Indianer? Cowboy? Mexikaner? Wenn Ihr Kind so ausgestattet zur Fasnacht will, ist es ein kleines Monster. Unterbinden Sie diese Ungeheuerlichkeit bitte umgehend. Vielleicht besteht ja eine (geringe) Chance, dass Ihr Nachwuchs doch noch ein wertvoller Mensch wird.

«Kulturelle Aneignung» heisst der Kunstbegriff, der aktuell schwer im Trend liegt. Will heissen: Irgendwelche Leute, die mit Kultur XY überhaupt nichts zu schaffen haben, übernehmen frecherweise Versatzstücke aus dieser Kultur. Ich versuche gerade, ein Beispiel zu finden, in dem diese Praxis so richtig, richtig empörend ist. Mal sehen. Also, ein Lokal mit südamerikanischen Spezialitäten heuert einen Innerschweizer an, der sich einen Schnauz anklebt und einem Sombrero überstülpt und vor dem Lokal lateinamerikanische Melodien trällert?

Ja, klingt wirklich brandgefährlich. Die Welt geht gleich unter.

Aber so weit müssen wir ja gar nicht gehen. Die Fasnacht reicht. Die ist des Teufels. Heerscharen von Kindern betreiben «kulturelle Aneignung», indem sie sich verkleiden. Es ist ja wirklich total unverständlich, dass sich ein Kind aus dem Thurgau nicht einfach als Basler oder Zürcher verkleidet, sondern als Winnetou, Old Shatterhand oder chinesischer Reisbauer an die Fasnacht geht. Wer entsprechende Fasnachtskostüme verkaufe, handle «rassistisch», befanden die Zeitungen des Verlags CH Media.

Ja. Natürlich. Denn der Sinn einer Verkleidung an der Fasnacht kann sicher nicht darin liegen, sich ein Kostüm auszusuchen, das in einer anderen Kultur verwurzelt ist. Frechheit. Warum denn nicht als «Wilhelm Tell» oder als Schweizer Bergbauer oder als Matterhorn am Umzug teilnehmen? Das wäre politisch korrekt, weil man sich dann an der eigenen Kultur bedient und nicht am Erbe der unterdrückten amerikanischen Ureinwohner oder so.

Ich möchte bitte einen Tag lang nur die Probleme der Leute haben, die aus so etwas ein Problem machen. Es ginge mir danach wesentlich besser. Wobei die Leute, die empört «Rassismus!» schreien, ja nie Direktbetroffene sind. Hat bei Ihnen zuhause jemals ein amerikanischer Ureinwohner oder ein Inuit (früher als «Eskimo» bekannt) geklingelt, weil er es ganz furchtbar findet, dass ihr Kind «kulturelle Aneignung» betrieben hat? Nein, dafür gibt es Stellvertreter. Die kommen meistens aus linksgrün regierten Städten und suchen den lieben langen Tag nach Themen, über die man sich aufregen könnte. Schönes Hobby.

Die Welt spinnt. Das habe ich schon oft geschrieben, aber es wird mit jedem Tag, der vergeht, offensichtlicher.

An der Fasnacht verkleidet man sich. Man wird für wenige Tage zu jemand anderem. Zum Cowboy. Zum Indianer. Zum Mexikaner. Zum Asiaten. Was auch immer. Der Witz liegt ja gerade darin, dass man sich in etwas hüllt, das mit der eigenen kulturellen Identität nichts zu tun hat. Und das soll übergriffig sein? Verletzend für die wahren Träger dieser Kultur?

Ich stelle mir gerade vor, wie sich jemand in Tokio als Schweizer verkleidet. Keine Ahnung, wie das aussehen würde. Vielleicht ein Sennenchutteli und einen grossen Laib Käse in der Hand? Eine Schokolade in der anderen Hand? Oh mein Gott, das schmerzt! Da eignet sich irgendein Japaner MEINE Kultur an! Gohts no!

In Tat und Wahrheit ist den Leuten, die sich da empört ins Zeug legen und «Rassismus!» schreien, das Schicksal der angeblich Betroffenen völlig egal. Es geht nur darum, sich selbst als besseren Menschen zu fühlen. Als moralisch überlegen. Vermutlich hat die Kunstfigur «Winnetou» von Karl May mehr zum Ansehen der amerikanischen Urbevölkerung getan als die ganze «Woke»-Bewegung. May hat Stereotypen geschaffen, klar, wie jeder Autor, aber immerhin positive. Wer bitte mag Winnetou denn nicht, wer hat nicht geweint, als er starb? Wüsste irgendein Kind in Europa ohne Winnetou überhaupt, dass es amerikanische Ureinwohner gab?

Wenn man ein sinnentleertes Leben führt und sich selbst eine Bedeutung aufbauen muss, indem er oder sie für irgendjemand anderen «kämpfen» will, der nicht einmal darum gebeten hat: Bitte sehr. Aber dann lasst doch bitte wenigstens die Kinder in Ruhe Fasnacht begehen. Verkleidet. So, wie sie es möchten. Nein, diese Kinder werden deshalb nicht rassistisch. Sie gehen einfach zur Fasnacht in diesem Aufzug, lieber Himmel, mehr nicht!

Ist es eigentlich auch «kulturelle Aneignung», wenn ein Knabe als Mädchen zur Fasnacht geht? Der bedient sich einfach beim anderen Geschlecht! Wobei, Moment, es gibt ja gar keine eindeutigen Geschlechter mehr, also kann man auch nichts falsch machen. Jeder kann das sein, was er gerade sein will. Ausser natürlich Indianer. Da hört der Spass auf.

Manchmal bedauere ich wirklich, Kinder in diese Welt gesetzt zu haben. In eine Welt, die von Verrückten unterwandert ist, die auf Twitter so laut werden dürfen, dass wir anderen permanent das Gefühl haben, Schwerverbrecher zu sein. Nur weil ein Kind spielerisch für einige Tage lang einen Indianer spielt.

Menschen, die das anprangern, sind nicht die «Guten». Es sind Leute, die verzweifelt als die «Guten» wahrgenommen werden möchten. Für solche Fälle gibt es Psychotherapeuten. Man muss nicht die ganze Gesellschaft die Zeche zahlen lassen für die eigenen persönlichen Defizite.