Das hier ist ein Text, in dem ich schonungslos meine totale Ahnungslosigkeit offenlege. Für die ich mich aber nicht schäme, im Gegenteil. Es wäre wunderschön, wenn meine geschätzten Kollegen hin und wieder einfach auch mal sagen würden: «Sorry, ich habe keine Ahnung, deshalb schreibe ich nichts dazu.»

Ich bin gerade mal meine alte Klassenliste durchgegangen. Ergebnis: Wladimir Putin ist nicht drauf. Offenbar bin ich nicht mit ihm zur Schule gegangen. Ein Arbeitskollege war er meines Wissens auch nicht, und wir waren auch nicht zusammen in der Blasmusik. Will heissen: Ich kenne den Mann nicht, und ich kann nichts über ihn sagen. Nichts Gutes. Und nichts Schlechtes. Er ist für mich ein Phantom.

Was ich von Putin weiss, das weiss ich aus unseren Medien. Ich würde mich gerne auf das verlassen, was die zum Thema sagen, aber irgendwie, keine Ahnung wieso, fällt mir das aktuell richtig schwer. Damit will ich sagen: Ich weiss auch dann, wenn die Zeitungen voll davon sind, nichts von ihm. Oder mit Sicherheit nichts, was einer objektiven Einschätzung nahekommt. Sagen wir es einfacher: Ich glaube vorsichtshalber kein Wort. Ich bin geeicht in dieser Beziehung durch die letzten 24 Monate.

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Also bleibe ich ahnungslos. Mir bleiben nur meine Grundwerte. Ich mag keine Kriege. Ich mag keine Bomben. Mir ist das alles zuwider. Deshalb ertrage ich auch die aktuellen Bilder schlecht. Aber was darüber hinausgeht, also die Beurteilung des aktuellen Konflikts zwischen Russland und der Ukraine auf einer höheren Sphäre, das liegt einfach ausserhalb meiner Reichweite. Ich verlasse mich jedenfalls garantiert nicht auf die Einschätzungen der Zeitungen von Ringier, TX Group, CH Media usw. Dafür, Verzeihung, ist inzwischen zu viel passiert. Medien, die zwei Jahre lang nacherzählen, was uns der Staat als Wahrheit verkaufen will, verspielen den Status der vertrauenswürdigen Quelle. Auch wenn es um etwas völlig anderes geht. Und dazu kommt noch die banale Einsicht aus 30 Jahren Journalismus, dass die Erkenntnis von Schweizer Medien über globale Ereignisse von irgendwelchen Nachrichtenagenturen stammen, deren Agenda ich auch nicht kenne. Nein, CH Media oder wer auch immer hat keine superverlässlichen Quellen direkt vor Ort, die eine Lage wirklich unabhängig einschätzen. Mit anderen Worten: Als Beweisführer untauglich.

Aber hey, das Positive sehen! Die kriegerische Auseinandersetzung kommt genau zu dem Zeitpunkt, an dem Corona nicht mehr so viel hergibt. Neue Baustelle, neue Profilierungsmöglichkeit. Jedenfalls für die Medien. Und vielleicht bin ich ja eine Ausnahme und die Mehrheit der Leserschaft glaubt ernsthaft immer noch, was «in der Zeitung» steht.

Zum Beispiel in den Blättern von CH Media. Da sagt uns ein gewisser Samuel Schumacher, den ich bis dato nicht kannte (tut mir sehr leid), was die Schweiz angesichts des aktuellen Konflikts nun zu tun hat. Wer mag, kann es hier nachlesen.

Wer es nicht tut, und ich verstehe das wirklich, für den liefere ich eine Kurzzusammenfassung. Eine der Aussagen ist natürlich, dass wir die ukrainischen Flüchtlinge aufnehmen sollen. So ein bisschen «Wir schaffen das» à la Merkel. Das kommt immer gut, jedenfalls für den Moment. Es klingt jedenfalls mal sehr edel, das kann nie schaden.

Aber sehr viel spannender ist dieser Satz:

«Neutralität ist nicht mehr länger eine Option – ganz sicher nicht für die Schweiz.»

Wow. Einfach nur: Wow. Herr Schumacher sagt uns gerade, dass wir das, was uns global auszeichnet, was uns über Jahrzehnte getragen hat, was viele von uns auch stolz macht, nun gefälligst über Bord kippen sollen. Neutralität? Nö. Wozu auch? Hat uns in unserer Geschichte durch ganze Kriege getragen, hat uns Wohlstand beschert, hat uns als sehr kleines Land einen besonderen Status in der Staatengemeinschaft eingetragen, aber das sind alles Peanuts, das kann weg. Samuel Schumacher findet das, was gerade passiert, nicht gut, er hat einen Schuldigen und ein Opfer ausgemacht, und angesichts dessen sollte die Willensnation Schweiz nun bitte ihren Neutralitätsstatus gefälligst aufgeben und Partei ergreifen. Für die Ukraine. Gegen Russland. Unsere kleine Nation soll also mal schnell ihre internationale Rolle neu definieren. Der Mann wird in die Geschichte eingehen!

Für einen Verlag, der nichts anderes ist als der Regionalzeitungsableger der NZZ, ist das ganz schön happig. Und sehr, sehr selbstbewusst. Man könnte es auch als Arroganz definieren, aber dazu bin ich viel zu höflich. Aber angesichts dieses Selbstbewusstsein interessiert es natürlich, wie berufen zu solchen Forderungen der Mann ist, der sie erhebt. Und ich mache meine Hausaufgaben immer, ich habe inzwischen gegoogelt. Herr Schumacher ist «Ressortleiter Ausland» bei CH Media. Das ist in etwa gleichbedeutend mit der Funktion des Alkoholeinkäufers bei der Genossenschaft Migros, die derzeit noch keinen Alkohol verkauft. Und er sagt uns gerade, die Schweiz solle die Neutralität aufgeben. Warum auch nicht. Papier ist ja geduldig. Die Leser leider auch.

Journalisten, das muss man wissen, und ich nehme mich da nicht aus, lieben die Apokalypse. Für Samuel Schumacher oder auch jeden anderen, der sich in Schweizer Medien mit globalen Fragen auseinandersetzt, sind die aktuellen Ereignisse ein Geschenk. Worüber bitte sollen sie grosse Worte schreiben, wenn sich alle lieben? Es ist viel besser, wenn es knallt.

Das wird klar, wenn man Dinge wie das hier liest. Absender ist der Alkoholeinkäufer der Migros, pardon, der Ressortleiter Ausland von CH Media:

Eines aber ist klar: Die Diplomatie hat im Umgang mit dem russischen Machtapparat ausgedient. Es gibt keinen Grund mehr, sich gegenüber dem Kreml neutral zu verhalten. Es ist nicht mehr angebracht, das Gespräch zu suchen.

Ich hoffe, Bundespräsident Cassis hört aufmerksam zu: Keine Gespräche mehr, klar?

Ich halte es lieber mit einem grossen Denker und stelle fest: Ich weiss, dass ich nichts weiss. Nichts über Russland, nichts über die Ukraine, nichts über die Geschichte zwischen den beiden. Was ich weiss, ist aber relevanter: Ich weiss, dass man einen Status wie die Neutralität nicht mal schnell aufgrund eines Konflikts aufgibt (der Status besteht nämlich NUR für diese Fälle, wofür denn sonst?), und ich weiss, dass ich der Beurteilung eines Schweizer Verlagshauses in einer solchen Ausnahmesituation keine Sekunde lang glaube. Und dass sie völlig irrelevant ist. Mehr noch: Der Mann, der das schreibt, ist irrelevant, seine Meinung ist irrelevant, aber das hält ihn natürlich nicht davon ab, uns mal schnell zu sagen, dass wir ab heute eine andere Schweiz zu sein haben. Weil er das richtig gut fände.

Ich dachte immer, ich überschätze mich hin und wieder. Aber gemessen am Ressort Ausland von CH Media bin ich die Bescheidenheit in Person. Es ist ein bisschen wie bei Corona. Ich habe niemals behauptet, ich wüsste es besser. Ich wollte nur immer, dass man allen zuhört, die es besser wissen könnten. Und nicht einfach einigen Auserwählten. Dasselbe wünsche ich mir hier. Ich will ein vollständiges Bild und keines, dass Herr Schumacher von Aarau aus oder von wo auch immer zeichnet. Weil er wirklich genau so ahnungslos ist wie ich.

Und nein, Neutralität ist nicht verhandelbar. Das liegt in ihrer DNA. Aber vielleicht ist das zu hoch für jemanden, der Alkohol einkauft für eine Firma, die nicht mal damit handelt.