Aktuell kursieren viele Zeitungsberichte, die zeigen sollen, dass Rumänien, natürlich hoffnungslos unterimpft, im Coronachaos versinkt. Patienten müssen in andere Länder überführt werden. Keine Redaktion stellt die Frage, warum das so ist. Und keine Zeitung fragt, warum denn gleichzeitig in vorbildlichen Impfländern ebenfalls Ausnahmezustand herrscht.
Rumänien ist sicher eine Reise wert. Es hat eine tragische Geschichte, aber gleichzeitig eine reiche, verbunden mit vielen Kulturschätzen und Traditionen. Was man dennoch nicht tun sollte: Erkranken oder verunfallen in Rumänien. Das Gesundheitswesen, wenn man denn den Begriff überhaupt verwenden möchte, ist hundslausig. So gut wie rein staatlich, völlig unterfinanziert, ein schlechter Witz. Italien wirkt dagegen wie eine Wellnessoase. Parallel dazu hat Rumänien aktuell keine Regierung, die irgendetwas auf die Schnelle daran ändern könnte. Jede Kindertagesstätte bei uns ist besser organisiert als diese Nation.
Nun heisst es seit einigen Tagen, die Deltavariante sei in dem osteuropäischen Land im Vormarsch, es gebe unzählige Hospitalisationen und Tote. Patienten werden ins Ausland überführt, weil sie in der Heimat keine Behandlung mehr erhalten. Weil, natürlich, das Gesundheitswesen aufgrund von Corona völlig überlastet sei. Weil, ausserdem, nur rund 30 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sind.
Es ist die übliche Legende. Wenig Impfungen, viele Kranke und Tote. Der beste Beleg dafür, dass man nun endlich impfen, impfen, impfen soll.
Die Wahrheit sieht leicht anders aus.
Rumänien ist generell und besonders aktuell schon mit der Normalität überfordert. Erst recht, wenn mal etwas Ausserordentliches auftritt Und wenn es an der mangelhaften Impfbereitschaft liegt, warum drehen dann Länder mit toller Impfquote ebenfalls am Rad und verstärken den Druck auf Ungeimpfte – wie zum Beispiel Österreich?
Dort lamentiert man ebenfalls über volle Intensivstationen und hat einen Mechanismus eingesetzt: Bei einer bestimmten Anzahl Hospitalisationen kickt 2G statt 3G ein, steigen die Zahlen weiter, dürfen Ungeimpfte nur noch für das Notwendigste überhaupt auf die Strasse. Unsere lieben Nachbarn haben jede Relation verloren und leiden an massiven Wahrnehmungsstörungen. Weil sie aber in der Lage sind, ihre Erkrankten auf eigenem Grund und Boden zu versorgen, wie das in einem zivilisierten Land möglich sein müsste, spricht niemand darüber, dass Österreich, das früh mit völlig überbordenden Massnahmen begonnen hat, nach eigener Darlegung ebenfalls am Rad dreht. Trotz hoher Impfquote. Man könnte die Frage stellen: Warum muss Österreich das alles tun trotz einer hohen Zahl Geimpfter? Aber das geschieht nicht. Man sucht sich lieber ein Land, in dem die Impfung weniger en vogue ist und drischt auf dieses ein.
Sprich: Wenn es irgendwo aus dem Ruder läuft, wo die Impfquote tief ist, dann liegt es natürlich daran. Wenn irgendwo Alarm geschlagen wird, wo die Impfquote hoch ist, dann ist das eben TROTZ der Impfquote der Fall – und sie muss einfach dringend noch höher werden, dann kommt alles gut.
Wer das alles noch glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen.
Rumänien erinnert an Brasilien und Indien. Beide dienten eine Weile lang als Beleg für die fürchterliche Tödlichkeit von Corona. Die Zeitungen rapportierten brav Fallzahlen oder publizierten Bilder von Leichenbergen aus diesen Ländern. Kein Wort über die Voraussetzungen, die dort herrschen. Das Beispiel Brasilien habe ich einst für den «Nebelspalter» verarbeitet (Beitrag zahlungspflichtig). Fazit: Viel Drama, kaum Fakten. Im Fall Indien gipfelte das Ganze in aufgeregten Berichten darüber, wie man gezwungen sei, Leichen zu verbrennen, weil es so viele davon gebe – was in Indien aber schlicht Usanz ist.
Und nun also Rumänien. Irgendjemand muss es ja sein. Aber Tatsache ist: Es gibt Länder mit massiv tieferer Impfquote und noch weniger Schutzmassnahmen als Rumänien, aus denen uns keine Horrorgeschichten erreichen. Logisch, wir wissen längst, dass es zwischen der Impfquote und der Zahl der Erkrankten keinen Zusammenhang gibt. Aber es muss ihn einfach geben! Deshalb nimmt man einfach immer das als Beispiel, was gerade ins Narrativ passt. Im Dezember wird es irgendeine andere Region der Welt sein. Vermutlich auch wieder eine, in der schon ein banaler Blinddarmdurchbruch ein halbes Todesurteil ist, weil die medizinische Versorgung zum Himmel schreit.
Nun müssen die Rumänen also auch draussen wieder Maske tragen. Die angebliche Todesseuche wird mit reiner Symbolpolitik bekämpft. Zu mehr reicht es nicht. Wer will denn bitte auf die Schnelle das Gesundheitssystem aufrüsten, wenn nicht mal eine Regierung installiert ist?
Die Berichterstattung, die es aus dem Ausland bis zu uns schafft, ist von reiner Willkür geprägt. Wobei, nein, willkürlich ist es ja eigentlich nicht, sondern sehr gezielt. Aber nicht objektiv, nicht ganzheitlich. Rumänien ist eines der Sorgenkinder der EU. 6 Prozent des Etats fliessen in die Gesundheit. Das ist so gut wie nichts für einen Pfeiler der Gesellschaft. Aber davon ist nichts zu lesen. Denn ein Flugzeug, das Erkrankte nach Deutschland bringt, sind medial viel mehr Wert. Und stützen erst noch die Geschichte.
Die Fallzahlen in Rumänien sinken übrigens bereits wieder. Was bedeutet, dass das Land bald wieder aus den Schlagzeilen verschwindet. Hilfreich sind nur Länder, in denen es miserabel läuft. Ausser, sie haben eine hohe Impfquote, dann herrscht Schweigen im Blätterwald.
Das alles wäre übrigens kein Problem, wenn wir eine vielfältige Medienlandschaft hätten, in der die einen meinetwegen Panik schüren und die anderen die Fakten aufzeigen. Wenn aber so gut wie alle in die gleiche Richtung rennen, sind wir Konsumenten nur eines: Desinformiert. Irgendwelche Lokalradios, bei denen 20-Jährige arbeiten, völlig begeistert darüber, dass sie in ein Mikrofon sprechen können, verlesen Meldungen von Nachrichtenagenturen, die man ihnen vorsetzt. So verbreitet sich die Kunde. Hinterfragt wird sie nicht.
Für Regierungen, vorangehende und künftige, ist das alles sehr praktisch. Die Rumänen können nun klagen über ein Virus und über die mangelnde Impfbereitschaft. Die sind das Problem und nichts anderes. Dass sie in Sachen Gesundheit ein veritables Entwicklungsland sind, darüber beschwert sich aktuell kaum jemand im Ausland. Weil es einfach nicht zur Erzählung passt.
