Halten wir fest: Niemand will das Covidzertifikat. Eigentlich. Aber es muss eben sein. Weil sonst noch Schlimmeres passiert. Schluckt man diese These, ohne nachzudenken, dann geht sie auf. Aber leider nur dann. Neuester Botschafter der «Wenn nicht, dann…»-Religion ist SP-Co-Präsident Cédric Wermuth.
Es ist natürlich ausgesprochen doof für einen Oberlinken, wenn plötzlich auch einige Leute aus dem eigenen Lager Zweifel anmelden am Kurs, den eine Partei seit Anbeginn konsequent fährt. Es schmeckt Cédric Wermuth nicht, dass nun auch ein paar linke Kreise die Nein-Parole zum Covid-Gesetz vertreten. Er hätte gerne totale Einmütigkeit, die es ihm ermöglicht, aus der Coronafrage eine Rechts-Links-Story zu machen. Das war sie aber nie. Grundrechte gibt es nicht in linker und rechter Ausgabe, die Verfassung schon gar nicht. Der Umgang mit Corona ist keine Sache der politischen Ideologie, wie immer, wenn es um den gesunden Menschenverstand geht.
Deshalb muss Wermuth nun auf die Pauke hauen. Er tut das im «Tagesanzeiger» oder – ohne Bezahlschranke – hier in der verdichteten Form in der Nacherzählung im «Blick».
Fazit: Der Mann betet nach, was seit langem gepredigt wird, aber schon längst widerlegt ist.
Natürlich will auch der SP-Co-Chef das Covidzertifikat nicht. Beziehungsweise: Es dürfe dieses nicht ewig geben. Es braucht ein Ablaufdatum. Die Corona-Chronologie ist voll von solchen Ablaufterminen, die aber in aller Regel nicht eingehalten oder durch irgendeinen neuen Unsinn abgelöst wurden. Entscheidender ist jedoch, dass Wermuth das Ablaufdatum mit einer Bedingung verknüpft. Mit der altbekannten. Impft euch, dann verschwindet das Zertifikat.
Wie viele mehr Geimpfte es dafür braucht, erfährt man nicht, und es ist auch nicht nötig. Würde jemand eine Zahl nennen, wäre sie wieder überholt, sobald sie erreicht ist, wir kennen das zur Genüge.
Wermuth hält die Zertifikatspflicht für den «geringstmöglichen Eingriff in unsere Grundrechte», jedenfalls angesichts der aktuellen Lage. Damit folgt er dem Mechanismus des Bundes: Erkläre die Lage für sehr viel schlimmer als sie ist, füge noch ein paar noch drastischere Prognosen hinzu, danach wirkt jeder Eingriff harmlos.
Vor allem aber schwadroniert der Sozialdemokrat wie viele vor ihm wieder von Lockdown oder überlasteten Spitälern als Alternative zum Zertifikat. Das wurde inzwischen so oft behauptet, dass es schon fast wie ein Naturgesetz wirkt. Man hat allmählich das Gefühl, es gebe ein Art Wander-Teleprompter, der jedem Politiker vorgesetzt wird, der etwas zu Corona sagt. Die Spitäler waren nie überlastet, und Lockdowns sind sinnlos, weil sie nichts bewirken. Mit ihnen zu drohen ist deshalb lächerlich. Sie sind einfach das Schwert in der Hand der Leute, die an der Zertifikatspflicht festhalten wollen.
Aber es kommt noch besser. Den Massnahmengegnern gehe es um die Freiheit, «das Virus unbeschränkt weiterzuverbreiten und damit auch die ältere und verletzliche Bevölkerung zu gefährden». Eine Aussage, die aus meiner Sicht strafrechtlich relevant sein müsste. Wermuth wirft Menschen vor, sie wollten andere schädigen, nur um selbst mehr Freiheiten zu geniessen.
Wenn nicht Zertifikatspflicht, dann Lockdown! – Wenn nicht, dann: Das ist seit Monaten die bevorzugte Taktik der Vertreter der Coronapolitik. Ja, X ist nicht toll, aber wenn wir X nicht machen, dann kriegt Ihr Y, und das ist noch übler. Und kein Wort davon, dass Y gar kein Thema mehr sein dürfte, weil es längst als nutzlos demaskiert wurde.
Und kein Wort davon, dass auch X ineffektiv ist. Dass es weder X noch Y braucht, um das Problem zu lösen, weil das Problem gar nicht in dem Mass existiert, wie es vermittelt wird, und weil X und Y weder tauglich noch verhältnismässig sind.
