, also zu putzen und zu kochen. Sie erzieht, sie betreut, sie plant, sie unterhält. Das ist alles richtig. Die Sache ist nur: Wer eine schlechte Meinung von Frauen (oder Männern) hat, die «nur» zuhause arbeiten, wird sich auch nicht eines Besseren belehren lassen, wenn man sich als «Familienmanagerin» bezeichnet. Es ist die Haltung des Einzelnen, nicht der Begriff, der zählt.

Deshalb ist es übrigens ein anderes Thema, wenn Kinderbücher beispielsweise Stereotypen zementieren – das Mädchen wird Krankenschwester (ja, ich weiss, der Begriff ist inzwischen auch verboten), der Junge wird Arzt. Hier nimmt man nicht Bezug auf Begriffe, die im Grunde neutral sind und erst im Lauf der Zeit negativ belegt wurden, sondern es wird eine Rollenverteilung zelebriert mit dem Ergebnis, dass Kinder nicht selten das Gefühl haben, das «müsse» so sein. Ebenfalls problematisch ist es, wenn nicht nur der Begriff «Neger» verwendet wird, sondern die entsprechenden Figuren ein klischeebehaftetes negatives Verhalten an den Tag legen. Das kann tatsächlich dazu führen, dass die Wahrnehmung im echten Leben von der Geschichte beeinflusst wird. Aber eben: Es sind nicht die Begriffe, die zum Problem führen.

Erklären statt zensieren

Unsere aktuellen Abend-Vorlesebücher stammen vom englischen Autoren David Walliams. Es sind wunderbare Werke. Ich habe nach einigen Seiten aufgehört, die unkorrekten Begriffe zu zählen, die er verwendet. Es sind sehr, sehr viele. Aber keiner davon macht aus meinen Kindern Monster oder Fremdenfeinde. Walliams lässt seine Figuren so sprechen, wie Menschen eben sprechen. Er wurstet die Dialoge nicht durch einen Korrektheits-Filter, bis jedes Leben ausgepresst ist.

Kinder können damit umgehen. Sie mögen es, wenn sie glauben, dass die Figur im Buch «echt» ist, wenn sie so redet wie die Kollegen auf dem Pausenplatz. Und man kann ihnen an der einen oder anderen Stelle durchaus erklären, dass man das auch anders hätte sagen können. Vielleicht trauen die Leute, die blindwütig jedes Werk durchforsten und allenfalls kritische Begriffe ausmerzen, unseren Kindern – und uns Eltern – auch einfach zu wenig zu.

Keine Frage: Man kann «De Schorsch Gaggo reist uf Afrika» umschreiben und alle Wörter eliminieren, an denen irgendjemand Anstoss nehmen könnte. Der aufwändigere, aber vielleicht sinnvollere Weg wäre es, das Original laufen zu lassen und den Kindern zu erklären, wie es damals war – und weshalb es heute anders klingen würde.

Unsere letzte Hoffnung: Die Übertreibung

Auf dem Weg zu einer besseren, gerechteren und politisch korrekten Welt fallen linke und woke Kreise gerade gegenseitig über sich her. Es gab nie einen besseren Zeitpunkt, sich Popcorn zuzubereiten. Und möglicherweise verhilft der grassierende Wahnsinn dem gesunden Menschenverstand zur Rückkehr.

Das Bühnenduo Ursus & Nadeschkin habe ich nie live erlebt. Ich habe dank weniger Youtube-Ausschnitte früh festgestellt, dass das nicht mein Humor ist. Aber die beiden sind erfolgreich und haben ihr Publikum, nur das zählt.

Nun wurde irgendjemand im Zug der ganzen Dreadlocks-Debatten auch beim Anblick von Nadeschkins Perücke von spontanem Unwohlsein ergriffen und forderte, die Bühnendarstellerin solle auf ihre Kopfbedeckung verzichten. Da draussen scheint es sehr viele Leute zu geben, die in ihrer eigentlichen Existenz keinen Sinn sehen und verzweifelt versuchen, sich eine Daseinsberechtigung zu verschaffen, indem sie Minderheiten schützen, die gar nicht geschützt werden wollen, jedenfalls nicht so.

Ich erspare mir an dieser Stelle historische Einblicke, die zeigen, dass Rastas bzw. Dreadlocks keineswegs afrikanischen oder jamaikanischen Ursprungs sind, sondern sich lange zurückverfolgen lassen, beispielsweise zu den (sehr weissen) Kelten. Das wurde oft genug betont, aber das sind Fakten, und die stehen der Empörung nur lästig im Weg rum.

Jedenfalls ist nun auch der Fall von Nadeschkin in die sozialen Medien und von dort aus in die Schlagzeilen unserer Leib- und Magenblätter geraten. Und darüber freue ich mich.

Denn dieser ganze Woke-Unsinn findet nur ein Ende, wenn die Dauerentrüsteten es auf die Spitze treiben. Schon jetzt zeigt sich klar, dass selbst ein Teil der anderen Gutmenschen die Welt nicht mehr versteht. Seit die «Cancel Culture» auch Frisuren aufs Korn nimmt, geht es sogar denen zu weit, die zuvor noch gern bereit waren, missliebige Leute an der Ausübung ihres Berufs zu hindern. Denn das ist so offensichtlich diskriminierend, dass sich auch sonst «woke» Leute nicht mehr wohl fühlen.

Gut so. Wir brauchen noch ein halbes Dutzend mehr solcher blanker Übertreibungen. Auf diese Weise entlarvt sich die Gruppe der selbsternannten Supertoleranten als das, was sie sind: Intolerant. Die Antirassisten zeigen sich als das, was sie sind: Rassistisch. Die Linken zeigen sich als das, was sie sind: Gelebte Rechte. Es kann gar nichts Besseres passieren. Endlich sieht man, dass der Kaiser nackt ist.

Übertreibungen haben in der Geschichte schon immer zum Ende einer unheilvollen Entwicklung geführt.

Das «Blackfacing», das keines war: Ein Beispiel für die Hysterie

Beim Versuch, Minderheiten zu schützen und Diskriminierung und Rassismus auszurotten, schiessen die Bewegten oft ein bisschen übers Ziel hinaus. Davon kann ich ein Lied singen. Dieser Fall hier zeigt, dass die Empörung oft das Hirn lahmlegt.

Ich schreibe gern Drehbücher. Reich wird man damit nicht. Erstens, weil längst nicht alle verfilmt werden. Zweitens, weil Filme für den Schweizer Markt auch dann keine Goldgrube sind, wenn sie zustande kommen. Jedenfalls in der Regel.

Vor gut zehn Jahren begann ich mit der Arbeit an einer schwarzen Komödie mit dem Titel «Fast Food für Afrika». Es geht um zwei gescheiterte Existenzen, die sich als Kleinganoven versuchen. Sie gründen ein fiktives Hilfswerk für hungernde Kinder und hoffen, damit Kohle zu machen. Als sich eine Firma für eine grosse Spende interessiert, weil ihr das bei einem Auftrag in Afrika zum Vorteil werden könnte, müssen die Gauner immer verrücktere Dinge tun, um den Betrug verborgen zu halten.

Das Drehbuch, keine Überraschung, ist nicht besonders politisch korrekt. Es ist rabenschwarzer Humor. Unterm Strich werden damit aber durchaus wichtige Themen angesprochen. Beispielsweise die Frage, wo das Geld landet, mit dem wir via Spende unser Gewissen erleichtern.

Einige Jahre lag das Manuskript bei mir herum, bis ich durch eine Vermittlung den Kontakt zu einer ambitionierten Schweizer Filmproduktionsfirma erhielt. Ich durfte eine Kurzbeschreibung an den Inhaber senden, der sofort Interesse signalisierte. Also schickte ich ihm das fertige Drehbuch. Natürlich im Wissen, dass der erste Wurf selten 1:1 realisiert wird. Ich war also offen für gemeinschaftliche Überarbeitungen und Verbesserungen.

Dazu kam es dann leider nicht. Der Produzent schrieb mir nach der Lektüre zurück, er könne dieses Drehbuch auf keinen Fall verfilmen. Es sei rassistisch, denn darin komme das verpönte «Blackfacing» vor. Seine Zeilen klangen ehrlich erschüttert.

Kleiner theoretischer Einschub aus unserem geliebten Wikipedia:

«Blackface ist eine Theater– und Unterhaltungsmaskerade, die in den Minstrel Shows des 18. und 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten populär wurde. Dabei malten sich weiße Darsteller das Gesicht dunkel an und spielten einen Schwarzen. Die Darstellung schwarzer Menschen durch dunkel geschminkte weiße Menschen wird als Blackfacing (in etwa Gesichtsschwärzung) bezeichnet. Die Praxis wird heute, auch ohne direkten Bezug zu den Minstrel-Shows, häufig als rassistisch eingestuft und kritisiert.»

Ich schluckte leer. Nicht wegen des Vorwurfs des Rassismus. Sondern weil ich keine Ahnung hatte, was der Mann meinte. In meinem Manuskript gibt es keinerlei Blackfacing. Nirgends wird ein schwarzer Mensch durch einen dunkel geschminkten Weissen dargestellt.

Zwar wird in der Story tatsächlich ein weisses Mädchen sehr unprofessionell und sehr unglaubwürdig schwarz angemalt. Weil die Ganoven eine Broschüre drucken wollen, die zeigt, wie segensreich ihr Hilfswerk in Afrika unterwegs ist. In Ermangelung schwarzer Kinder verwandelt einer von ihnen seine übergewichtige Tochter in ein vor dem Hungertod gerettetes schwarzes Mädchen.

Aber das ist kein Blackfacing. Bei diesem wird auf einen schwarzen Darsteller verzichtet und ein weisser in einen solchen verwandelt. Er stellt also einen Schwarzen dar, ohne einer zu sein und soll gegenüber dem Zuschauer des Films auch einen Schwarzen darstellen. Siehe Wikipedia: Ein Weisser stellt einen Schwarzen dar – für das PUBLIKUM.

Nicht so in «Fast Food für Afrika». Der Zuschauer ist dabei, wenn das Mädchen reichlich dilettantisch auf «schwarz» getrimmt und danach in einen Zoo gebracht wird, um möglichst noch Fotos mit wilden Tieren zu schiessen. Das Mädchen soll also nicht für den Zuschauer eine Schwarze darstellen, sondern für den Betrugsversuch.

Die Szene macht sich in keiner Weise lustig über Schwarze, wie das in den erwähnten Minstrel-Shows der Fall war. Im Gegenteil. Sie macht sich lustig über zwei sehr unfähige und sehr weisse Versager, die alles versuchen, um sich aus einer miserablen Lage zu befreien, in die sie sich selbst gebracht haben – beim Versuch, das Elend ärmerer Leute auszunutzen. Dazu kommt die Schweizer Firma mit einer weissen Führungsriege, die korrupt genug ist, um ein Hilfswerk zu unterstützen, nur um dann einen Staudamm in Afrika bauen zu können.

Ziemlich gesellschaftskritisch. Ziemlich kritisch gegenüber einer weissen Gesellschaft. Es ist schon fast eine Story für Gutmenschen, wie ich selbst staunend feststelle.

Vielleicht ist es zu viel verlangt von einem Filmproduzenten, den Unterschied zu verstehen. Er sieht einen weissen Menschen, der schwarz bemalt ist und schreit: «Blackfacing!» Aber wenn man einen solchen Vorwurf formuliert, sollte man wissen, wovon man spricht.

Ich erzähle die Sache, weil sie symptomatisch steht für vieles, was derzeit läuft. Irgendetwas klingt irgendwie leicht verwandt mit etwas, das man auf keinen Fall tun darf – und schon wird gezetert. Nachdenken kann man ja immer noch später.

Ich habe das alles dem guten Mann natürlich in meiner Antwort geduldig erklärt, aber nie eine Rückmeldung erhalten. Entweder hat er den Unterschied auch dann noch nicht verstanden. Oder aber, sehr viel wahrscheinlicher: Er hat gemerkt, dass das mit dem «Blackfacing» in meinem Drehbuch völliger Unsinn ist, aber geahnt, dass es sicherlich Dauerempörte im Publikum geben, die wie er im ersten Anlauf zu dumm sind, den Unterschied zu sehen – und für einen Shitstorm sorgen würden.

Selbst wenn man es richtig macht, ist man vor der allgemeinen Entrüstung nämlich nicht sicher.

Keine Frage: Würde «Fast Food für Afrika» jemals verfilmt, und ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, würde auch Twitter «Blackfacing!» schreien. Und sich taub stellen, wenn man geduldig erklärt: Nein, ist es nicht.

Nun bleibt wohl nur noch Volksmusik – falls überhaupt

Die Debatte um «kulturelle Aneignung» wirft das Programm einer linken Szene-Beiz in Bern über den Haufen. Denn dort gab es schon vor dem Konzert-Abbruch regelmässig musikalische Grenzüberschreitungen

Die Aufregung um das linke Berner Szenelokal Brasserie Lorraine hält an. Die Band Lauwarm musste ihr Konzert abbrechen, weil einige Zuhörer nicht damit umgehen konnten, dass weisse Männer Reggae spielen und Rastas tragen. Das sei «kulturelle Aneignung».

Das Betreiberkollektiv des Lokals schreibt fast täglich Stellungnahmen. Die Kernaussage: Der Konzertabbruch sei richtig gewesen, und man wolle sich nun selbst sensibilisieren für die Thematik.

Wäre das Ganze wirklich ein Problem, hätte es die Brasserie Lorraine schon länger. An ihren Montagskonzerten ist sie regelrecht spezialisiert auf «kulturelle Aneignungen».

Der Winterthurer Seraphim von Werra alias Sebass spielte kürzlich Balkan-Musik. Er wurde laut eigenen Angaben «1991 in eine Schweizer Musikerfamilie geboren».

Gleich zweimal gab es diesen Frühsommer Folk. Den verdanken wir einem Schmelztiegel von amerikanischen Einwanderern aus Schottland, Irland, Osteuropa und Afrika. Zweifelhaft, dass die beiden Bands Deserto Parallax und Lizard and the Deer diesen Hintergrund ausnahmslos bieten können.

Die Frontfrau von Aanim ist Bündnerin und singt rätoromanisch. Und zwar Jazz. Der ist im Süden der USA entstanden, in erster Linie durch Afroamerikaner.

Das gleiche Problem hat die Band Angry Zeta, die auf Bluegrass setzt. Der basiert unter anderem auf afroamerikanischer Tanzmusik und Gospel-Harmonien von schwarzen Sklaven.

Wenn die Brasserie Lorraine in Zukunft nicht für viel Geld Künstler aus der ganzen Welt einfliegen lassen will, muss sie wohl konsequent auf Schweizer Volksmusik setzen. Wobei diese auch kaum aus dem Nichts entstanden ist.

Über den Stellungnahmen des Lokals prangt auf der Webseite übrigens nach wie vor ein Graffito, das Menschen verschiedener Hautfarbe zeigt und wohl Weltoffenheit symbolisieren soll. Mit dabei: ein Weisser mit Rastafrisur.

(Beitrag erschien zuerst in der «Weltwoche»)

Wenn Musik und Frisuren «Unwohlsein» auslösen

Ich wiederhole mich ungern, aber es ist heute wirklich gar nicht mehr möglich, die Realität satirisch zuzuspitzen. Real ist konkret das hier: Eine Band aus weissen Musikern muss ihr Konzert abbrechen, weil sie Reggae spielt und einige der Musiker einen Rasta tragen. Das war zu viel für einen Teil des Publikums. Willkommen in der Realsatire.

Vor ein paar Monaten kam in Deutschland die Musikerin Ronja Maltzahn unter die Räder. Ein Auftritt beim «Fridays for Future» wurde ihr untersagt, weil sie auf dem Kopf Dreadlocks trägt. Eine unsichtbare Jury hat nämlich verordnet, dass das nur schwarze Menschen tun dürfen. Macht es ein Weisser, ist das «kulturelle Aneignung».

Nun hat Bern denselben Fall. Die Mundart-Reggae-Band «Lauwarm» trat dort in einem Lokal auf. Noch während des Konzerts beschwerten sich Zuschauer bei den Veranstaltern, so dass die Band ihren Auftritt schliesslich abbrechen musste. Die Kritik aus dem Publikum: Weisse Musiker dürfen nicht Reggae spielen oder Rastas tragen, das ist Jamaikanern vorbehalten. Der Anblick habe bei den völlig entsetzten Gästen des Konzerts zu «Unwohlsein» geführt.

Auf den Konzertabbruch folgte eine Entschuldigung des Lokals und ein Versprechen, künftig sensibler Konzerte zu planen und über das Geschehene eine Debatte anzustossen.

Erfinden kann man so was nicht. Die Realität schlägt selbst die absurdesten Fantasien und Tagträume.

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Denken wir es zu Ende. Wir sollten nun umgehend jede musikalische Stilrichtung auf ihre Ursprünge zurückführen und es unter Verbot stellen, diese Musik zu machen, wenn man nicht den entsprechenden kulturellen Hintergrund hat. Ein Latino, der einen deutschen Schlager trällert? Sorry, geht gar nicht, aufhören bitte. Und am besten gleich einsperren.

Ich kann mir nicht helfen, aber klingt das alles nicht ein klein wenig, nun ja… rassistisch? Jemandem etwas zu verbieten aufgrund seiner Haarfarbe? Klingt jedenfalls klassisch danach.

Vermutlich fehlt es mir einfach an Empathie, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Bob Marley oder andere Vorreiter des Reggae ein Problem damit hätten, wenn ihre Musiker auch von Nicht-Jamaikanern gespielt wird. Wohl eher das Gegenteil. Das ist eine Respektsbezeugung, eine ehrenvolle Verbeugung vor dieser musikalischen Errungenschaft. Und wieso man eine bestimmte Frisur nicht tragen soll, weil sie mehrheitlich mit einem anderen Kulturkreis verbunden wird: Es ist schlicht absurd.

Das Problem beginnt bei den bewussten Zuhörern, die ernsthaft glauben, ihre Empörung diene einer guten Sache. Es waren ja wohl kaum Jamaikaner, die auf die Barrikaden gingen, sondern Leute von hier, die sich gern als Stellvertreter von Minderheiten aufspielen, um sich selbst besser zu fühlen. Obwohl diese Minderheiten nicht darum gebeten haben – mit Ausnahme vermutlich einer minimalen Minderheit der Minderheit, die es immer gibt.

Teil 2 des Problems sind Veranstalter, die auf so eine groteske Kritik mit einem Abbruch des Konzerts reagieren und sich um gehend entschuldigen. Wofür bitte genau? Dass sie lebensfrohen Musikern, die Reggae lieben, eine Bühne geboten haben, um dem Publikum einen guten Abend zu verschaffen?

Es hätte Alternativen gegeben. Der Veranstalter hätte sich das Mikrofon schnappen und sagen sollen: «Liebe Leute, wir sind der Ansicht, dass alle Leute auf der ganzen Welt jederzeit jede Art von Musik spielen dürfen, und wir spielen hier auch nicht die Frisurenpolizei. Wer sich nicht wohl fühlt, kann jederzeit gehen.»

Aber das sind natürlich nur wilde Träume. Kulturveranstalter, mit einzelnen Ausnahmen, sind ängstlich geworden. Sie lassen sich präventiv in Beugehaft nehmen von Twitterblasen. Ein Shitstorm droht? Das müssen wir verhindern. Selbst wenn es nur zwei oder drei Leute waren, die ein Problem mit dem Reggae hatten: Die holen umgehend ihre virtuellen Sturmtruppen und blasen zum Angriff gegen das Lokal, das der «kulturellen Aneignung» Raum geboten hat.

Man muss also auf die künstlerische Freiheit verzichten zugunsten des Kampfs gegen die «kulturelle Aneignung», die im Übrigen jeder so definieren und ausweiten kann, wie er will.

Auf Twitter wird die Kritik gegen die Band übrigens noch ausgeführt. Es gehe nicht an, dass jemand mit Errungenschaften einer anderen Kultur Geld verdiene, heisst es dort beispielsweise. Ach so, es geht um Geld. Und um Ausbeutung. Weil ja bekanntlich die Berner Band böswillig eine Combo aus Jamaika um ihren Auftritt gebracht hat, die noch so gerne schnell in die Schweiz geflogen wäre für einen Gig für vermutlich ein paar hundert Franken.

Zum Abschluss meine Reaktion auf diese These. Wer mir auf Twitter folgen will, kann das somit auch gleich erledigen.

Der Name der Dame (oder der nichtbinären Wortentsprechung, die gerade im Trend ist) sagt schon alles. «Woke» zu sein ist offenbar inzwischen zum Wettbewerb geworden. Simi ist nicht einfach woke, sie ist «Super Woke».

Vielleicht hats ja auf dem Mond noch ein Plätzchen frei für mich.

Renato Kaiser in Höchstform. Und auf Tiefstniveau.

Satire darf alles. Glücklicherweise. Das betrifft allerdings vor allem die Umsetzung. Was bei einer satirischen Attacke immer von Vorteil ist: Wenn die Grundthese stimmt. Dann darf man verbal Amok laufen. Sonst eher nicht, lieber Renato Kaiser.

Der Ostschweizer Satiriker Renato Kaiser mag sein Hirn. Das haben wir immerhin gemeinsam. Danach wird es dünn auf dieser Ebene.

In der Sendung «Zytlupe» von Radio SRF darf Kaiser siebeneinhalb Minuten sagen, wie gefährlich Covid-19 und insbesondere Long Covid ist. Er hat das schon oft und in diversen Formaten getan, und es sei ihm unbenommen. Schwierig wird es, wenn er bei seiner eher mager verhüllten Diffamierung der Kritiker von Coronamassnahmen irgendwelche Studien ins Feld führt, die er irgendwo gelesen hat und die er irgendwie interpretiert.

Das ist übrigens genau das, was den Massnahmenkritikern jeweils gern vorgeworfen wird: Dass sie sich ein beliebiges Papier herauspicken, das sagt, was sie hören wollen und dieses dann als Beleg für ihre Haltung anführen.

Gut, Kaiser darf das, der ist ja einer von den Guten.

Es geht im bewussten «Zytlupe»-Beitrag unter anderem um eine Studie aus Grossbritannien, die zeigen soll, dass das Hirnvolumen von Leuten, die sich infiziert haben, schrumpfe. Ich weiss nicht, ob Kaiser die Studie gelesen hat. Ich tippe mal: Eher nicht. Mit Sicherheit hat er aber Medienberichte ÜBER die Studie gelesen. Also die verkürzte Version, proudly presented von Medien, die seit zwei Jahren nichts anderes tun als sich auf jeden Schnipsel zu stürzen, der allenfalls Angst auslösen könnte.

Ich bin zu bedauern, es gibt spannendere Lektüren, aber ich habe mir die Studie zu Gemüte geführt. Wer auch möchte: Hier gehts lang.

Ich weiss, Satire darf verkürzen und zuspitzen. Aber eben, sie ist deutlich effektvoller, wenn sie das auf einer nachvollziehbaren Grundlage macht. Hey, Leute, euer Hirn schrumpft, wenn ihr Covid-19 einfängt, tragt Maske: Für diese (verkürzte) Aussage von Renato Kaiser bildet die Studie leider keine Basis.

Zunächst einmal entstand sie zu Zeiten der Alpha-Variante, die Resultate sind, wie die Autoren selbst festhalten, nicht auf die aktuelle Mutation von Covid-19 umlegbar. Sie gehen sogar davon aus, dass sie heute nicht mehr zu solchen Ergebnissen kommen würden. Zum anderen konnte nicht ausgeschlossen werden, dass diese Reduktion des Hirnvolumens nur temporär ist, sprich: Ob sie allenfalls schon ein paar Wochen danach nicht mehr vorhanden ist. Ebenfalls keine Ahnung hat man, ob der Effekt überhaupt irgendeinen nachweisbaren Einfluss auf die Hirntätigkeit hat. Und schliesslich wird explizit erwähnt, dass man keine Aussage darüber machen kann, ob die Entdeckung auch bei milden Erkrankungen Gültigkeit hat oder nur bei schwereren. Ach ja, Stichwort Erkrankung: Das lässt Kaiser gerne aus. Er macht das, was alle Massnahmenbefürworter tun: Ob das Virus symptomlos nachweisbar ist oder ob man hustend und frierend im Bett liegt, macht doch keinen Unterschied. Hast du das Ding, bist du so gut wie tot. Oder zumindest teilweise hirntot.

Es gibt sehr, sehr viele Studien weltweit, die durchaus interessante Entdeckungen zutage fördern, die aber über die Studie hinaus keinerlei Bedeutung haben. Weil sie nicht sichtbar werden im realen Leben. Was Kaiser macht, wenn nicht aktiv, dann immerhin wenigstens passiv durch Auslassungen: Er suggeriert, dass das Virus nach einer Übertragung grundsätzlich das Hirn schrumpfen lässt und dass das handfeste Auswirkungen hat. Er suggeriert also: Covid-19 = kleineres Hirn.

Wie gesagt: Das lasse ich gern gelten im Rahmen der Spielregeln von Satire. Nur torpediert die Tatsache, dass in der Studie nicht das steht, was er sagt, seine Schlussfolgerungen.

Dann bringt er auch noch Long Covid ins Spiel und zählt dessen Auswirkungen auf, im gleichen Atemzug behauptet er, in der Schweiz würde das Thema auf die leichte Schulter genommen.

Klar. Eine Diagnose, die nicht einmal eine einheitliche Definition hat, deren Betroffene laut Studien (!) zu 97 Prozent unter heftigen Vorerkrankungen gelitten haben, die man einfach bei so gut wie jedem Symptom einsetzen kann und über die seit Monaten praktisch täglich geschrieben wird: Diese Diagnose ist total vernachlässigt und unterschätzt. Es ist zum Heulen.

Die Wahrheit: Es gibt kaum einen grösseren aktuellen Hype als Long Covid, und die Zeichen mehren sich, dass er nicht gerechtfertigt ist (was wie immer das Schicksal einzelner Betroffener nicht schmälert, aber wir sprechen hier vom gesamtgesellschaftlichen Bild). Der gute Kaiser meint nun wirklich, er müsse die Diagnose unbedingt mal wieder in Erinnerung rufen, weil es sonst keiner tue. Liest der keine Zeitung? Oh, sorry, doch, tut er natürlich. Er betet die Inhalte ja nach.

Die Liste verängstigter Bühnenkünstler, die Angst haben (was ich respektiere) und aus dieser Angst heraus die Leute attackieren, die keine Angst haben (was ich nicht respektiere), ist lang. Galionsfiguren sind Mike Müller, Peach Weber und eben Renato Kaiser. Die finden es richtig und wichtig, dass sie ihre Popularität in den Dienst der offiziellen Coronapolitik stellen, sind aber gleichzeitig völlig entsetzt, dass einige wenige ihrer Kollegen das nicht tun.

Ich hatte nie Corona und gehe daher davon aus, dass mein Hirn nicht mal temporär geschrumpft ist. Nur für den Fall, dass der Satiriker meine Zeilen gern auf diesen Umstand zurückführen würde.

Logik ist keine Glückssache. Sondern eine Frage der Intelligenz.

Leute, die aktuell Marco Rima vorwerfen, dass er Entschädigungszahlen aus zwei Jahren Corona erhalten haben, sind sicher begnadete Empörungskünstler. Besonders hell sind sie hingegen nicht. Was sie sagen, macht auf keiner Ebene Sinn.

«Massnahmen kritisieren und dann davon profitieren: Das geht gar nicht!»

Das ist in etwa der Inhalt vieler Leserkommentare, seit bekannt geworden ist, dass Marco Rima seinen Anspruch auf Entschädigungszahlungen aufgrund entgangener Einnahmen durch die Coronamassnahmen eingelöst hat. Es geht laut Medienberichten um 150’000 Franken. Was, wie selbst der zuständige Mensch beim Kanton Zug sagt, nicht ausreicht, um den eigentlichen Verlust zu decken. Es ist einfach etwas an den Schaden.

Die Empörung ist sachlich falsch. Rima war gegen die Massnahmen, er wollte sie nicht, es gab sie dennoch. Warum genau soll er für den Verlust nicht entschädigt werden? Ganz im Gegenteil müsste man sich viel eher fragen, warum Leute entschädigt wurden, die FÜR die Massnahmen waren, sich also die Suppe teilweise selbst eingebrockt haben. Wenn schon, dann müssten sie nun solidarisch bluten, sie wollten es ja offenbar so.

Das ist keine Frage der Haltung, das ist schiere Logik. Wie absurd wäre es, wenn jemand, der etwas ausdrücklich nicht will und danach Verluste erleidet, weil es trotzdem geschieht, dann nicht entschädigt werden dürfte? Dass Marco Rima Geld beantragt und erhalten hat, ist absolut kein Widerspruch, im Gegenteil, es ist nur konsequent. Man hat seine Karriere unterbrochen, obwohl er dafür keinerlei Grund sah, nun wird er wenigstens teilweise dafür entschädigt.

Das ist eben die Kehrseite des neuen Bürgerjournalismus. Man kann seine Meinung auch verbreiten, ohne Ahnung zu haben und ohne einfachste Zusammenhänge zu verstehen.

Rima hat zudem in keiner Weise «profitiert». Er wäre mit Garantie sehr viel lieber auf der Bühne gestanden und hätte seinen Job gemacht. Verunmöglicht hat ihm das eine Politik, die er immer abgelehnt hat. Er nimmt Geld von dem Staat, der ihn phasenweise an der Ausübung seines Berufs gehindert hat, und das ist die Idee hinter den Entschädigungen. Dass einige Leute fordern, staatskritische Leute sollen nichts bekommen, ist beängstigend. Nach diesem Denkmuster könnten wir in Zukunft auch brave Bürger von den Steuern befreien und renitente Kritiker doppelt belegen.

Das Problem ist, dass viele gar nicht mal mehr erst denken, wenn sie getriggert werden von bestimmten Namen. Die Logik ist ausser Kraft gesetzt, der gesunde Menschenverstand auch. Rima? Dann muss es was Schlimmes sein, ich haue vorsichtshalber mal drauf.

Aber es ist eben nicht nur eine reine Personalie. Das Staatsverständnis, das dahinter steht, ist zutiefst beunruhigend. Da draussen wollen einige Leute, dass jemand, der sich im politischen Diskurs engagiert und nicht zufrieden ist mit Regierungsentscheiden, möglichst lang und heftig blutet.

Das hat nichts mehr mit der Schweiz zu tun, die ich mal gekannt habe.

Aber immerhin: Selbst «20 Minuten» kann durchaus fair sein. Die Zeitung hat nachgefragt, und die Antwort könnte deutlicher nicht sein. Zitiert wird Aldo Caviezel, Kulturbeauftragter und Leiter des Zuger Amts für Kultur:

Aber ja, bei vielen wird nicht mal das zur Einsicht führen.

Wer nicht tot ist, ist ein Belästiger

So, nun also Bill Murry. Gegen den Kultschauspieler werden «schwere Vorwürfe» laut. Und ich frage mich, wie man wirklich schwere Vorwürfe nennen soll, wenn das hier schwere Vorwürfe sind. Es wird zum «running gag» hier, ich weiss, aber dennoch: Die Welt spinnt.

Was hat der gute Bill getan? Über Assistentinnen am Filmset hergefallen? Jungen Darstellerinnen eine Rolle versprochen für gewisse Gefälligkeiten? Das wäre in der Tat erstens justiziabel und zweitens sehr widerlich. Nur spielt Murray glücklicherweise nicht in dieser Liga. Was ihm aktuell nicht hilft. Denn heutzutage ist bekanntlich alles ein Übergriff, was das Gegenüber als solchen wahrnimmt. Ein launiges «Guten Morgen» beim Weg zum Auto Richtung Nachbarin kann reichen, wenn sie gerade in der Stimmung dafür ist.

Und hier gibt es das Ganze nachzulesen, aus einer Quelle von vielen.

Und in der Kurzform: Der 71-Jährige hat offenbar mal an einem Set den Arm um eine Dame gelegt, in einem anderen Fall hat er das Haar einer Frau berührt oder beim Vorbeigehen spielerisch am Pferdeschwanz gezogen. Was im Jahr 2022 eigentlich jeden Prozess erübrigt, das sollte direkt in die Todeszelle führen. Was fällt dem Kerl ein? Er hat eine andere Person berührt, BERÜHRT!

Ich war nicht dabei. Ich habe keine Ahnung, was passiert ist. Aber ich gehe schwer davon aus, dass es nach einigen Dekaden Hollywood bereits aufgefallen wäre, wenn Bill Murray ein übergriffiger Lustmolch wäre, der seinen Status ausnützt. Heute reicht es offenbar, wenn man freundschaftlich den Arm um jemanden legt. Weil, und Achtung, nun wird es wirklich schmutzig, «20 Minuten» ausserdem weiss:

Eine weitere Quelle verrät gegenüber dem Onlineportal, dass Murray Single sei und «gerne flirtet».

Wow. Okay, also, das geht natürlich nicht. Single? Und wagt es, zu flirten? Wo sind wir hingekommen? Wüstling, elender! Soll gefälligst heiraten und seine Frau mit Edelprostituierten betrügen, wie es die restliche Filmindustrie tut.

Natürlich reicht das alles, um die aktuelle Produktion des Schauspielers auf Eis zu legen. Es könnte ja noch mehr zum Vorschein kommen, und die Produktionsfirma hätte den Imageschaden. Vielleicht hat Murray mal das Kleid einer Regieassistentin gelobt? Es tut sich ein wahrer Abgrund auf, und vor dem muss man sich schützen.

Ein Tipp an Hollywood: Setzt nur noch Tote ein. Ja, ich weiss, die haben in aller Regel Mühe, den Text zu lernen und wirken vor der Kamera auch nicht besonders lebendig, aber immerhin werden sie niemals den Arm um jemanden legen oder an einem Pferdeschwanz ziehen. So ist die Industrie auf der sicheren Seite.

Bill Murray wiederum wird aktuell nicht sehr viele Fürsprecher haben. Denn wenn man nun nicht in den aktuellen Aufschrei einstimmt, ist man ein Verharmloser und irgendwie auch ein Mitbelästiger. Das will niemand sein. Ausser die Leute vielleicht, denen angesichts des grassierenden Wahnsinns irgendwie alles schon egal ist. Wie ich zum Beispiel.

Lena Meyer-Landrut fürchtet sich

Soll man sich über Leute lustig machen, die die staatlich aufgebaute Paranoia zum eigenen Lebensentwurf gemacht haben? Irgendwie natürlich nicht. Aber andererseits stellt sich auch die Frage, ob man denn inzwischen wirklich für alles Verständnis haben muss.

Ab Juni wäre Lena Meyer-Landrut, die einst von Stefan Raab entdeckte und geförderte deutsche Sängerin, auf grosser Tour gewesen. Diese hat sie nun abgeblasen. Grund: Sie fühle sich dabei nicht wohl und wolle die grosse Verantwortung nicht übernehmen. Denn bei Konzerten treffen sich natürlich viele Menschen zur gleichen Zeit zwischen vier Wänden. Nachlesen kann man das unter anderem hier.

Der Musikerin ist es offenbar ernst damit, es ist kein Marketingtrick, um ein bisschen Aufmerksamkeit zu garnieren. Ihre Tourabsage sei unter Tränen erfolgt, heisst es in den Medienberichten. Die Frau hat also wirklich Angst. Ob um sich selbst oder um die Gesundheit ihrer Fans oder beides, das wird nicht ganz klar. Sie lässt sich wie folgt zitieren:

«Ich möchte mit euch zusammen Konzerte erleben, wenn wir alle sorgenfreier sind und uns in den Armen liegen und feiern können. Gemeinsam eine unbeschwerte Zeit haben dürfen.»

Der grosse Unterschied zu früher, also zur Zeit vor 2020: Damals hätte man eine solche Ansage als persönlichen Spleen einer überforderten Künstlerin abgetan. Und man hätte ihr allenfalls auch freundschaftlich dazu geraten, sich fachliche Hilfe zu holen. Wer im April 2022 angesichts der aktuellen Lage Angst davor hat, im Juni 2022 Konzerte mit Publikum zu veranstalten, hat ein gröberes Problem. Dieses ist natürlich auch das Ergebnis der zwei Jahre andauernden Panikmache und Übertreibungen, aber man muss auch als Person erst mal so konditioniert sein, dass man ernsthaft sogar noch über die allgemeine Hysterie hinaus geht und Angst davor hat, in Zeiten totaler Entspannung eine Sommertour durchzuführen.

Aber eben, diese Fragen hätte man sich früher gestellt. Heute hingegen brandet der Dame viel Verständnis von der Öffentlichkeit entgegen. Der eigenen Karriere temporär zu entsagen, um die Gesundheit der Allgemeinheit zu schützen: Das gilt als selbstlos und verantwortungsvoll. Ernsthaft. Es gibt Leute, diese diese Entscheidung beklatschen. Im Sinn von: Endlich mal jemand, der das alles nicht auf die leichte Schulter nimmt!

Persönlich bin ich nicht betroffen von einer Tourabsage von Lena Meyer-Landrut, ich hatte nicht vor, ein Konzert zu besuchen. Aber Leute wie sie tragen natürlich dazu bei, dass die gesellschaftlich verankerte Paranoia weiter zementiert wird. Es muss doch irgendwie noch gefährlich sein, wenn sie auf keine Bühne will, nicht wahr? Vielleicht sollten wir also doch vorsichtshalber wieder die Maske flächendeckend implementieren, den einen oder anderen Lockdown inszenieren und das gute alte Zertifikat aus der Mottenkiste holen?

Ich habe wirklich nichts gegen die Dame. Sie wirkt auf mich sogar sympathisch, und wenn ich könnte, würde ich ihr gerne helfen. Nur: Womit denn bitte? Mit Fakten? Mit Zahlen? Aussichtslos. Sie ist gefangen in einer Spirale der Angst, und das ohne Ablaufdatum. Wann soll sie bitte ihre Sommertour nachholen? Im Herbst vielleicht, wenn vermutlich die vereinigten Regierungen der Welt die erwähnte Spirale wieder offiziell anschieben?

Stattdessen schreibt sie nun eben neue Songs. Die kann man danach gefahrlos verbreiten. Im schlimmsten Fall holt man sich dabei einen Computervirus. Aber wenigstens nicht dieses supertödliche Ding.

Zuerst zum Coiffeur, dann darfst du auf die Bühne

Ein Schuss Irrsinn gefällig? Aber Vorsicht: Das Lesen der folgenden Zeilen kann zu nachhaltig wirksamen Traumata führen. Eine mögliche Konsequenz ist beispielsweise: Man zieht in den Wald und will mit dieser Welt nichts mehr zu tun haben. Wir präsentieren: Die Frisuren-Nazis der Klimabewegung.

«Fridays for Future» gibt es immer noch. Die Klimaaktivisten leiden ein bisschen, weil sie zuerst von Corona und dann vom Ukrainekrieg aus den Schlagzeilen geschubst wurden, aber nun ist es Zeit für neue Lebenszeichen. In Deutschland will «FFF» am Freitag – ja, wann denn sonst – wieder mal auf die Strasse gehen. Ein bisschen demonstrieren, kurz mal aufzeigen, dass wir alle bald sterben und fordern, die Demokratie durch eine Klimadiktatur zu ersetzen. Verbunden mit einem Schuss Kultur.

Allerdings ohne eine bestimmte Musikerin, die ursprünglich für ein Konzert vorgesehen war. Wie die BILD-Zeitung schreibt, hat FFF Hannover die Dame ausgeladen, weil sie Dreadlocks trägt. Sie ist im Bild oben (aus ihrem Instagramprofil) zu sehen.

Das sind übrigens so die Momente, indem ich kurz innehalte, die Hände von der Tastatur entferne, den letzten Satz noch einmal anschaue und denke: Ne, äh, kaum, oder? Habe ich das wirklich geschrieben? Mehr noch: Habe ich es geschrieben, weil es wirklich so ist und nicht etwa, weil meine Fantasie gerade auf einem wilden Pferd davon galoppiert ist?

Leider nicht Letzteres. Es ist die Realität. Was die weisse Musikerin mit ihren Dreadlocks macht, ist «kulturelle Aneignung». Meine geschätzten Leser wissen, dass ich mich dem Thema schon einmal angenommen habe.

Äussere Merkmale zur Kategorisierung von Menschen zu verwenden und ihnen daraus Nachteile angedeihen zu lassen: Das ist pfui. Man darf es aber offenbar, wenn man einen rassistischen Hintergrund dazu fabriziert. Lustigerweise (das Wort «lustig» ist nicht wörtlich zu nehmen) grenzen exakt die Leute heute munter andere aus, die früher bei jeder Art solcher Diskriminierung an der Decke klebten.

Und deshalb hat «Fridays for Future» der besagten Dame nun ernsthaft nahe gelegt, sie soll sich die Haare schneiden, dann dürfe sie auch auftreten. Auch das hätte ich nicht mal erfinden können, dafür reicht meine Vorstellungskraft schlicht nicht.

Irgendjemand beschliesst auf der Basis von sehr viel Halbwissen und noch viel mehr Empörungsfähigkeit, was eine junge weisse Frau im Jahr 2022 mit ihrem Körper tun darf und was nicht. Daraus leitet man Regeln ab, die dann wiederum zu Sanktionen führen. Und keine Sekunde lang merken diese Leute, wie absurd ihre Handlungen sind. Wie sie von Montag bis Donnerstag Antifa-Parolen schreien und am Freitag den Frisuren-Nazi spielen.

Ich merke gerade: Es gäbe zum Thema sehr viel zu sagen, aber mir ist ein bisschen schlecht. Ich lasse es.

Und der Preis geht an… Oh. Mein. Gott.

Es gibt mehr Auszeichnungen für Schweizer Künstler, als es Schweizer Künstler gibt. Daher kommt jeder mal an die Reihe. Mindestens ein Mal. Aber das hier… ernsthaft?

Wer hat kürzlich mal so richtig gelacht über Mike Müller? Ja, klar, wir haben das alle oft getan, aber ich meine: Wann haben wir kürzlich mal so richtig gelacht über Mike Müller, als dieser auch WOLLTE, dass wir lachen? Also, nicht unfreiwillig, sondern bewusst herbeigeführt?

Keine Ahnung. Ich kann mich persönlich jedenfalls nicht daran erinnern. Klar, der Mann hat jahrelang tadellos einen Kaffee für Victor Giacobbo rausgelassen und dann, endlich wieder in seinem Stuhl angelangt, artig vorgelesen, was ihm seine Pointenschreiber vorbereitet haben. Aber ansonsten? Und danach?

Ich kann mich eigentlich nur an seine Twitteraktivitäten erinnern. Der Müller, der am Rad dreht. Der offenbar in permanenter und überbordender Angst um sein eigenes Leben ist. Der von der drohenden Gefahr für Leib und Leben überzeugt war und jeden, der um ein bisschen Verhältnismässigkeit gebeten hat, in niederster Art und Weise diskriminiert hat. Der Mike Müller ist mir ziemlich präsent. Ich finde, wenn jemand auf der Bühne lustig ist, darf er abseits der Bühne auch austeilen. Kein Problem.

Aber eben: Wenn.

Nun wird der bewusste Mike Müller mit einem Kleinkunstpreis ausgezeichnet, dem «Cornichon», nachzulesen hier. Wir gönnen ihm das leicht inzestuös angehauchte Erfolgserlebnis (eine in sich verschworene Gemeinschaft belohnt die treue Gefolgschaft zu der Gemeinschaft), aber die Frage sei erlaubt: Was bitte ist dieser Preis wert? Nicht in Geld. Nur in Bedeutung.

Es geht bei der aktuellen Preisverleihung nicht um die Frage, was jemand auf der Bühne leistet. Sondern um alles daneben. Müller war der Inbegriff der Gehorsamkeit. Der Mann, der nicht nur geschwiegen hat – wie das leider viele Künstler taten –, sondern der auch proaktiv in den Schoss der Leute gekrochen ist, die ihn das Jahr über füttern. Vielleicht hat er es wirklich aufgrund einer persönlichen Paranoia getan, dann tut mir mein harsches Urteil leid. Aber ein Schuss Opportunismus war mit Garantie mit dabei. Wer stets die Nase im Wind hatte, hat früh begriffen, dass es der Karriere förderlich ist, wenn man nachbetet, was die Brötchengeber – also der Bund, die SRG und Co. – vermitteln.

Aber Müller hat natürlich mehr getan als nur das. Er hat uns allen (also auch denen, die einige durchaus berechtigte Fragen zu den Coronamassnahmen hatten) vermittelt, dass wir die letzten Deppen sind, dass wir eigentlich gar nichts sagen dürften und dass er sich ein klein wenig, also, nur ansatzweise, nach einer Diktatur sehnt, die denen die Gurgel zuschnürt, die nicht einfach «Ja, Regierung, bitte mehr davon!» sagen.

Der Mann ist der Absolutismus in Person. Er hat nie auch nur ansatzweise signalisiert, dass es allenfalls möglich sein könnte, dass Zweifel berechtigt sind. Stattdessen hat er alle Zweifel in einen Topf mit einem von ihm selbst angerichteten unappetitlichen Brei geworfen und sinngemäss verkündet: «Wer nicht an meiner Seite ist, gehört ausgeschlossen aus der Gesellschaft.»

Damit war er nicht allein. Alles andere als das. Die Frage ist nur, warum man das mit einem Preis belohnen muss. Der einzige Trost ist, dass sich kein Schwein für diesen Preis interessiert.

Klar, er hatte gute Gesellschaft. Peach Weber beispielsweise ist auch gefangen in den eigenen Angstzuständen und betrachtet jeden, der sich um allfällige Kollateralschäden für die Gesellschaft sorgt, als potenziellen Mörder. Aber der gute Peach wollte ja nie mehr sein als der Mann, der mit einem Notenständer vor sich abgekupferte Schenkelklopfer wiedergibt. Das kann ich in dieser formvollendeten Banalität sogar irgendwie respektieren. Aber Mike Müller ist eine andere Liga. Der tut leider so, als wäre er mehr als das. Und nun, dank dem erwähnten Preis, glaubt er das vermutlich sogar wirklich.

Es gab eine Zeit, da wurden Künstler nicht nur an dem gemessen, was sie darbieten, ob auf einer Leinwand oder auf einer Bühne, sondern an dem, was sie als Ganzes repräsentieren. Die Kunst war der Stachel im Fleisch der Mächtigen, immer an der Seite derer, die unter dieser Macht litten. Neuerdings kommt man als Künstler zu höchsten Ehren, wenn man die Macht blind verteidigt und auf die eindrischt, die diese Macht begrenzen wollen.

Ich habe nie etwas gehalten von Kulturförderung und irgendwelchen Kulturpreisen, die letztlich nur dazu dienen, Leute durchzufüttern, die es auf dem freien Markt nicht schaffen. Diese Idee des kulturellen Heimatschutzes erhält nun leider weiter Auftrieb. Offensichtlich ist man nicht nur vor dem Staat, sondern sogar vor der eigenen Branche der Held, wenn man das eigenständige Denken einstellt und unreflektiert übernimmt, was einem vorgekaut wird. Müller ist das beste Beispiel dafür.

Wenn Kunst heute noch wäre, was sie sein müsste, wäre der «Cornichon» an jemanden gegangen, der den Idealen der Kunst nachlebt. Marco Rima beispielsweise oder Andreas Thiel. Jemanden, der ohne Rücksicht auf Verluste seine Haltung vertritt. Der sich keine Gedanken darüber macht, was das für die eigene Karriere bedeutet und der erst recht nicht – meine Güte, ernsthaft, wie banal – Angst vor einer Erkrankung hat. Der bis zum bitteren Ende für die Werte unserer Gesellschaft einsteht. Stattdessen geht die Auszeichnung an einen, der seine eigene Paranoia zum Massstab für alle gemacht hat und dadurch nebenbei noch zum Liebkind des Establishments geworden ist.

Kulturpreise? Spätestens jetzt: In die Tonne treten. Sie sind nur die Weiterführung der staatlich abgesegneten Beliebigkeit.

Endlich kann man darüber lachen

Nein, kann man natürlich nicht. Jedenfalls nicht generell. Aber immerhin mal einen Abend lang. Ich habe mich nach langem Zögern getraut, die Realsatire in Bühnensatire zu verwandeln. Hart war das nicht. Nie war es einfacher als heute, Pointen zu setzen. Sie wurden einem ja zwei Jahre lang frei Haus geliefert.

Ich habe zwar nicht viel von der Gegend gesehen, aber die «Konservi Seon» (im Bild) empfehle ich allen Freunden der Kultur. Wunderschöner Saal, nette Leute. Hier durfte ich mein Kabarettprogramm «Die Corona-Therapie» uraufführen. Erste Ideen dazu gab es schon im Herbst 2021. Aber irgendwie war es zu früh, sich dem Ganzen von der sarkastischen Seite zu nähern. Wir steckten noch mittendrin. Es galt immer noch, sich in der realen Politik gegen den Wahnsinn zu stemmen, die Illusion, die eine Bühne hervorruft, schien mir noch nicht angebracht. Aktuell sind wir zumindest zum grössten Teil von den unmittelbarsten Einschränkungen befreit, und auch wenn viele auf die baldige Aufarbeitung dieser zwei Jahre hoffen, liess sich nun halbwegs entspannt die Perspektive wechseln.

Ich habs auf der Bühne gesagt, und es ist die reine Wahrheit. Die kabarettistische Umsetzung der beiden Coronajahre ist mit früheren Programmen nicht zu vergleichen. Dort, wo man sonst gerne eine Sachlage zuspitzt, um den humoristischen Effekt zu erzielen, war das dieses Mal nicht nötig – und auch kaum möglich. Es gab schlicht kein Steigerungspotenzial dessen, was in der Realität veranstaltet wurde. Wie will man beispielsweise das Gebaren der wissenschaftlichen Task Force karikieren? Oder anders gefragt: Wie soll denn eine Karikatur der Karikatur bitte aussehen?

Oder ein anderes Beispiel. Würde man in einem Film eine leicht abgedrehte Figur mit missionarischem Wahn so darstellen wie Karl Lauterbach, würden Kritiker vermutlich bemängeln, das sei zu viel des Guten, zu weit weg von der Realität, zu sehr Fiktion. Aber Lauterbach ist Realität, und in dieser Realität wurde er erst noch belohnt für die massenhafte Verbreitung der schieren Paranoia. Eine echt Welt, echte Ereignisse – aber eine Story, die ein Drehbuchlektor in die Tonne werfen würde. Glaubt uns kein Mensch, würde er sagen.

Also: Viel tun muss man nicht bei einem satirischen Rückblick auf die Coronasituation. Die Realsatire war allgegenwärtig, die Widersprüche mit Händen greifbar. Gelacht wird nicht, weil das, was geschehen ist, so furchtbar lustig ist. Gelacht wird, weil Realsatire und Widersprüche in der Ballung ein Panoptikum der Absurditäten zeigen. Zwei Jahre im Zeitraffer machen deutlich, was mit uns gemacht wurde – und was wir über weite Strecken mit uns haben machen lassen. Das kann Grund zur Verzweiflung sein, aber eben, dafür ist die Bühne da: Damit diese Verzweiflung weggelacht werden kann. Was nicht heisst, dass man sich dem Ganzen nicht parallel dazu auch mit dem nötigen Ernst widmen sollte. Weiterhin.

Und hier ein Event-Tipp. Total selbstlos natürlich.

Juhu, man lässt mich wieder raus. Sogar auf andere Menschen. Sogar auf eine Bühne mit einem Publikum. Das mache ich natürlich gleich. Wer Lust und Zeit hat: Freitag, 11. März 2022 in der «Konservi» in Seon. Willkommen bei meiner ganz persönlichen «Corona-Therapie».

Ich darf einen Abend lang über all die Psychosen und meine Extrakilos sprechen, die sich in den letzten zwei Jahren angesammelt haben, und die Leute bezahlen sogar Eintritt, um das zu sehen und zu hören? Da bin ich gerne dabei. Und vielleicht der eine oder andere von Euch auch?

Nach einer zwei Jahre langen Kunstpause darf ich endlich wieder (offiziell) vor Zuschauer treten. Die «Konservi» in Seon machts möglich, verbindlichsten Dank.

Hier die Details zum Programm:

15 Kilo mehr auf den Rippen und seit Monaten ununterbrochen als «Kunde des Monats» auf einer Tafel beim lokalen Getränkehändler verewigt: Das ist die Bilanz von Stefan Millius nach zwei Jahren Corona. Höchste Zeit für eine Verarbeitung des Geschehens zur persönlichen Psychohygiene. Was war da eigentlich los und vor allem: Wie wird er diese Kilos und das Bier-Abo wieder los? Eine rabenschwarze Rückschau auf den nackten Wahnsinn. – Anschliessend gibt es die Möglichkeit, das neue Buch von Stefan Millius zu kaufen und signieren zu lassen.

Ort: Konservi Seon, Seetalstrasse 2, 5703 Seon
Datum: Freitag, 11. März 2022
Türöffnung: 18 Uhr
Showbeginn: 20.15 Uhr

Also, wer mag und kann: Bitte Tickets per E-Mail bestellen unter dieser Adresse, bezahlt wird direkt vor Ort. Ich freue mich auf alle Leserinnen und Leser, die ich auf diese Weise endlich mal persönlich kennenlerne.

«Schreib!»: Jetzt vorbestellen

Noch rechtzeitig vor Weihnachten wird mein neues Buch «Schreib!» erscheinen. Sie können es bereits vorbestellen.

Auf 264 Seiten erzähle ich in «Schreib!» aus meinen 30 Jahren als Journalist, Buch- und Drehbuchautor und Filmemacher. Parallel dazu gibt es Einblicke in meine Technik und in das, was ich für essentiell halte für jeden, der selbst schreiben will. Nicht im Sinn einer trockenen Anleitung, sondern praxisnah. Ich glaube nicht daran, dass man Bestseller nach einer fixen Technik anfertigen kann. Es geht darum, überhaupt den Mut zu fassen, zu schreiben. Denn Geschichten sind in uns allen. Was uns daran hindert, ihnen Raum zu geben, ist oft eine falsche Zurückhaltung.

«Schreib!» ist im Sommer 2021 entstanden, als ich in unserem Ferienhaus in Wallis sass, verzweifelt schreiben wollte, aber das Wort «Corona» nicht mehr hören konnte. Deshalb habe ich die Flucht in die Vergangenheit angetreten. Ohne behaupten zu wollen, meine berufliche Lebensgeschichte sei einzigartig, wurde mir beim Schreiben doch bewusst, dass es ein spannender Einblick in eine Branche werden kann, die die meisten nur vom Hörensagen kennen. Wie entsteht eine Story beim «Blick», was lief ab bei den ersten Gehversuchen der privaten Schweizer TV-Stationen, wie laufen Dreharbeiten bei einem Kinofilm mit bekannten Schweizer Schauspielern und Laien?

Das und mehr erzähle ich hier, verbunden mit einem Einblick in meine persönliche Arbeitsweise. Wenn es eine unterhaltsame Lektüre ist: Mission erfüllt. Wenn es Sie oder Menschen, die Sie kennen, dazu verführt, das Abenteuer selbst zu wagen: Umso besser.

Das Buch ist derzeit in Produktion und sollte vor Weihnachten auslieferbar sein, bestellbar aktuell direkt beim Verlag. Der Verkaufspreis liegt um die 20 Franken plus Porto. Später wird «Schreib!» auch in ausgesuchten Läden erhätlich sein.

Wer vorbestellen mag: E-Mail an den Verlag unter info@qultur.ch mit Angabe der Adresse reicht.

Ach, Hazel

Sie und ihr Mann treffen nur noch geimpfte Menschen, lässt die Bühnenkünstlerin Hazel Brugger verlauten. Das ist ihr gutes Recht. Man darf auch Rothaarige, besonders Intelligente oder Hundebesitzer aus dem eigenen Leben entfernen. Man darf fast alles. Es lässt eben einfach sehr tief blicken.

«Thomas und ich werden bis Jahresende niemanden mehr privat treffen und/oder mit keinem kollaborieren, der/die nicht geimpft ist. Es geht einfach nicht mehr»: So die Botschaft von Hazel Brugger auf Instagram. Ausserdem bemühe sie sich schnellstmöglich um den Booster, denn: «Safety first.»

Safety first: Gutes Motto. Ich schnalle mich an im Auto, ich steige nicht mit dem Haarföhn in die Badewanne, und ich klettere selten ohne Sicherung auf die Spitze des Eiffelturms. Es gibt Dinge, die machen Sinn. Und wenn ich nicht gerade 4 Promille im Blut habe, halte ich sie auch ein. Das mit dem Eiffelturm wäre mir sowieso zu anstrengend.

Dann gibt es andere Dinge, auf die ich nie verzichten würde, nur um «safe» zu sein. Ganz einfach, weil Nutzen und Ertrag eines Verzichts in keinem Verhältnis stehen. Ich grenze beispielsweise – und es ist natürlich ein total willkürliches Beispiel – nicht einfach andere Menschen aufgrund ihrer freien Entscheidung aus meinem Leben aus, nur um mir ein Virus zu ersparen, das mich zu über 99 Prozent Wahrscheinlichkeit ziemlich unbehelligt lässt in meiner Gesundheit. Vor allem dann nicht, wenn auch die anderen Leute, die ich gnädigerweise noch in mein Leben lasse, das Virus übertragen können.

Würde ich es anders halten, wäre das nicht mehr «Safety first», sondern nackte Paranoia.

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Natürlich unterstelle ich Frau Brugger keine Paranoia. Was sie tut, macht aber eben einfach keinen Sinn. Wenn sie sich so furchtbar vor Corona fürchtet, müsste sie ihr Umfeld wenn überhaupt auf Getestete einschränken. Die garantiert keine Virenträger sind. Bei Geimpften kann sie das leider nicht so genau wissen. Und sie müsste wissen, dass sie es nicht wissen kann. Die Informationen sind ja alle da, die sie braucht. Sie will sie offenbar nicht so genau kennen. Sie möchte lieber Sprachrohr für eine Kampagne spielen. Irgendwie logisch, die Leute, die die Kampagne orchestrieren und weiter verbreiten, sind ja die Leute, die sie füttern. Das Fernsehen, die öffentliche Hand mit irgendwelchen Kulturpreisen. Ich verstehe das, wirklich. Ich esse auch gern gut. Und das kostet. Brugger war ja schon als Maskenbotschafterin aktiv. Es passt irgendwie.

Aber vielleicht tue ich ihr ja auch Unrecht und sie hat wirklich Angst. Sie glaubt vielleicht wirklich daran, akut an Leib und Leben bedroht zu sein. Und sie glaubt wirklich, dass sie geschützt ist, wenn sie ihren persönlichen Umgang auf Geimpfte dezimiert. Dann tut mir das natürlich sehr leid. Es muss schrecklich sein, hinter jedem Menschen, der keinen QR-Code auf dem Smartphone hat, eine Gefahr zu vermuten. Eine sehr lebens- und lustfeindliche Haltung.

Ich versuche, mir diesen Stress im Alltag vorzustellen. Und wie handhabt sie das eigentlich genau? Nehmen wir an, sie hat eine Vorstellung, und Leute wollen danach mit ihr sprechen, vielleicht sogar ein Autogramm haben. Klar, die sind alle 3G im Publikum, aber vielleicht hat es darunter ja auch, zu Hilfe!, solche, die nur genesen oder getestet sind? Fragt Hazel Brugger die Leute dann nach dem Impfstatus? Fordert sie einen Beleg und schickt die Fans, die nicht geimpft sind, lautstark weg, nachdem sie sich zuvor mit einem doppelten Rückwärtssalto in Sicherheit gebracht hat? Denn: Safety first!

Oder im privaten Rahmen. Lasst uns einen lustigen Abend mit Freunden machen, aber auf der Einladungskarte steht: «Nur für Geimpfte». Der Gedanke wirkt für den Bruchteil einer Sekunde lustig, bevor er zur Tragödie wird. Aber es ist ja nicht nur die gute Hazel. Die ganze Welt verschickt aktuell solche Einladungskarten. Als wenn es völlig normal wäre.

Irgendwie traurig. Nicht für die Leute, die Madame Brugger nun nicht mehr empfängt, sondern für sie selbst. Sie ist eine Gefangene ihrer eigenen Panik. Die den ganzen Tag nur noch über die Schulter schaut, ob sie von einem umgeimpften Zombie verfolgt wird, der sie vielleicht sogar anfassen möchte. Und kurz darauf liegt sie – nach einer Echtzeitansteckung – röchelnd auf dem Asphalt. Spitalpflege hat sie auch nicht zu erwarten, denn unsere Spitäler sind ja bekanntlich hoffnungslos überbelegt.

Ich nehme an, sie glaubt auch das. Natürlich glaubt sie auch das. Sie glaubt alles.

Ausser den vielen Zweifeln an dem, was sie glaubt. Denen glaubt sie nicht. Denn wo kämen wir denn da hin, wenn man nicht mehr glauben kann, was in der Zeitung steht? Und wenn man nicht mal mehr einfach überlesen dürfte, was mittlerweile auch in der Zeitung steht und das ziemlich deutlich zeigt, dass es albern ist, nur noch Geimpfte zu treffen? Weil das in keiner Weise eine Garantie ist?

Hazel Brugger will nicht zweifeln. Sie will verzweifelt weiter glauben, was sie aufgeschnappt hat. Der beste Weg dorthin ist die hemmlungslose Offensive. Die hat sie angetreten. Mit einer überaus menschenverachtenden Botschaft.

Aber vielleicht will Hazel Brugger ja auch einfach einen ruhigen Jahresausklang. Vielleicht mag sie gar keine Leute treffen. Vielleicht will sie ihren verrückten Cousin oder eine lästige Tante, beide ungeimpft, von der Weihnachtsfeier aussperren auf eine elegante Art.

Das wiederum würde mich schon fast wieder beeindrucken.

Fördert das Schweizer Filmschaffen! – Äh, welches Filmschaffen?

Wer auch immer sich das ausgedacht hat: Die Medikamentierung ist falsch eingestellt. Die «Lex Netflix» ist ein an Absurdität schwer zu überbietendes Ding. Man will uns mal wieder etwas aufzwingen, was gar keiner will.

Streamingdienste sollen ein paar Prozent ihrer Einnahmen abdrücken, um das Schweizer Filmwesen zu pushen (und würden diese Prozente natürlich an die Abonnenten überwälzen). Gleichzeitig müssten sie einen erklecklichen Teil ihres Angebots dem Schweizer Filmschaffen widmen und dieses möglichst prominent bei sich anpreisen. Das in etwa ist der Inhalt des umgangssprachlich «Lex Netflix» genannten Vorhabens der Politik.

Man könnte die Sache hier abkürzen und einfach feststellen: Es ist mit Sicherheit nicht die Sache des Staates, privaten Anbietern ihr Angebot vorzuschreiben und erst noch Geld von ihnen abzuführen, um eigene Bedürfnisse abzudecken. Das ist auf so vielen Ebenen falsch, dass man es für eine Erfindung der Schildbürger hält. Darüber hinaus gibt es aber auch noch ganz konkrete Gründe, warum das Schweizer Filmschaffen nicht auf diese spätsozialistische Weise «gefördert» werden sollte.

Ich bin ein Streamer. Ich habe seit Ewigkeiten kein lineares TV mehr geschaut. In meiner Kindheit war 20.15 Uhr eine Art heiliger Gral, aber heute gibt es keinen guten Grund mehr, mir von Programmverantwortlichen vorschreiben zu lassen, was und wann ich es sehen will. Rund um den Globus, und das ist das Verdienst der Streaminganbieter, gibt es derzeit unzählige fantastische TV-Produktionen, seien es Filme oder Serien, und ich kann mir für relativ wenig Geld aussuchen, wonach ich gerade Lust habe. Das hier ist das Jahr 2021, und da sollte es nicht anders sein.

Aber eben, der Protektionismus. Die doofen Schweizer stürzen sich auf Hollywood, ziehen sich perfekt gemachte spanische oder nordische Produktionen rein und lassen Schweizer Werke einfach links liegen – das kann es doch nicht sein!

Also sollen die Streamingdienste mindestens mal 4 Prozent von dem, was sie bei uns verdienen, an den Staat abdrücken und sich gleichzeitig verpflichten, das Schweizer Filmschaffen ins Schaufenster zu stellen, und das in geballter Weise. Das will die «Lex Netflix» erreichen. Kommt sie durch, gilt sie, und wenn sie nicht eingehalten wird, dann… ja, was denn dann eigentlich? Zieht man Netflix, Sky, Amazon Prime usw. den Stecker? Das möchte ich gerne sehen. Wirklich.

Ich habe auch mal einen Kinofilm gemacht, und ich bin stolz darauf. Ein weiterer wird bald zu sehen sein. Es ist schön, wenn wir nicht nur Filme konsumieren, sondern sie auch realisieren. Aber ein staatlich verordnetes Recht auf Streamingpräsenz, egal, wie gut oder schlecht der Streifen ist? Erfolgreiche Unternehmen sollen unser Filmschaffen alimentieren, ohne zu wissen, was rauskommt dabei?

Es gibt eine Art lauwarmen Streamingdienst namens «Play Suisse». Es käme mir am Feierabend nach einem harten Tag nicht in den Sinn, dort nach Unterhaltung zu suchen, weil ein Treffer reine Glückssache ist. Es gibt ganz einfach nicht genug Schweizer Produktionen, welche die ganze Welt elektrisieren, und auch für die eigene Bevölkerung reicht es selten. Daran ändern auch 4 Prozent der Streamingeinnahmen nichts. Die Dänen machen es uns vor, die Spanier, viele andere, sie werfen Serien auf den Markt, die man überall sehen will, wir aber schaffen es nicht. Haben die mehr Geld als wir? Kaum. Aber sie haben Ideen und sind mutig.

Die Schweizer Lösung heisst Zwang. Zwangsabgabe der Streaminganbieter, Quote beim Angebot. Dafür müssten Netflix und Co. dann vermutlich Produktionen rauswerfen, die wir wirklich sehen wollen. Was für eine absurde Form von Heimatschutz.

Es gibt einen Markt. Lanciert eine Serie, die man gesehen haben muss, und Netflix wird sich drauf stürzen. Die wollen ja gute Inhalte. Und sie wollen Geld verdienen. Die beiden Dinge lassen sich durchaus verbinden. Aber ganz bestimmt nicht mit Zwang. Daraus entsteht nie was Gutes.

Unser Problem ist, dass wir panische Angst vor Unterhaltung haben. Es muss immer eine Botschaft rein. Gesellschaftlich wertvoll, politisch korrekt. «Haus des Geldes» im Umfeld unserer Nationalbank: Das hätte doch niemand gefördert. Ist doch pädagogisch nicht wertvoll, wenn eine Bande von Kriminellen zu Helden wird. Lasst uns stattdessen ein Sozialdrama machen, das gesellschaftliche Missstände beleuchtet, und dafür werden die drei oder vier Schauspieler eingesetzt, die wir immer nehmen. Bloss nichts wagen? Das ist in aller Kürze der Schweizer Film.

Und dem will man nun mit einer Zwangsabgabe mehr Mittel zuführen und ihm gleichzeitig mit einem Zwang einen fixen Platz bei den Streaminganbietern verschaffen. Die Beamten des Bakom werden dann Tag für Tag kontrollieren, dass Netflix und Co. das machen, was unsere Demokratie beschlossen hat. Schönes neues TV.

Ein kleiner Tipp an die Leute, die auf diese Weise das Schweizer Filmschaffen fördern wollen: Finanziert einfach etwas, das die Streaminganbieter aus eigenem Antrieb zeigen WOLLEN, weil es funktioniert und ein Publikum findet. Dann sind wir endlich auf der Landkarte des internationalen Films, dann bringen auch Produzenten Geld, dann erfüllt sich eure Wunschquote von ganz allein.

Was gut ist, setzt sich durch früher oder später. Quoten sind nichts anderes als ein Mittel, um Sterbende noch eine Weile lang halbwegs am Leben zu erhalten.

Lieber Peach Weber

Wir kennen uns nicht. Aber ich weiss immerhin, wie Sie ticken. Und ich frage mich, ob Sie sich immer bewusst sind, was Sie sagen, wenn Sie mal nicht mit einem fixen Drehbuch auf der Bühne sitzen. Ein offener Brief.

Wobei: Lassen wir das mit dem «Sie». Ich erlaube mir, Dich zu duzen, lieber Peach. Du bist ja eine Art Volkseigentum. Und ich werde auch lieber geduzt, alles andere macht mich so alt. Ich hoffe, das ist in Ordnung.

Dein Leib- und Magenblatt ist aktuell der «Blick». Der zerrt alles hervor, was seiner Coronalinie entspricht, und Du erfüllst das Profil. Treu ergeben betest Du nach, was Blick und Co. schreiben, lässt nicht den leisesten Zweifel zu. Das ist in Ordnung. Schwieriger wird es, wenn Du Deinen bescheidenen Wissensstand, der ganz offensichtlich nicht das Ergebnis eigener Bemühungen ist, dazu verwendest, andere auszuschliessen.

Das hast Du getan. Und das Ergebnis ist ziemlich fürchterlich.

Gemäss dem neuesten Beitrag möchtest Du Leute, die sich der aktuellen Corona- beziehungsweise der Impf- und Zertifikatspolitik entgegenstellen, gerne «psychiatrisch untersuchen lassen». Man kann es auch anders ausdrücken: Aus Deiner Sicht spinnen die alle. Das kann man nur behaupten, wenn man überzeugt ist, dass die offizielle Sichtweise eine Art Naturgesetz ist und alles andere völlig verrückt. Etwa so, wie wenn man sagen würde, die Erde sei flach oder es gebe keine Schwerkraft. In diese Kategorie steckst Du Leute, die sagen, es sei nicht in Ordnung, mit einer Zertifikatspflicht Menschen vom gesellschaftlichen Leben auszuschliessen. Sie werden also ausgegrenzt und von Dir so en passant auch gleich für verrückt erklärt. Nett, wirklich nett.

Ich nehme an, es macht keinen Sinn, Dir zu sagen, wie man als geistig völlig gesunder Mensch zum Schluss kommen kann, dass die aktuellen Massnahmen weder verhältnismässig noch sinnvoll sind. Da würde man viel Zeit darauf verwenden, aber wenn morgen Deine Stammzeitungen wieder von übervollen Intensivstationen aus lauter Ungeimpften fabulieren, bist Du geistig wieder weg. Vergebene Liebesmühe.

Es geht gar nicht darum, Dich vom Gegenteil Deiner Auffassungen zu überzeugen. Nur darum, sanft anklingen zu lassen, dass es gute Gründe dafür gibt, die Dinge anders zu sehen. Und zwar, bitte festhalten, gemäss dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Wenn man wie Du einfach unbesehen glaubt, dass nur die von Politik und Medien handverlesenen Wissenschaftler richtig liegen und alle anderen falsch (oder eben psychiatrisch untersucht werden sollten), dann ist es natürlich schwierig, das zu akzeptieren. Aber hast Du Dir jemals Gedanken darüber gemacht, wieso der eine bislang hochdekorierte Virologe plötzlich zur umstrittenen Unperson wird und ein anderer, in keiner Weise ausgewiesener, gleichzeitig als Benchmark gilt? Nicht? Das müsste man vielleicht bei Gelegenheit untersuchen lassen.

Ich finde Dich eigentlich recht lustig. Ich würde mir kein Ticket zu einer Show von Dir kaufen, weil mein Humor ein bisschen anders gelagert ist, aber was ich gelegentlich sehe, ist erheiternd. Ich finde es auch völlig in Ordnung, dass Du zu 90 Prozent bereits existierende Witze einfach in eine Art roten Faden aufreihst und wiedergibst. Das ist effizient und legitim. Dein aktuelles Programm läuft laut «Blick» gut, aber natürlich tut es das, Deine Programme lassen sich ja auch kaum auseinanderhalten. Jedenfalls hast Du eine Karriere hingelegt, dafür meine Hochachtung. Ich finde es meistens auch ziemlich spannend und intelligent, was Du in Deinen Zeitungskolumnen schreibst.

Umso schlimmer, dass Du als veritabler Gemütsbrocken – wir spielen vermutlich in ähnlichen Gewichtsligen – nun plötzlich vergisst, Mensch zu sein, das Gegenüber als zu respektierendes Individuum wahrzunehmen. Du deklassierst Leute, deren Haltung Du nicht teilst, als therapiewürdig. Damit sprichst Du ihnen auch das Recht ab, im Diskurs ernstgenommen zu werden. Umgekehrt müssen wir jemanden ernst nehmen, dessen «Wissen» aus den vom Bund mit Subventionen gekauften Medien stammt und dessen grösster Erfolg eine Hymne über Borkenkäfer oder über Pilze sind, die überall wachsen. Nicht falsch verstehen: Solche Gassenhauer muss man zuerst mal produzieren, das scheinbar Einfache ist die grösste Herausforderung. Aber mal ehrlich: Warum genau muss ich Deinen Ausführungen eher glauben als denen von Virologen, von namhaften Ärzten, die in der Coronafrage Ihren Kollegen gegenüberstehen? Weil Du Zeitung liest und irgendwann für Dich definiert hast, wer richtig liegt und wer nicht?

Du machst Dich gerne ein bisschen über Marco Rima lustig. Der hat für seine Überzeugung seine Karriere geschmissen. Ob er richtig liegt oder nicht, wird die Zeit zeigen. Denn, Enthüllung, aktuell weiss das noch keiner. Aber sicher ist, dass er etwas riskiert hat. Während Du zuhause via Google Pointen anderer Leute suchst, sie dramaturgisch geschickt gliederst, ein paar Akkorde auf der Gitarre einübst und dann einen Abend lang wie ein vergessen gegangener Migrossack auf einem Stuhl sitzt und die Ideen anderer Leute wiedergibst.

Aber ja, es funktioniert. Vielleicht in Zukunft sogar noch besser, dann, wenn Du nur noch ein 3G-Publikum hast. Das besteht nicht nur, aber auch, aus Opportunisten, die sich die Freiheit erimpft haben, ohne sich gross Gedanken über gesellschaftliche Zusammenhänge zu machen. Dass diese Leute lachen, wenn Du in stoischer Ruhe den Witz eines anderen wiedergibst, glaube ich gerne. Da haben sich zwei gefunden.

Aber vielleicht, abseits von Pointen und Gitarrenakkorden, möglicherweise kurz vor dem Einschlafen, fällt Dir vielleicht doch ein, was es heisst, wenn man Menschen, die für ihre Überzeugung einstehen, dem Psychiater zuweisen wollen. Ich traue Dir das zu. Denn dumm bist Du nicht. Aber schweigen wirst Du weiterhin. Weil Du, Pardon, nicht das Format eines Marco Rima oder eines Andreas Thiel hast. Leuten, die bereit sind, alles zu verlieren, um Menschen vor der nackten Willkür zu beschützen.

Alles Gute und viel Erfolg auf Deiner Tour. Und das ist völlig ernst gemeint.