Es gibt auch im Elend Lichtblicke. Einer davon ist für mich ein Professor an der Universität St.Gallen, der den grassierenden Zweckpessimismus kritisiert. Wer übertriebene Warnungen verbreite, der helfe damit nicht, sondern schade. Wie wahr.

Ich habe bereits einmal über das sogenannte «Präventionsparadox» geschrieben. Die Behauptung von Massnahmenfans, es seien eben diese Massnahmen gewesen, die Schlimmeres verhindert hätten, deshalb dürfe man nicht behaupten, Prävention sei unnötig gewesen. Das Ganze basiert stets auf einer Orgie von Konjunktiven, weil kein Mensch belegen kann, was «wirksam» war und was nicht.

Kürzlich bin ich auf einen interessanten Beitrag in der NZZ gestossen. Der Autor namens Caspar Hirschi ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. Er schreibt wohltuend deutlich und leicht nachvollziehbar für einen Vertreter des Dozententums. Nur schon der einleitende Satz ist eine kleine Perle:

«Es gibt Wörter, die klingen so gescheit, dass sie sich für seriösen Unfug geradezu aufdrängen.»

Hirschi verweist auf den von den Medien zum Superstar aufgebauten Christian Drosten, der einst sagte:

«Jetzt ist das eingetreten, was ich das ‹Präventionsparadox› nenne. Die Leute behaupten, wir hätten überreagiert, es gibt politischen und wirtschaftlichen Druck, zur Normalität zurückzukehren.»

Die Behauptung lautet also: Die Wissenschaft hat genau das Richtige empfohlen, die Politik hat durchgegriffen, wir alle wurden vor Tod und Verderben dadurch gerettet, und nun, wo wir gerettet sind, sind wir undankbar und bezeichnen die verordneten Massnahmen als unnötig. Das Präventionsparadox also.

Hirschi hat ein bisschen gegraben und zeigt auf, dass der Begriff heute falsch verwendet wird. Er sei Mitte der achtziger Jahre vom Präventivmediziner Geoffrey Rose geprägt worden und beziehe sich auf den Umstand, «dass präventive Massnahmen meist nur einer kleinen Minderheit einen grossen Nutzen bringen, aber dann die stärkste Wirkung erzielen, wenn sie auch von der grossen Mehrheit umgesetzt werden.»

Das «Paradox» besteht laut Hirschi also darin, dass viele Personen ihr Verhalten anpassen müssen, damit eine Person einen grossen Vorteil hat. Und nicht darin, dass die dumme Gesellschaft funktionierende Präventionsmassnahmen im Nachhinein kritisiert, nachdem noch einmal alles gut gegangen ist.

Die Coronasituation ist das beste Beispiel für die ursprüngliche, die eigentliche Bedeutung des Präventionsparadox. Denn das Risiko einer schweren Erkrankung war für die massive Mehrheit der Menschen stets klein, die Einschränkungen galten aber für uns alle – um die zu schützen, die wirklich gefährdet sind. Man kann diesen Weg beschreiten als Gesellschaft, wenn man das will. Dann soll man es aber auch so deklarieren. In den Worten von Caspar Hirschi:

«Es geht nicht darum, Kritiker der Prä­ventionspolitik als undankbare Idioten ­auszuweisen, sondern den praktischen Nutzen eines solidarischen Verhaltens ­aufzuzeigen.»

Wie wurde das «Präventionsparadox» während Corona als verbale Waffe benutzt? Man hat damit selbst Prognosen, Modelle und Szenarien verteidigt, von denen wir recht schnell wussten, dass sie viel zu alarmistisch und übertrieben waren. Man hat also, um uns alle zu schützen, die Gefahr massiv übertrieben. Statt sich dafür zu entschuldigen, wird nun so getan, als wäre das nötig gewesen. Irgendwie muss man die Bevölkerung ja in Panik versetzen, damit sie «das Richtige» tut. Auch dafür gibt es laut Professor Hirschi einen Fachbegriff: «self-defeating prophecy». Also eine möglichst furchtbare Prophezeiung, die sich später selbst wiederlegt, nachdem sie eine möglichst grosse abschreckende Wirkung entfaltet hat.

Dafür, so Hirschi, müsse man folgendes erreichen: Viel Angst bei den Betroffenen auslösen, gleichzeitig aber ihr Wissen klein halten. Dann ist das Vertrauen in die «Propheten» blind und umfassend. Es ist eine wunderschöne (aber natürlich auch verstörende) Beschreibung von dem, was in der Tat geschehen ist.

Das ist alles natürlich auch bestens dokumentiert. Wer am Anfang einer Situation von bis zu 100’000 Toten allein in der Schweiz spricht, der steuert die Panik in die gewünschte Richtung. Selbst wenn das als «pessimistisches Szenario» bezeichnet. Denn es ist und bleibt ein Szenario, das als durchaus möglich verkauft wird. Es war das erste von vielen düsteren Bildern, die gemalt wurden, aber nie zur Realität wurden. Mal um Mal wurde uns gesagt, was passieren könnte, Mal um Mal passierte es nicht. Dennoch blieben die Zweifel in der breiten Öffentlichkeit aus, und die wenigen Kritiker, die darauf hinwiesen, wurden nicht ernstgenommen.

Hirschi schreibt dazu:

«Die falsche Rede vom ‚Präventionsparadox‘ dient dann einer anderen Präventionsstrategie: epidemiologische Modellierer gegen berechtigte Kritik zu immunisieren.»

Dass das System hatte, wissen wir aus Deutschland, wo einst aufflog, dass eine Expertentruppe der Politik empfahl, eine «Schockwirkung» aufzubauen. Das bedeutet, dass die als wissenschaftlich verkauften Prognosen, Modelle und Szenarien einen politischen Zweck und damit mit Wissenschaft rein gar nichts zu tun hatten. Was, so der St.Galler Professor, für die Glaubwürdigkeit von Experten dauerhaft schädlich sei.

Die Coronakrise ist im Nachhinein eine Wissenschaftskrise. Leute, die sicher durchaus Sachverstand auf ihrem Gebiet haben, liessen sich von der Politik einspannen, um uns in Angst und Schrecken zu versetzen. Ihr eigenes Versagen maskierten sie danach mit einem eleganten Begriff, dem «Präventionsparadox», das uns Kritiker dumm da stehen lassen sollte.

Man fragt sich, wenn man die letzten zwei Jahre wirklich seziert, wer genau dumm da steht.