Die Debatte um «kulturelle Aneignung» wirft das Programm einer linken Szene-Beiz in Bern über den Haufen. Denn dort gab es schon vor dem Konzert-Abbruch regelmässig musikalische Grenzüberschreitungen

Die Aufregung um das linke Berner Szenelokal Brasserie Lorraine hält an. Die Band Lauwarm musste ihr Konzert abbrechen, weil einige Zuhörer nicht damit umgehen konnten, dass weisse Männer Reggae spielen und Rastas tragen. Das sei «kulturelle Aneignung».

Das Betreiberkollektiv des Lokals schreibt fast täglich Stellungnahmen. Die Kernaussage: Der Konzertabbruch sei richtig gewesen, und man wolle sich nun selbst sensibilisieren für die Thematik.

Wäre das Ganze wirklich ein Problem, hätte es die Brasserie Lorraine schon länger. An ihren Montagskonzerten ist sie regelrecht spezialisiert auf «kulturelle Aneignungen».

Der Winterthurer Seraphim von Werra alias Sebass spielte kürzlich Balkan-Musik. Er wurde laut eigenen Angaben «1991 in eine Schweizer Musikerfamilie geboren».

Gleich zweimal gab es diesen Frühsommer Folk. Den verdanken wir einem Schmelztiegel von amerikanischen Einwanderern aus Schottland, Irland, Osteuropa und Afrika. Zweifelhaft, dass die beiden Bands Deserto Parallax und Lizard and the Deer diesen Hintergrund ausnahmslos bieten können.

Die Frontfrau von Aanim ist Bündnerin und singt rätoromanisch. Und zwar Jazz. Der ist im Süden der USA entstanden, in erster Linie durch Afroamerikaner.

Das gleiche Problem hat die Band Angry Zeta, die auf Bluegrass setzt. Der basiert unter anderem auf afroamerikanischer Tanzmusik und Gospel-Harmonien von schwarzen Sklaven.

Wenn die Brasserie Lorraine in Zukunft nicht für viel Geld Künstler aus der ganzen Welt einfliegen lassen will, muss sie wohl konsequent auf Schweizer Volksmusik setzen. Wobei diese auch kaum aus dem Nichts entstanden ist.

Über den Stellungnahmen des Lokals prangt auf der Webseite übrigens nach wie vor ein Graffito, das Menschen verschiedener Hautfarbe zeigt und wohl Weltoffenheit symbolisieren soll. Mit dabei: ein Weisser mit Rastafrisur.

(Beitrag erschien zuerst in der «Weltwoche»)