Kennen Sie das Präventionsparadox? Das kommt immer dann als Gegenargument in die Debatte, wenn jemand den Sinn von präventiven Massnahmen anzweifelt. Dieses Paradox ist eine Allzweckwaffe. Sie beweist gar nichts, aber sie besagt, dass man eben auch den Gegenbeweis nicht antreten kann. Bald wird dieser Begriff eine grosse Rolle spielen.

Der Bundesrat verkürzt die Quarantäne. Und er suggeriert allfällige weitere Lockerungen in naher Zukunft. Es bleibt ihm auch nichts anderes übrig angesichts der aktuellen Zahlen, deren Stellenwert er zuvor zwei Jahre lang ja selbst hochgespielt hatte.

Meine Prognose: Wenn dereinst gar keine Massnahmen mehr in Kraft sind, wird es immer noch heissen, dass die früheren unbedingt nötig waren. Wer zur Gegenrede ansetzt, dem wird man vorwerfen, Opfer des Präventionsparadox zu sein. Er kapiert quasi die Reihenfolge der Dinge nicht.

Dieser Begriff umschreibt in etwa das Folgende. X führt Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung ein, Y bezweifelt die Notwendigkeit. Wenn dann nichts Schlimmes eintritt, sagt Y: „Na siehst du, es wäre nicht nötig gewesen.» Und X erwidert: «Doch, wenn wir es nicht getan hätten, wäre es eben schlimmer geworden.» Demnach ist Y Opfer des Präventionsparadoxes geworden. Die Prävention hat so gut gewirkt, dass sie im Nachhinein unnötig erscheint, dabei war sie die einzige Rettung. Man ist also einer Täuschung erlegen.

Das klingt alles völlig logisch. Das Problem ist nur: Damit entfällt die Pflicht für X, den Beweis wirklich anzutreten, dass die präventiven Massnahmen nötig waren. Er kann es einfach behaupten. Das Gegenteil kann man nicht belegen. Genau so wenig wie man beweisen kann, dass es Gott NICHT gibt.

So gesehen hätte der Bundesrat auch verfügen können, zum Schutz vor dem Coronavirus sollen alle Besitzer von Nagern ihre Haustiere gelb anmalen. Ohne Zweifel wäre ein schöner Teil der Bevölkerung auch dieser Massnahme gefolgt. Man tut ja, was man kann, und die Angst ist grösser als die Vernunft. Würde man diese Massnahme im Nachhinein als sinnlos kritisieren, würde es einfach heissen: «Du weisst ja nicht, ob es schlimmer geworden wäre, wenn wir die Nager NICHT gelb angemalt hätten. Präventionsparadox!»

Dieses «Paradox» ist nichts anderes als ein Schutzmäntelchen von Hysterikern, die gerne «modellieren». Ein Modell ist keine Prognose, es ist nur ein möglicher Ausgang einer Entwicklung und damit unangreifbar. Wenn man nun also in einem Modell vom Schlimmsten ausgeht und dieses nicht mal ansatzweise eintrifft, kann man zunächst sagen, es sei ja nur ein «Modell» gewesen, eine theoretische Möglichkeit. Und ausserdem, zweiter Dampfhammer, sei diese Möglichkeit vielleicht nur nicht eingetreten, weil das Modell zu einem veränderten Verhalten der Menschen geführt habe. Ohne Panikmodell hätten sie einfach weitergemacht – und alles wäre ganz furchtbar geworden.

Meine Hochachtung für Leute, die sich die Realität mit solchen Verrenkungen schönreden, ist grenzenlos.

Die Sache ist nur, dass der Vorwurf des Präventionsparadox nur dann funktioniert, wenn die bewusste Prävention wirklich vollständig erfolgt. Wir erinnern uns: Seit Monaten sind in der Schweiz angeblich viel zu wenige Leute geimpft. Inzwischen (ist Ihnen das aufgefallen?) wird über die Impfquote nicht mal mehr informiert. Wenn sie so wichtig ist, warum hat man das Thema dann so still und leise beerdigt? Gemäss diversen «Modellen» müsste die tiefe Impfquote direkt in eine Katastrophe münden. Das ist nicht passiert. Man kann nun schlecht sagen, das sei eben nur so, weil alles gemacht wurde, was die Katastrophe abwendet und man es eben hier mit dem Präventionsparadox zu tun habe. Denn man hat uns oft genug gesagt, dass die Impfquote nicht reicht. Es dürfte also eigentlich nicht funktionieren. Und trotzdem funktioniert es. Wenn etwas paradox ist, dann das.

Ich war kürzlich mit meinen Kindern im Botanischen Garten. Der Zugang zum Tropenhaus war nur mit Zertifikat möglich, wir mussten daher draussen bleiben. Drinnen hat sich kein einziger Mensch aufgehalten. Kein. Mensch. Wenige Wochen zuvor haben sich Leute am «Black Friday» in den Läden um jeden Quadratmeter geprügelt. Zertifikatsfrei. Dass wir nun nicht alle tot sind, kann man nicht mit dem Präventionsparadox erklären. Denn es gab keine Prävention. Ausser natürlich einer theoretischen Maximalzahl an Kunden im Laden, um die sich kein Angestellter kümmerte. Zu verdanken ist unser Überleben also nur der Tatsache, dass die Gefahr nicht mal ansatzweise so gross ist wie sie vermittelt wird. Quod erat demonstrandum.

Wir werden schon bald hören, dass es nur die Massnahmen waren, die uns halbwegs heil aus der Misere gebracht haben. Wer das anzweifelt, der ist eben einfach ein Opfer des Präventionsparadox. Beweisen muss man das nicht. Weil man schon sehr lange nichts mehr beweisen muss. Willkommen in der Welt der «Modelle».