Juhu, wir haben einen neuen Skandal. Ein Nationalrat plaudert Geheimnisse aus einer Kommission aus. Angesichts der letzten zwei Jahre nehme ich das eher beruhigt zur Kenntnis. Denn wir wurden in der Vergangenheit zu selten statt zu oft informiert darüber, was wirklich ist. Mit «wir» meine ich: Das Volk, der Souverän.

Wer mag, der kann sich das Ganze gern bei blick.ch nachlesen. Es geht um Roger Köppel und seinen offenbar eher hemdsärmeligen Umgang mit Informationen, die er als Parlamentarier hat und die man offenbar dem Volk – der höchsten Instanz und dem Arbeitgeber des erwähnten Parlaments – auf keinen Fall weiterreichen darf.

Ja, ich kenne die Spielregeln des Bundeshauses, aber kennen ist nicht dasselbe wie verstehen. Mir will es nicht runter, warum unter der Kuppel zu Bern Dinge verhandelt werden sollen, die man an uns, dem Souverän, vorbeischmuggeln muss. Wenn wir ein Problem haben, dann kaum, dass man uns zu stark ins Bild setzt. Sehr im Gegenteil, wir erfahren viel zu wenig von dem, was im Bundeshaus geht (und für das wir übrigens bezahlen).

Mich interessiert es nicht, welche Regeln Köppel verletzt haben soll. Mich interessiert viel mehr, warum es diese Regeln gibt und wem sie nützen sollen. Eine informierte Gesellschaft ist eine, die gute Entscheidungen treffen kann. Je weniger wir wissen, desto blinder bewegen wir uns. Die Aufregung um einen Nationalrat, der sagt, was ist, kann ich nicht nachvollziehen. Vor allem nicht nach den zwei Coronajahren, in denen jede echte Information an uns vorbei geschmuggelt wurde und man uns nur mit dem gefüttert hat, was der Regierung genützt hat.

Vollends irre wird die Aufregung um irgendeine angebliche Verletzung des Parlamentsgesetzes, wenn wir uns daran erinnern, dass es in den letzten zwei Jahren eine regelrechte Standleitung zwischen dem Sitzungszimmer des Bundesrats und gewissen Medien gab. Regelrecht alles wurde vorzeitig «geleakt» an die Zeitungen, bei denen man davon ausgehen durfte, dass sie es im «richtigen» Sinn verwenden. Und nun tut man so, als sei Geheimhaltung das höchste Gebot. Wie kam es denn, dass uns der «Blick» während Corona stets ein bis zwei Tage vor der offiziellen Durchsage schon sagen konnte, was die Landesregierung bald verkündet? Hat sich da irgendjemand in Bern darüber aufgeregt?

Nein, das war kein Thema. Das Bundeshaus darf so löchrig sein wie ein guter Schweizer Käse, wenn es «der Sache dient». Aber wenn der Falsche plaudert, ist es ein Skandal. Und zwar in den Augen der Zeitung, die lange davon profitiert hat, dass jemand Interna weitergibt. Der Experte staunt, und der Laie wundert sich.