Lieber zensieren als zuhören

Wir haben den Dialog abgeschafft, die Debatte, die Bereitschaft, andere Meinungen als das zu akzeptieren, was sie sind: andere Meinungen. Vielleicht ist es ein Glück, dass ich das mittlerweile selbst erlebe. Es hilft, das alles zu verstehen.

Vor wenigen Tagen war ich zu Gast bei einem Gesprächskreis im St.Galler Rheintal. Dort treffen sich regelmässig an Samstagen Menschen zur Debatte über ein bestimmtes Thema oder auch zum allgemeinen Austausch. Dabei wird keine bestimmte Haltung oder ein Weltbild vorausgesetzt. Im Gegenteil: Je kontroverser die Meinungen, desto lebhafter die Debatte. Jeder hat die Gelegenheit, seine Sicht der Dinge zu präsentieren, andere können widersprechen, manchmal muss man vielleicht sogar seine eigene Sicht der Dinge über Bord werfen, weil man neuen und schlüssigen Argumenten begegnet.

Was für eine Wohltat. Und was für ein Ausreisser in der heutigen Zeit.

Es gab nie so viele «Debattenräume» wie heute. Aber 99,9 Prozent davon finden virtuell statt, in den sozialen Medien. Und dort ist kaum jemand wirklich an der Debatte interessiert. Es geht darum, sich selbst als Träger der Wahrheit zu positionieren und jeden Einspruch abzuschmettern. Aber nicht mit inhaltlichen Argumenten, sondern mit Totschlagbegriffen. Wer Zweifel anmeldet oder Fragen hat, ist ein Schwurbler, ein Rechtsextremer, ein Verschwörungstheoretiker, ein Putin-Freund, ein Nazi, manchmal alles zusammen. Wobei man für solche Etiketten nicht mal rechte Themen aufbringen oder über Russland sprechen muss, diese Kampfbegriffe werden völlig wahllos eingesetzt. Benutzt wird einfach, was gerade besonders «knallt».

Der nächste Schritt ist, dass die so Stigmatisierten aus dem jeweiligen Gesprächskreis ausgeschlossen werden, weil man sie als «störend» wahrnimmt. Was dann dazu führt, dass man unter sich ist, abgeschottet von Gegenargumenten und lästigen Fragen. Und wiederum ein nächster Schritt besteht darin, diese kritischen Zeitgenossen über die sozialen Medien hinaus unmöglich zu machen, ihren Meinungskorridor zu verengen und ihnen im Idealfall auch die Existenz zu rauben.

Ich habe diese Erfahrung inzwischen selbst mehrfach gemacht, nachdem ich sie früher nur von anderen rapportiert habe. Wobei es wichtig ist festzuhalten: Niemand muss die Taschentücher bereithalten. Es geht nicht um mein persönliches Schicksal, und ich bin (noch) nicht existenziell bedroht. Andere sind es aber, und diese Cancel Culture muss ein Ende haben. Eine andere Meinung zu haben kann nicht die Grundlage dafür sein, einen anderen aus der Gesellschaft, aus der Dialoggemeinschaft zu entfernen.

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Vor der Coronazeit habe ich im Auftrag einer Regisseurin ein Drehbuch zu einem Kinofilm geschrieben. Es handelte sich um ein unpolitisches Jugenddrama rund um die Gefahr von synthetischen Drogen. Bis zur Realisierung vergingen dann Jahre. Der Film lief 2024 in den Schweizer Kinos. Er ist, denke ich, sehr schön geworden. Und das Thema ist wichtig.

Nachdem die Produktionsfirma im Vorfeld des Kinostarts diversen Medien Informationsmaterial zum Film hatte zukommen lassen, prasselten dort die Anrufe ein. Mehrere Journalisten fragten nach, ob man sich bewusst sei, dass der Drehbuchautor ein «rechter Journalist» sei? Die kaum verklausulierte Fragestellung lautete: Wie konnten Sie bitte mit DEM zusammenarbeiten?

Ja, wie konnten sie nur. Vielleicht, und ich bin ausnahmsweise unbescheiden, gibt es in der Schweiz einfach nicht zahllose Autoren, die aus einer groben Storyidee ein Drehbuch schreiben können, das funktioniert und diese Idee wiedergibt.

Aber wenn das der Falsche macht, ist es natürlich nicht gut, und ich war eben der Falsche. Der mit der falschen Meinung in völlig anderen Fragen.

Es ging den Journalisten nicht um den Film. Es ging nicht um dessen wichtige Botschaft, es ging nicht um die Frage, ob er qualitativ gut ist und welche Wirkung er auf die Zielgruppe entfalten könnte. Den Journalisten ging es stattdessen um mich und meine Arbeit in einem anderen Bereich, die ihnen nicht passt. Dafür nahmen sie auch in Kauf, nebenbei die Arbeit einer Produktionsfirma und die Leistung von Schauspieler und Crew zu beschädigen. Aus ihrer Sicht war klar: Einer wie ich darf doch nicht straflos ein Drehbuch schreiben!

Wie muss man drauf sein, um so vorzugehen? Was hat das mit Journalismus zu tun? Warum ist es diesen Leuten wichtiger, einen ihnen missliebigen Berufskollegen schlecht zu machen, statt allenfalls einen pädagogisch wertvollen, professionell produzierten Kinofilm entweder wohlwollend oder dann doch zumindest neutral zu besprechen?

Ich schreibe eine tägliche Medienkolumne beim «Nebelspalter», ich gehe hart ins Gericht mit anderen Texten und deren Autoren, aber ich begründe immer, warum ich das tue. Ich sage nicht einfach, dass mir das Weltbild dieses Journalisten nicht passt. Ich argumentiere. Und man darf mir jederzeit widersprechen. Gerne sogar.

Wenn es wirklich einfach das Ziel ist, dafür zu sorgen, dass ich verstumme, muss ich diese Leute enttäuschen. Wir leben im Jahr 2025. Es gibt zahllose Kanäle. Wenn es sein muss, schreibe ich noch aus einer Höhle auf einer Insel in der Verbannung, was ich zu sagen habe. Ich schweige erst, wenn ich tot bin, sorry. Wobei: Vielleicht nicht mal das, ich weiss ja nicht, was danach ist.

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Kurze Zeit später wurde ich von einer Lesung ausgeladen. Mein damaliger Verlag, bei dem ich in erster Linie Belletristik publiziere, wollte mehrere seiner Autoren bei einer «Mediothek» im Prättigau ihre Werke vorstellen lassen. Dort hat man sich offenbar zu vertieften Recherchen verpflichtet gefühlt, mich fleissig gegoogelt und kam dann zum Schluss, dass ich nicht erwünscht sei. Die Texte auf meinem Blog entsprächen nicht dem, was man unter dem Dach der Mediothek empfangen wolle.

Der Roman, den ich dort vorstellen wollte, ist unpolitisch, eine harmlose (aber übrigens sehr unterhaltsame) Ganoven-Klamotte, von der ich nicht glaube, dass sie im Büchergestell irgendwelcher Neonazis steht. Aber das spielte keine Rolle. Wer in anderen Lebensbereichen eine andere Meinung vertritt als die Betreiber, soll auch nicht die Gelegenheit erhalten, aus einem Roman vorzulesen.

Der Verlag hat mir das mitgeteilt und ansonsten beschlossen, die Lesung mit den anderen – willkommenen, weil harmlosen – Autoren durchzuführen. Das hätte mir ein Warnsignal sein sollen. Wenige Monate später kündigte mir der besagte Verlag die Zusammenarbeit ganz, weil ein neuer Autor meine Entfernung zur Bedingung seiner Mitarbeit machte. Der Verlag ging darauf ein. Darüber habe ich in den sozialen Medien berichtet, und ich habe wenig Lust, es weiter auszuführen. Macht man sich Gedanken über das Elend auf dieser Welt, wird einem nur selbst elend.

Ich frage mich über meinen persönlichen Fall hinaus, was aus der guten alten Zivilcourage geworden ist. Wenn sich schon Buchverleger, die mehr als jeder andere für die Freiheit des Worts und des Denkens einstehen sollten, solchen Einschränkungen der Meinungsfreiheit unterordnen, wie wollen wir dann von ganz normalen Bürgern erwarten, dass sie laut werden, wenn sie auf Ungerechtigkeit stossen?

Der Irrsinn ist, dass diese Leute, die ausgrenzenden Journalisten und Mediothek-Betreiber und Verleger, ernsthaft glauben, dass sie selbst für Toleranz stehen. Dass sie das Gute symbolisieren, dass sie Minderheiten beschützen und die Welt besser machen. Auf dem Weg dorthin dürfen sie ausradieren, was aus ihrer Sicht dem entgegen steht. Nur wird man von mir nach 33 Jahren in diesem Beruf kein einziges fremdenfeindliches oder ausgrenzendes oder diskriminierendes Wort finden. Ich erlaube mir nur, real existierende gesellschaftliche Probleme offen anzusprechen. Das ist nötig. Nötiger denn je.

Einer derer, die Cancel Culture zur Lebensphilosophie gekürt habe, veröffentlichte vor Kurzem stolz ein Video, das zeigt, wie er im Zimmer seines Sohns im Kleinkindalter ein Poster von Greenpeace aufhängt. Er hielt das für eine wichtige Botschaft, um seinen Nachwuchs auf den richtigen Weg zu bringen.

Das ist vielsagend. Ich habe meine Kinder nie auf diese Weise manipuliert oder instrumentalisiert. Ich habe sie stets dazu aufgefordert, selbst zu denken, mich herauszufordern. Sie dürfen mir widersprechen, sie sollen sogar. Sie sind nicht meine Kopien, sie sollen ihr eigenes Bild von der Welt entwickeln und ihre eigenen Schlüsse ziehen. Ich diskutiere lustvoll mit ihnen über Donald Trump, den sie für einen Unmenschen halten, und ich nehme ihre Bedenken ernst, so ernst, dass ich ihnen auf Augenhöhe widerspreche, aber ihnen jederzeit dort recht gebe, wo sie die besseren Argumente haben.

Ein Poster mit meinem Ideal einer perfekten Welt habe ich ihnen nie ins Zimmer gehängt. Und sie dürfen von Herzen gern uralt werden mit völlig anderen Auffassungen, als ich sie habe. Meine Kinder sind nicht ich. Meine einzige Aufgabe liegt darin, sie zu dialogbereiten Menschen zu erziehen, die sich mit anderen Meinungen auseinandersetzen. Ich denke, das ist gelungen.

Vielleicht liegt da der grosse Unterschied: Wir angeblich bösen Unmenschen sind zutiefst davon überzeugt, dass es Platz für jede Meinung hat, wenn sie gut begründet ist. Die andere Seite will einfach das wiederholt hören, was sie selbst denkt.

Es gibt zarte Anzeichen dafür, dass das Pendel allmählich wieder auf die andere Seite ausschlägt. Aber nur schon, darauf hoffen zu müssen, ist ein Armutszeugnis. Mir käme es als Betreiber eines Veranstaltungsorts nie in den Sinn, jemanden auszuladen, weil ich nicht seiner Meinung bin. Ich würde als Autor eines Verlags nie einem anderen Autor im Weg stehen, nur weil ich nicht mit ihm übereinstimme. Dafür habe ich zu viel Respekt für meine Mitmenschen. Wer bin ich, die Wahrheit definieren zu können?

Wir haben den Punkt erreicht, an dem die Ausgrenzer sich feiern können lassen als «Inkludierer». Aber ich versuche, das Gute im Schlechten zu sehen. Ich habe so oft über Cancel Culture, über Zensur und die Einschränkung der Meinungsfreiheit geschrieben.

Inzwischen kann ich das wenigstens aus eigener Anschauung tun. Hurra.

Handeln, bevor es zu spät ist. Ihr Beitrag an die Meinungsfreiheit erreicht mich hier.