Und jetzt? Steht doch gar nichts drin! – In etwa so fasst die Zeitung «Süddeutsche» die ungeschwärzten Protokolle aus dem Robert-Koch-Institut zusammen. Man kann nur hoffen, dass es eine bewusste Verweigerung der Erkenntnis ist. Denn glaubt die Autorin selbst, was sie da schreibt, braucht sie ganz dringend Hilfe.
Ich habe es bereits angekündigt: Die Offenlegung der RKI-Files wird von den meisten Medien totgeschwiegen, verwedelt oder verharmlost werden. Die «Süddeutsche», das linke Bollwerk in einem an sich nicht ganz so linken Landesteil, hat sich für die dritte Variante entschieden.
Die Wissenschaftsredaktorin Christina Berndt titelt: «RKI-Protokolle: Und wo ist jetzt der Skandal?» Der Artikel ist hinter Bezahlschranke. Er lässt sich aber kostenfrei für meine werte Leserschaft recht einfach zusammenfassen, was ich hiermit gerne mache. Wobei, das ist gelogen. Eher widerwillig, weil widerlich.
Wenn man das Offensichtliche nicht sehen geschweige denn der eigenen Leserschaft verraten will, die man zuvor jahrelang in die Irre geführt hat, gibt es dafür verschiedene Techniken. Eine beliebte: Man tut so, als wäre das, was gerade glasklar enthüllt wurde, doch schon lange bekannt gewesen. Selbst wenn man zu denen gehört, die genau diese Sachverhalte Ewigkeiten lang bestritten haben.
Dass die Experten die Impfung für Kinder nicht empfahlen, dass die möglichen Nebenwirkungen der Spritze klein geredet wurden, dass die Politik das Gegenteil davon gemacht oder gesagt hat: Das habe man doch bereits gewusst, wo also ist da die Enthüllung, so die «Süddeutsche». Und eben: Wo ist der Skandal?
Denn, so ihre Grundthese, es ist doch völlig normal, dass ein beratendes Gremium mal eine andere Auffassung hat als die Auftraggeber. Und wenn diese aus politischen Gremien bestehen, müssen sie eben einfach irgendwann entscheiden. Das sieht dann laut der «Süddeutschen» so aus: Beim RKI fand man X, das Bundesministerium für Gesundheit fand Y, die Regierung entschied sich für Y.
Der ganz normale Ablauf. Alles total normal. Also, ein weiteres Mal, einfach zur Sicherheit: Wo ist der Skandal?
Ich bin ja ein netter Mensch, jedenfalls von vereinzelten Aussetzern abgesehen. Also helfe ich der Kollegin gern weiter. Ich werde es ihr hier verraten.
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Der Skandal liegt tatsächlich nicht darin, dass die Beratenen nicht auf ihre Berater hören wollten. Also doch, eigentlich schon, denn wozu halten sich Politiker Wissenschaftler, wenn sie dann deren Erkenntnisse ignorieren? Aber seien wir an dieser Stelle grosszügig. Denn es geht sehr viel weiter.
Der Skandal liegt darin, dass die Forscher am Robert-Koch-Institut durch ihre Arbeit für die deutsche Bundesregierung faktisch lahmgelegt waren. In den geleakten Protokollen ist klar festgehalten, dass ihre Unabhängigkeit «eingeschränkt» war. Die RKI-Erkenntnisse wurden nicht nur von der Politik nicht angewendet, viel mehr als das. Dem wissenschaftlichen Institut wurde es durch seine «Rolle als Bundesbehörde» verunmöglicht, die besagten Erkenntnisse aus eigener Kraft und selbständig öffentlich zu machen.
Das heisst: Die Politik hat nicht nur das Falsche getan, sondern auch die Verbreitung des Richtigen aktiv verhindert. Man kann das nachlesen im Massstab 1:1. Und selbst wenn sie sonst nichts können sollte: Lesen kann Christina Berndt bestimmt.
Der Skandal liegt weiter darin, dass die Politik – nicht nur in Deutschland übrigens – stets behauptet hat, die Wissenschaft arbeite völlig eigenständig und unabhängig, und man tue ja nur stets, was die besagte Wissenschaft empfehle. Nein, sie war nicht unabhängig, und nein, es geschah nicht, was sie empfahl.
Damit aber gab man den Coronahysterikerin eine wichtige Waffe gegen die Kritiker und Zweifler in die Hand: Man verschanzte sich hinter unumstösslichen Wahrheiten der Wissenschaft, die sich zudem völlig einig sei, abgesehen von einigen Spinnern. Immer, wenn es hiess «Die Wissenschaft sagt…», hätte es aber in Wahrheit heissen müssen: «Die Politik sagt…»
Ein weiterer Skandal liegt darin, dass sich das RKI nicht nur wehrlos übergehen liess, sondern der Politik auch dabei half, das Gegenteil seiner Empfehlungen so auszuschmücken, dass es klang, als handle es sich um seine Empfehlungen. Verzeihung, das war etwas verschlungen ausgedrückt, deshalb einfacher: RKI sagt X, Politik will aber Y, beim RKI schraubt man im Auftrag der Politik so lange, bis sich Y irgendwie begründen lässt. Nun hat es vermutlich auch die Frau Wissenschaftsredaktorin verstanden.
«Wo ist der Skandal?» Das kann man wirklich nur fragen, wenn man die eigenen Leser jahrelang hinters Licht geführt hat und nun um jeden Preis vermeiden will, dass sie es merken.
Aber ich kann die «Süddeutsche» beruhigen. Leute, die sie schon länger lesen und immer noch abonniert haben, merken in der Regel gar nichts.
Abseits davon: Fragen sich die Journalisten wirklich nicht, warum man sich beim Bundesministerium für Gesundheit so lange derart gegen die Veröffentlichung der Protokolle gewehrt hat, bis diese durch einen Gerichtsbeschluss erzwungen wurde? Tut man das, wenn man nichts zu verbergen hat?
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Bild: Deutsches Bundesarchiv
