Weltliteratur umschreiben, weil sie nach heutigen Massstäben nicht mehr «korrekt» ist: Diese Debatte läuft aktuell gerade wieder. Ich wollte mich eigentlich aktuell dazu äussern, aber dann hatte ich ein Déjà-vu.

Denn Geschichte wiederholt sich, und wir stecken nicht erst seit gestern in diesem irren, planlosen Unsinn. Ich habe kurz gewühlt und einen Beitrag aus dem Jahr 2018 gefunden, in dem ich die Frage am Beispiel von «Kasperli» thematisiert habe. Man kann das 1:1 auf die heutige Debatte umlegen. Es hat sich nichts verändert, die allgemeine Aufregung ist dieselbe – ebenso die Argumente gegen die Verstümmelung der Vergangenheit. In diesem Sinn, unredigiert, unaktualisiert und zeitlos:


Wenn Kasperli einen Mohrenkopf vertilgt

Kürzlich debattierte die ganze Schweiz, ob Mohrenköpfe so heissen dürfen wie sie im Volksmund heissen. Und seit Jahren hält die Diskussion an, ob bestimmte Wörter in Kinderbüchern heute noch zulässig sind. Ist diese Debatte wichtig – oder letztlich absurd?

Wir Eltern verklären oft die eigene Kindheit. Und wir sind ganz begierig darauf, wenigstens Teile davon an die eigenen Kinder weiterzugeben. Es gibt nun wirklich genügend Dinge, die unsere Kinder machen und von denen wir nicht mal geträumt hätten. Google? Hätte ich das zu meinen Eltern gesagt, hätten sie mich zur Logopädin geschickt. Du willst surfen? Lern zuerst mal Skifahren. Wir Digital Immigrants sehen mit Verwunderung und Bewunderung zu, wie unsere Kleinen ganz natürlich mit der digitalen Welt aufwachsen. Wie früh und wie stark sie das tun sollen, ist Gegenstand vieler Diskussionen von Fachleuten, aber Tatsache ist: kaum ein Kind bleibt von der digitalen Revolution unberührt.

Heile Welt?

Also ist es doch umso schöner, wenn wir in diese verrückte Welt der Bits und Bytes da und dort ein bisschen heile alte Welt reinbringen. Zum Beispiel in Form von Büchern, Hörspielen und Filmen, die uns bereits geprägt haben und die so raffiniert gemacht sind, dass sie in jeder neuen Generation wieder funktionieren. Kasperli zum Beispiel, Globi natürlich, Pippi Langstrumpf, Tim und Struppi und wie sie alle heissen. Nur leider, so meint eine wachsende Gruppe von kritischen Betrachtern, ist diese heile Welt alles andere als heil. Und wenn sie vielleicht auch noch für uns Kinder aus den 70er- oder 80er-Jahren in Ordnung war, so geht einiges heute überhaupt nicht mehr, heisst es.

«De Schorsch Gaggo reist uf Afrika» zum Beispiel: Das ist eine der beliebtesten Folgen von Kasperli. Und bei genauerer Betrachtung wimmelt es dort nur so von kolonialistischen Tendenzen und bösen Wörtern. Das eindeutigste davon ist «Neger», hier vor allem angewandt auf einen ziemlich rückständig wirkenden König und seine Tochter, die natürlich herzige «Chrüseli» hat. Da werden Klischees bedient, die damals als Wahrheit galten.

Neger: Geht das? Der inzwischen verstorbene Jörg Schneider, der Kasperli nicht nur die Stimme verliehen, sondern seine Abenteuer auch mitgeschrieben hat, sagte zu diesem Thema 2012 in der «Weltwoche» das hier: «Als ich dies geschrieben habe, waren die Wörter noch kein Problem. Auch im Welterfolg von Michael Ende war Jim Knopf als ‚Negerbube’ bezeichnet worden. Das war nicht negativ oder abfällig gemeint. Als das Wort ‚Neger’ dann verpönt wurde, kamen Frauen, die mit einem Schwarzen zusammen waren, und haben reklamiert. Wir haben die als diskriminierend empfundenen Wörter dann rausgeschnitten.»

Selbstzensur der guten Stimmung halber also gewissermassen. Vorauseilender Gehorsam. Das haben nicht alle gleich gehalten, aber vielerorts waren die Verlage eifrig und haben Neuauflage ihrer Werke in diesem Sinn entschärft. Denn «Neger» kamen in den alten Bestsellern häufig vor, zum Beispiel bei Pippi Langstrumpf oder der Kleinen Hexe. Es ist relativ einfach, solche in Kritik geratenen Begriffe auszutauschen gegen weniger gefährliche. Dann ist der «Negerkönig» bei Pippi eben einfach ein «Südseeherrscher». Selbstverständlich verändert sich dadurch die Geschichte nicht, und unsere Kinder nehmen den Südseeherrscher zur Kenntnis. Auch wenn sie vermutlich nicht wissen, was die Südsee ist und was ein Herrscher so tut.

Man kann es also machen, und mit Sicherheit geht man damit drohendem Ärger aus dem Weg. Es gibt private und staatlich besoldete Stellen, die mit Feuereifer künstlerische Werke auf politische Unkorrektheit abklopfen und intervenieren, wenn sie etwas gefunden haben. Das führt meist zu einem Anstieg der Bekanntheit und damit der Verkaufszahlen. Der Mohrenkopf ist ein gutes Beispiel dafür. Begriffe, die einst unproblematisch waren und heute anders betrachtet werden, verändern: Man kann es machen – aber muss man es auch?

Wer stört sich wirklich?

Als meine Kinder auf einer alten Kassette erstmals mit dem Negerkönig konfrontiert wurden, wollten sie wissen, was das ist. Eine besondere Art von König? Das Wort «Neger» hatte für sie keinerlei Bedeutung, weder im guten noch im schlechten Sinn. Ich erklärte ihnen, dass man früher Leute mit dunkler Hautfarbe so genannt hatte, dass man das heute aber nicht mehr mache. Sie wollten wissen, warum – hatten sich die «Neger» daran gestört?

Die offene und ehrliche Antwort: Nein, meines Wissens nicht. Ich habe eine katholische Privatschule besucht, die in Afrika Missionsarbeit geleistet hat. Immer wieder waren Priester von dort zu Besuch, und diese bezeichneten sich mit einem stolzen Lachen als «Neger». Vermutlich waren diese Begegnungen nicht repräsentativ, aber der Eindruck bleibt, dass in unseren Breitengraden vorwiegend sehr weisse Leute den Feldzug gegen das Wort führen. Oder wie es Jörg Schneider erzählte: Nicht die Leute dunkler Hautfarbe reklamierten, sondern ihre Frauen heller Hautfarbe. Die direkt Betroffenen halten sich oft nicht an solchen Details auf. Sie sind mehr daran interessiert, gesellschaftlich integriert zu werden, sich ihr Auskommen zu verdienen und respektiert zu werden – unter welchem Namen auch immer.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Jeder hat das Recht, nicht aufgrund seiner Hautfarbe, seines Geschlechts, seines Glaubens herabgesetzt zu werden. Zum Zeitpunkt, als Schorsch Gaggo nach Afrika reiste, kam niemand auf die Idee, der Begriff «Neger» könnte eine solche Herabsetzung darstellen. Inzwischen sind viele der Ansicht, dass das der Fall ist. Aber auf welcher Grundlage? Wurde das Wort zum Unwort, weil es zu oft negativ verwendet wurde?

Für Chinesen sind wir Weisse «Langnasen». Wir stören uns nicht daran, vermutlich, weil wir keine an Tragödien reiche Geschichte haben wie viele schwarze Völker. Aber war es der Begriff, der beispielsweise zu Apartheid und Rassismus führte – oder steht das Wort einfach stellvertretend für diese Dinge? Und wenn ja, inwieweit leistet Kasperli der Ausgrenzung Vorschub, wenn er das Wort benützt? Der Reflex, Wörter zu verbieten, weil sie an unangenehme Ereignisse erinnert, ist menschlich verständlich, aber löst er das Problem oder hilft er, solche Ereignisse in Zukunft zu verhindern?

Begriffe und Haltung

Die öffentliche Debatte hat ihre Auswirkungen schon ohne eigentliche Verbote entfaltet. Ich selbst würde das Wort «Neger» nicht in den Mund nehmen, und ich möchte auch nicht, dass es meine Kinder tun. Das habe ich ihnen auch vermittelt. Der Grund dafür ist einfach: Nur schon die seit Jahren anhaltende Diskussion hat dazu geführt, dass heute nur noch diejenigen das Wort benützen, die sich tatsächlich abfällig äussern wollen. Früher, als es das «offizielle» Wort für Menschen dunkler Hautfarbe war, gab es keine negative Konnotation. Sie entstand erst durch die aktive Auseinandersetzung mit dem Begriff. Ob sich damit die Lage der betreffenden Menschen verbessert hat, bleibe dahingestellt.

Denn Rassismus liegt nicht in einem Begriff, sondern in einer Haltung. Wer am Kiosk einen Mohrenkopf verlangt, will damit nicht Menschen anderer Hautfarbe herabsetzen, sondern verwendet einen längst in der Gesellschaft angekommenen Markennamen, um ein Produkt zu kaufen. Wenn ich meinen Kindern einen Mohrenkopf vorsetze und diesen dabei auch so nenne, werden sie daraus keine fremdenfeindliche Gesinnung entwickeln. Selbstverständlich findet man haufenweise Expertinnen und Experten, die uns erklären, wie der Sprachgebrauch über Jahre und Jahrzehnte unser Denken formt. Aber wenn eines nicht klappt, dann das: Mit dem Mittel der Sprache das Denken der Menschen in die gewünschte Richtung zu steuern. Vor allem nicht, wenn diese «neue» Sprache ideologisch aufgeheizt aufgezwungen wird. Das wird man beim Thema «Gendern» hoffentlich bald wahrnehmen.

Ein ganz anderes Beispiel zeigt das bestens. Frauenaktivistinnen kämpfen seit langem darum, dass der Begriff «Hausfrau» aus der allgemeinen Verwendung verschwindet. Als Alternative wird unter anderem «Familienfrau» oder «Familienmanagerin» ins Spiel gebracht (wobei der «Hausmann» am Rande bemerkt nie kritisiert wurde). Man will damit zum Ausdruck bringen, dass eine Frau, die in erster Linie zuhause tätig ist, ja weit mehr tut als für das Haus zu sorgen, also zu putzen und zu kochen. Sie erzieht, sie betreut, sie plant, sie unterhält. Das ist alles richtig. Die Sache ist nur: Wer eine schlechte Meinung von Frauen (oder Männern) hat, die «nur» zuhause arbeiten, wird sich auch nicht eines Besseren belehren lassen, wenn man sich als «Familienmanagerin» bezeichnet. Es ist die Haltung des Einzelnen, nicht der Begriff, der zählt.

Deshalb ist es übrigens ein anderes Thema, wenn Kinderbücher beispielsweise Stereotypen zementieren – das Mädchen wird Krankenschwester (ja, ich weiss, der Begriff ist inzwischen auch verboten), der Junge wird Arzt. Hier nimmt man nicht Bezug auf Begriffe, die im Grunde neutral sind und erst im Lauf der Zeit negativ belegt wurden, sondern es wird eine Rollenverteilung zelebriert mit dem Ergebnis, dass Kinder nicht selten das Gefühl haben, das «müsse» so sein. Ebenfalls problematisch ist es, wenn nicht nur der Begriff «Neger» verwendet wird, sondern die entsprechenden Figuren ein klischeebehaftetes negatives Verhalten an den Tag legen. Das kann tatsächlich dazu führen, dass die Wahrnehmung im echten Leben von der Geschichte beeinflusst wird. Aber eben: Es sind nicht die Begriffe, die zum Problem führen.

Erklären statt zensieren

Unsere aktuellen Abend-Vorlesebücher stammen vom englischen Autoren David Walliams. Es sind wunderbare Werke. Ich habe nach einigen Seiten aufgehört, die unkorrekten Begriffe zu zählen, die er verwendet. Es sind sehr, sehr viele. Aber keiner davon macht aus meinen Kindern Monster oder Fremdenfeinde. Walliams lässt seine Figuren so sprechen, wie Menschen eben sprechen. Er wurstet die Dialoge nicht durch einen Korrektheits-Filter, bis jedes Leben ausgepresst ist.

Kinder können damit umgehen. Sie mögen es, wenn sie glauben, dass die Figur im Buch «echt» ist, wenn sie so redet wie die Kollegen auf dem Pausenplatz. Und man kann ihnen an der einen oder anderen Stelle durchaus erklären, dass man das auch anders hätte sagen können. Vielleicht trauen die Leute, die blindwütig jedes Werk durchforsten und allenfalls kritische Begriffe ausmerzen, unseren Kindern – und uns Eltern – auch einfach zu wenig zu.

Keine Frage: Man kann «De Schorsch Gaggo reist uf Afrika» umschreiben und alle Wörter eliminieren, an denen irgendjemand Anstoss nehmen könnte. Der aufwändigere, aber vielleicht sinnvollere Weg wäre es, das Original laufen zu lassen und den Kindern zu erklären, wie es damals war – und weshalb es heute anders klingen würde.