Beim Versuch, Minderheiten zu schützen und Diskriminierung und Rassismus auszurotten, schiessen die Bewegten oft ein bisschen übers Ziel hinaus. Davon kann ich ein Lied singen. Dieser Fall hier zeigt, dass die Empörung oft das Hirn lahmlegt.

Ich schreibe gern Drehbücher. Reich wird man damit nicht. Erstens, weil längst nicht alle verfilmt werden. Zweitens, weil Filme für den Schweizer Markt auch dann keine Goldgrube sind, wenn sie zustande kommen. Jedenfalls in der Regel.

Vor gut zehn Jahren begann ich mit der Arbeit an einer schwarzen Komödie mit dem Titel «Fast Food für Afrika». Es geht um zwei gescheiterte Existenzen, die sich als Kleinganoven versuchen. Sie gründen ein fiktives Hilfswerk für hungernde Kinder und hoffen, damit Kohle zu machen. Als sich eine Firma für eine grosse Spende interessiert, weil ihr das bei einem Auftrag in Afrika zum Vorteil werden könnte, müssen die Gauner immer verrücktere Dinge tun, um den Betrug verborgen zu halten.

Das Drehbuch, keine Überraschung, ist nicht besonders politisch korrekt. Es ist rabenschwarzer Humor. Unterm Strich werden damit aber durchaus wichtige Themen angesprochen. Beispielsweise die Frage, wo das Geld landet, mit dem wir via Spende unser Gewissen erleichtern.

Einige Jahre lag das Manuskript bei mir herum, bis ich durch eine Vermittlung den Kontakt zu einer ambitionierten Schweizer Filmproduktionsfirma erhielt. Ich durfte eine Kurzbeschreibung an den Inhaber senden, der sofort Interesse signalisierte. Also schickte ich ihm das fertige Drehbuch. Natürlich im Wissen, dass der erste Wurf selten 1:1 realisiert wird. Ich war also offen für gemeinschaftliche Überarbeitungen und Verbesserungen.

Dazu kam es dann leider nicht. Der Produzent schrieb mir nach der Lektüre zurück, er könne dieses Drehbuch auf keinen Fall verfilmen. Es sei rassistisch, denn darin komme das verpönte «Blackfacing» vor. Seine Zeilen klangen ehrlich erschüttert.

Kleiner theoretischer Einschub aus unserem geliebten Wikipedia:

«Blackface ist eine Theater– und Unterhaltungsmaskerade, die in den Minstrel Shows des 18. und 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten populär wurde. Dabei malten sich weiße Darsteller das Gesicht dunkel an und spielten einen Schwarzen. Die Darstellung schwarzer Menschen durch dunkel geschminkte weiße Menschen wird als Blackfacing (in etwa Gesichtsschwärzung) bezeichnet. Die Praxis wird heute, auch ohne direkten Bezug zu den Minstrel-Shows, häufig als rassistisch eingestuft und kritisiert.»

Ich schluckte leer. Nicht wegen des Vorwurfs des Rassismus. Sondern weil ich keine Ahnung hatte, was der Mann meinte. In meinem Manuskript gibt es keinerlei Blackfacing. Nirgends wird ein schwarzer Mensch durch einen dunkel geschminkten Weissen dargestellt.

Zwar wird in der Story tatsächlich ein weisses Mädchen sehr unprofessionell und sehr unglaubwürdig schwarz angemalt. Weil die Ganoven eine Broschüre drucken wollen, die zeigt, wie segensreich ihr Hilfswerk in Afrika unterwegs ist. In Ermangelung schwarzer Kinder verwandelt einer von ihnen seine übergewichtige Tochter in ein vor dem Hungertod gerettetes schwarzes Mädchen.

Aber das ist kein Blackfacing. Bei diesem wird auf einen schwarzen Darsteller verzichtet und ein weisser in einen solchen verwandelt. Er stellt also einen Schwarzen dar, ohne einer zu sein und soll gegenüber dem Zuschauer des Films auch einen Schwarzen darstellen. Siehe Wikipedia: Ein Weisser stellt einen Schwarzen dar – für das PUBLIKUM.

Nicht so in «Fast Food für Afrika». Der Zuschauer ist dabei, wenn das Mädchen reichlich dilettantisch auf «schwarz» getrimmt und danach in einen Zoo gebracht wird, um möglichst noch Fotos mit wilden Tieren zu schiessen. Das Mädchen soll also nicht für den Zuschauer eine Schwarze darstellen, sondern für den Betrugsversuch.

Die Szene macht sich in keiner Weise lustig über Schwarze, wie das in den erwähnten Minstrel-Shows der Fall war. Im Gegenteil. Sie macht sich lustig über zwei sehr unfähige und sehr weisse Versager, die alles versuchen, um sich aus einer miserablen Lage zu befreien, in die sie sich selbst gebracht haben – beim Versuch, das Elend ärmerer Leute auszunutzen. Dazu kommt die Schweizer Firma mit einer weissen Führungsriege, die korrupt genug ist, um ein Hilfswerk zu unterstützen, nur um dann einen Staudamm in Afrika bauen zu können.

Ziemlich gesellschaftskritisch. Ziemlich kritisch gegenüber einer weissen Gesellschaft. Es ist schon fast eine Story für Gutmenschen, wie ich selbst staunend feststelle.

Vielleicht ist es zu viel verlangt von einem Filmproduzenten, den Unterschied zu verstehen. Er sieht einen weissen Menschen, der schwarz bemalt ist und schreit: «Blackfacing!» Aber wenn man einen solchen Vorwurf formuliert, sollte man wissen, wovon man spricht.

Ich erzähle die Sache, weil sie symptomatisch steht für vieles, was derzeit läuft. Irgendetwas klingt irgendwie leicht verwandt mit etwas, das man auf keinen Fall tun darf – und schon wird gezetert. Nachdenken kann man ja immer noch später.

Ich habe das alles dem guten Mann natürlich in meiner Antwort geduldig erklärt, aber nie eine Rückmeldung erhalten. Entweder hat er den Unterschied auch dann noch nicht verstanden. Oder aber, sehr viel wahrscheinlicher: Er hat gemerkt, dass das mit dem «Blackfacing» in meinem Drehbuch völliger Unsinn ist, aber geahnt, dass es sicherlich Dauerempörte im Publikum geben, die wie er im ersten Anlauf zu dumm sind, den Unterschied zu sehen – und für einen Shitstorm sorgen würden.

Selbst wenn man es richtig macht, ist man vor der allgemeinen Entrüstung nämlich nicht sicher.

Keine Frage: Würde «Fast Food für Afrika» jemals verfilmt, und ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, würde auch Twitter «Blackfacing!» schreien. Und sich taub stellen, wenn man geduldig erklärt: Nein, ist es nicht.