Wie dämlich muss man sein, um in jeder Phase der Zeitgeschichte verlässlich auf der falschen Seite zu stehen? Diese Frage muss ich mir selbst stellen. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.
Um 1987, im Gymnasium irgendwo auf dem Land in der Ostschweiz, vor den Toren der grossen Stadt, ein paar Kilometer weiter der Bodensee. Es ist die Gegend, von der heute Standortförderer schwärmen. Hohe Lebensqualität, Naherholungszone trifft auf Einkaufsparadies, und in der Mitte dazwischen wohnen die Chefärzte und sorgen für tiefe Steuern. Privilegien, wohin das Auge reicht, ein Leben ohne Sorgen, und wenn es doch welche gab, dann wusste man wenigstens, welche es waren.
Die Gefahr kam damals von links, gar keine Frage.
Es war die Zeit des Kalten Kriegs, der Kommunismus aus Richtung Moskau war das Gespenst, das über uns waberte, auch wenn er sich vermutlich nur geringfügig für uns interessierte. Der verordnete Zeitgeist in der Schweiz lag irgendwo zwischen eidgenössischer Selbstverteidigung und Verehrung der transatlantischen Idee. Die Devise war: Wir müssen uns selbst wehren können, aber wenn es hart auf hart kommt, sind die Amerikaner unsere Freunde, Neutralität hin oder her. Denn sie widerspiegeln unsere Grundideale.
Das galt als so selbstverständlich wie die Sonne, die morgens aufgeht.
Mir war das zu einfach, wie mir überhaupt zeitlebens alles zu einfach war, was die Masse stillschweigend zu akzeptieren schien, und deshalb warf ich mich lustvoll auf die andere Seite. Gut möglich, dass unser System besser funktionierte, mit vollen Ladenregalen, freiem Unternehmertum, ohne Korruption und Bespitzelung. Aber war nicht entscheidend, was am Ende des Wegs steht? War die Vision einer Gesellschaft, in der alles der Gemeinschaft gehört, nicht viel verlockender? Egal, was sie kostet?
Also wurde ich mit 15 Jahren Kommunist, ohne zu wissen, was ein Kommunist ist und so tut. Einfach, weil es mit Garantie das war, was man nicht sein durfte. Die Botschaft der Sowjetunion in Bern schickte mir auf meine Bitte regelmässig buntes Propagandamaterial, kleine Büchlein mit martialischen Kämpfern unter einer roten Flagge, die dem internationalen Proletariat die Macht erkämpften gegen die Eliten. Während man uns im Schulzimmer erklärte, dass die «rote Gefahr» überall lauert und uns nur der Kapitalismus unter amerikanischer Führung retten kann.
Ich war der Exot, aber ich war keine Gefahr. Lass den Pubertierenden einfach machen.
Es waren verwirrende Zeiten, vor allem aber waren es Zeiten, die vollgestopft waren mit ideologischen Botschaften, welche die meisten von uns gar nie erreichten. Wer hatte denn schon eine Ahnung bei uns auf dem Land davon, was links und rechts ist, wer wirklich für die Freiheit steht, welches Konzept das bessere ist? Es unabhängig und frei herauszufinden, war ein Ding der Unmöglichkeit.
Wir wurden eng geführt von Politikern, die, inzwischen bräsig und dickbäuchig, vor Urzeiten mal in der Armee gedient hatten und uns die Blut-und-Boden-Philosophie schweizerischen Zuschnitts predigten. Von Medien, die – so ein Zufall – von denselben Leuten geführt wurden, weil damals nur Chefredaktor wurde, wer eine anständige Militärlaufbahn absolviert hatte. Und von Lehrern, die nach Säuberungswellen übriggeblieben und frei von kritischen Gedanken waren.
Denn, das vergisst man gern, es gab sie natürlich auch in der Schweiz: Die Bespitzelungen, die Karrierebrüche aufgrund der falschen Haltung. Es gab Arbeitsverbote für Pädagogen, die sich für den Frieden einsetzten und gegen Waffenplätze. Es gab rund 900’000 sogenannte «Fichen» über Bürger, die sich verdächtig gemacht hatten, weil sie einen entfernten Onkel in Moskau besucht hatten oder sich in einer Gewerkschaft engagierten. Die Lüge von der grenzenlosen Freiheit, von der bedingungslosen Meinungsfreiheit: Man erkennt sie nicht, wenn man mitten in ihr steckt. Erst sehr viel später.
Wir waren damals genauso infiltriert, wie wir es heute sind, einfach in eine andere Richtung. Und ich entschied mich damals, dabei nicht mitzumachen, genau so, wie ich es heute tue.
Vielen Dank für Ihren freiwilligen Beitrag.
Man muss über 50 Jahre alt sein, um zu ahnen, wie das damals war. Und ebenso alt muss man sein, um zu ahnen, wie irrwitzig es ist, sich plötzlich angeblich auf der anderen Seite des politischen Spektrums zu finden, ohne jemals an seinen eigenen Grundsätzen geschraubt zu haben.
Wer 1987 die allgemeine Geschichtserzählung, das einzig gültige Narrativ, die beinharte Manipulation durch das System ablehnte, galt als links. Wer heute exakt dasselbe tut, gilt als rechts. Es sind nur Etiketten, gedruckt vom System, das je nach Zeitgeist definiert, aus welcher Himmelsrichtung der Feind gerade kommen soll.
Einige meiner einstigen Weggefährten waren sehr viel intelligenter als ich. Meine Kollegen von der Sozialistischen Arbeiterpartei, ehemals Revolutionäre Marxistische Liga, später meine Parteifreunde bei der SP, die Mitstreiter gegen den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen: Viele von ihnen erkannten Jahre später messerscharf, dass sich der Wind gedreht hat, und alles, was sie tun mussten, war, sich mit ihm zu drehen. Also beschlossen sie, sich dem unterzuordnen, was sie einst bekämpft hatten.
Wir waren ja nie einfach «links». Wir waren in erster Linie kritisch, wir haben Fragen gestellt, wir haben gezweifelt, wir wollten den Mächtigen etwas entgegensetzen. Das Prädikat «links» wurde uns von anderen aufgedrückt. Der Widerstand gegen die herrschenden Zustände: Das war der Anspruch an uns selbst. Doch irgendwann in den 90er-Jahren kamen viele von uns selbst an die einst kritisierte Macht, besetzten politische Ämter, leitende Funktionen in Behörden, die Schulstuben. Und urplötzlich war er weg, der Wille, gegen den Strom zu schwimmen. Mit einem Mal galt es, den Staat bedingungslos zu unterstützen, Zweifler auszugrenzen.
Und diese Leute hatten gut zugehört, gut verinnerlicht, gut gelernt aus ihrer eigenen Geschichte. Wendig wie ein Fisch übernahmen sie kurzerhand die Instrumente, die einst gegen sie selbst eingesetzt worden waren. Hatte man sie einst banalisierend als «Linke» eingestuft und wo immer möglich aus der Gesellschaft verbannt, taten sie nun dasselbe mit denen, die jetzt den Staat kritisieren. Aus der linken Gefahr wurde die rechte.
Hatten sie sich selbst einst «Moskau einfach!» entgegenbrüllen lassen müssen, waren sie es nun, die beispielsweise Ungeimpfte am liebsten des Landes verwiesen hätten. Aus den Antifaschisten von 1987, die noch in grösster Ehrlichkeit «Nie wieder!» skandiert hatten, weil die Erinnerung noch frisch war, wurden mit einem Mal bedingungslose Verfechter des Staats, die an der Seite der Polizei gegen die «Coronaleugner» mobil machten.
Ich denke oft darüber nach, wie organisch ein solcher Wandel verläuft oder ob man ihn bewusst vollzieht. Was ich weiss aus eigener Erfahrung: Wenn man seiner Linie selbst treu geblieben ist, wenn man dem Staat auch 2025 noch so misstraut wie 1987, dann hat man verloren. Denn dann stand man auf der Zeitachse schlicht immer am falschen Punkt. Nie bei denen, die das Sagen haben. Immer bei den andern.
Freie Rede für freie Bürger – das gibt es hier. Danke für Ihre Unterstützung.
Immer wieder liest man vom langen Marsch der Linken durch die Institutionen, und es gab ihn wirklich. Was vor bald 40 Jahren der sichere Weg in die Stigmatisierung war, ist heute die Voraussetzung dafür, akzeptiert zu werden. Gewonnen hat, jedenfalls in der kurzfristigen Wahrnehmung, wer wendig genug war, seine Ideale abzustreifen wie eine Schlange ihre alte Haut.
Ich sehne mich keineswegs zurück in die Zeiten, als Friedensaktivisten ihren Job verloren, als man unbescholtene Bürger fichiert hat, als eine Militärkarriere Voraussetzung für höhere Ämter war. Natürlich nicht, ich habe mich damals ja schon dagegengestellt.
Nur dass man heute eben seinen Job für ganz andere Dinge verliert, dass heute ganz andere Leute indirekt fichiert werden und heute ganz andere Dinge Voraussetzung dafür sind, dass man nach oben kommt. Und ich mich wieder dagegenstelle und damit wieder ausserhalb des Systems stehe. Dumm gelaufen. Oder vielleicht genau richtig. Wer weiss das schon?
Vielleicht bin ich einfach zu wenig opportunistisch. Ich hätte angesichts meiner Vergangenheit einfach mitschwimmen können. Die Linken von gestern sind heute ja am Drücker. Die einzige Voraussetzung wäre gewesen: bereit zu sein, andere so auszugrenzen, wie wir einst ausgegrenzt wurden. Die Waffen, die man gegen uns eingesetzt hat, gegen andere zu gebrauchen. Die neuen Machtverhältnisse blitzschnell erkennen und sich ihnen unterordnen. Begriffe wie Demokratie und Meinungsfreiheit neu auslegen, so, dass sie den Staat schützen und nicht den Bürger.
Viele meiner einstigen Weggefährten leben heute satt und zufrieden von dem Staat, den sie einst bekämpft haben. Aber nicht, weil sich dieser Staat in die Richtung gewandelt hätte, die wir damals forderten. Im Gegenteil, er ist weitgehend identisch. Galten vor 40 Jahren die bedingungslose Treue zu Papst und Panzern als Leitmotiv, sind es heute Klima, Gender und Konsorten. Immer noch mit derselben Religiosität verbunden.
Dabei spielt es gar keine Rolle, was gerade sklavisch verehrt wird. Das verändert sich sowieso von Generation zu Generation. Es geht um Grundsätze. Ein Staat, der nur noch eine einzige Wahrheit definiert und seine Heere – Politiker, Medien, Wissenschaftler, Lehrer – aussendet, um jeden anderen Gedanken auszumerzen, ist immer das Gegenteil von Vielfalt, von Toleranz, von Offenheit.
Wir standen 1987 für diese Vielfalt ein. Aber inzwischen haben sich die meisten, die das getan habe, bestens arrangiert in der Einfalt. Weil sie von dieser gut leben.
Es lässt sich vielleicht am besten mit einem Bild illustrieren. Ein riesiges grünes Feld, in seiner Mitte steht eine Figur, aufrecht, den Blick in die Ferne gerückt. Sie steht und steht und steht, sie verschiebt sich um keinen Millimeter, aber das Feld um sie herum dreht sich in einem wahnwitzigen Tempo, fast sekündlich bietet sich ein anderes Bild, die einzige Konstante ist diese Figur, die einfach stehen bleibt.
Und irgendwann kommt diese Stimme aus dem Nichts, die sagt: «Warum stehst du immer auf der falschen Seite? Warum machst du nicht ein paar Schritte hin zum Licht, zum Guten, zum Richtigen?»
Und die einzige Antwort darauf ist: «Will ich alle paar Jahre, wenn etwas Neues das angeblich einzige Richtige, Gute ist, meine Position ändern? Will ich herumrennen wie ein Irrer, um immer ein paar Momente im Licht zu erleben? Im sicheren Wissen, dass es morgen schon wieder anders aussieht? Obwohl ich doch weiss, wo ich stehen möchte? Ich bleibe, wo ich bin. Lass die Welt sich drehen. Ich drehe mich nicht mit.»
Wenn die Gesellschaft in zehn Jahren vielleicht schon wieder anders aussieht, werde ich immer noch am selben Punkt stehen. Und vielleicht wird meine Position dann wieder ganz neu beurteilt. Möglicherweise stehe ich dann zufällig völlig richtig – oder vollends im Aus. Entscheidend ist nur, zu wissen, dass ich es nicht war, der sich verschoben hat. Die Welt hat sich gedreht. Und wer sich einfach immer brav mit ihr mitdreht, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er überhaupt für irgendetwas steht.
Oder vielleicht nur für sich selbst.
Dieser Blog ist kostenlos. Es gibt ihn dank freiwilligen Beiträgen. Merci!
