Ich wiederhole mich ungern, aber es ist heute wirklich gar nicht mehr möglich, die Realität satirisch zuzuspitzen. Real ist konkret das hier: Eine Band aus weissen Musikern muss ihr Konzert abbrechen, weil sie Reggae spielt und einige der Musiker einen Rasta tragen. Das war zu viel für einen Teil des Publikums. Willkommen in der Realsatire.

Vor ein paar Monaten kam in Deutschland die Musikerin Ronja Maltzahn unter die Räder. Ein Auftritt beim «Fridays for Future» wurde ihr untersagt, weil sie auf dem Kopf Dreadlocks trägt. Eine unsichtbare Jury hat nämlich verordnet, dass das nur schwarze Menschen tun dürfen. Macht es ein Weisser, ist das «kulturelle Aneignung».

Nun hat Bern denselben Fall. Die Mundart-Reggae-Band «Lauwarm» trat dort in einem Lokal auf. Noch während des Konzerts beschwerten sich Zuschauer bei den Veranstaltern, so dass die Band ihren Auftritt schliesslich abbrechen musste. Die Kritik aus dem Publikum: Weisse Musiker dürfen nicht Reggae spielen oder Rastas tragen, das ist Jamaikanern vorbehalten. Der Anblick habe bei den völlig entsetzten Gästen des Konzerts zu «Unwohlsein» geführt.

Auf den Konzertabbruch folgte eine Entschuldigung des Lokals und ein Versprechen, künftig sensibler Konzerte zu planen und über das Geschehene eine Debatte anzustossen.

Erfinden kann man so was nicht. Die Realität schlägt selbst die absurdesten Fantasien und Tagträume.

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Denken wir es zu Ende. Wir sollten nun umgehend jede musikalische Stilrichtung auf ihre Ursprünge zurückführen und es unter Verbot stellen, diese Musik zu machen, wenn man nicht den entsprechenden kulturellen Hintergrund hat. Ein Latino, der einen deutschen Schlager trällert? Sorry, geht gar nicht, aufhören bitte. Und am besten gleich einsperren.

Ich kann mir nicht helfen, aber klingt das alles nicht ein klein wenig, nun ja… rassistisch? Jemandem etwas zu verbieten aufgrund seiner Haarfarbe? Klingt jedenfalls klassisch danach.

Vermutlich fehlt es mir einfach an Empathie, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Bob Marley oder andere Vorreiter des Reggae ein Problem damit hätten, wenn ihre Musiker auch von Nicht-Jamaikanern gespielt wird. Wohl eher das Gegenteil. Das ist eine Respektsbezeugung, eine ehrenvolle Verbeugung vor dieser musikalischen Errungenschaft. Und wieso man eine bestimmte Frisur nicht tragen soll, weil sie mehrheitlich mit einem anderen Kulturkreis verbunden wird: Es ist schlicht absurd.

Das Problem beginnt bei den bewussten Zuhörern, die ernsthaft glauben, ihre Empörung diene einer guten Sache. Es waren ja wohl kaum Jamaikaner, die auf die Barrikaden gingen, sondern Leute von hier, die sich gern als Stellvertreter von Minderheiten aufspielen, um sich selbst besser zu fühlen. Obwohl diese Minderheiten nicht darum gebeten haben – mit Ausnahme vermutlich einer minimalen Minderheit der Minderheit, die es immer gibt.

Teil 2 des Problems sind Veranstalter, die auf so eine groteske Kritik mit einem Abbruch des Konzerts reagieren und sich um gehend entschuldigen. Wofür bitte genau? Dass sie lebensfrohen Musikern, die Reggae lieben, eine Bühne geboten haben, um dem Publikum einen guten Abend zu verschaffen?

Es hätte Alternativen gegeben. Der Veranstalter hätte sich das Mikrofon schnappen und sagen sollen: «Liebe Leute, wir sind der Ansicht, dass alle Leute auf der ganzen Welt jederzeit jede Art von Musik spielen dürfen, und wir spielen hier auch nicht die Frisurenpolizei. Wer sich nicht wohl fühlt, kann jederzeit gehen.»

Aber das sind natürlich nur wilde Träume. Kulturveranstalter, mit einzelnen Ausnahmen, sind ängstlich geworden. Sie lassen sich präventiv in Beugehaft nehmen von Twitterblasen. Ein Shitstorm droht? Das müssen wir verhindern. Selbst wenn es nur zwei oder drei Leute waren, die ein Problem mit dem Reggae hatten: Die holen umgehend ihre virtuellen Sturmtruppen und blasen zum Angriff gegen das Lokal, das der «kulturellen Aneignung» Raum geboten hat.

Man muss also auf die künstlerische Freiheit verzichten zugunsten des Kampfs gegen die «kulturelle Aneignung», die im Übrigen jeder so definieren und ausweiten kann, wie er will.

Auf Twitter wird die Kritik gegen die Band übrigens noch ausgeführt. Es gehe nicht an, dass jemand mit Errungenschaften einer anderen Kultur Geld verdiene, heisst es dort beispielsweise. Ach so, es geht um Geld. Und um Ausbeutung. Weil ja bekanntlich die Berner Band böswillig eine Combo aus Jamaika um ihren Auftritt gebracht hat, die noch so gerne schnell in die Schweiz geflogen wäre für einen Gig für vermutlich ein paar hundert Franken.

Zum Abschluss meine Reaktion auf diese These. Wer mir auf Twitter folgen will, kann das somit auch gleich erledigen.

Der Name der Dame (oder der nichtbinären Wortentsprechung, die gerade im Trend ist) sagt schon alles. «Woke» zu sein ist offenbar inzwischen zum Wettbewerb geworden. Simi ist nicht einfach woke, sie ist «Super Woke».

Vielleicht hats ja auf dem Mond noch ein Plätzchen frei für mich.