Wer es noch nicht gemerkt hat: Corona ist zurück. Mit voller Wucht. Kein Zweifel, die Schweiz hat viel zu früh gelockert. Also, gebracht hätte es zwar nichts, die Einschränkungen wie das Zertifikat weiterzuführen. Aber irgendwie, einfach aus Prinzip, heisst es nun wieder, wir seien zu lasch. Man fühlt sich wie im Hamsterrad.

In einem gewissen spürbaren Grad der Verzweiflung halten viele Medien unverrückbar an der Coronathematik fest und versuchen, sie an den vorherrschenden Schlagzeilen über den Krieg in der Ukraine vorbei möglichst weit nach oben zu schmuggeln. Aktuelles Beispiel ist nau.ch. Dort wird uns beschieden, das Coronavirus sei «zurück». Ich bin verwirrt. War es denn weg?

Wie in den guten alten Zeiten sind es wieder Fallzahlen aka Testresultate, die das besagen. Für sehr, sehr kurze Zeit schien es ja, als würden sich die Behörden und die an deren Lippen klebenden Journalisten eines Besseren besinnen und die relevanten Faktoren ins Zentrum rücken. Allen voran die Belastung des Gesundheitssystems. Nun sollen uns wieder bunte Linien, die nach oben zeigen und rein gar nichts über effektive Auswirkungen besagen, Angst einjagen. Willkommen in der Vergangenheit.

Virologe Andreas Cerny, einer von denen, die in den letzten zwei Jahren einen wahren Publicity-Boost erfahren haben, nützt die Chance, aus der temporären Versenkung aufzutauchen. Omikron BA.2 – es reicht offenbar noch nicht für einen neuen griechischen Buchstaben – habe uns «zu einem ungünstigen Moment erfasst», sagt er auf nau.ch. Demnach hätte es also auch einen günstigen Moment gegeben. Interessante Überlegung.

Und dann, es ist ziemlich überraschungsfrei, befindet Cerny: «Es wäre besser gewesen, wir hätten die Masken in den öffentlich zugänglichen Räumen noch einige Wochen länger anbehalten.» Ja, natürlich, unbedingt. Aber wieso eigentlich nur einige Wochen? Denken wir doch grösser. Monate, Jahre oder einfach bis auf Widerruf beispielsweise. Und warum eigentlich nur die Maske? Warum nicht das volle Programm, das doch so segensreich und effektiv gewirkt hat?

Nein, findet der Virologe. Eine Weiterführung der Zertifikatspflicht beispielsweise «hätte wahrscheinlich nicht sehr viel gebracht, weil es jeden treffen könne, inklusive Genesene und Geimpfte. Deshalb sei ja die dritte Impfung so empfehlenswert. Stimmt, die war ja auch noch! Erstaunlich, wie schnell man vergisst. Wobei natürlich das mit der dritten Impfung schwierig ist für jemanden wie mich, der die erste Runde nicht absolviert hat. Aber eben, die gute alte Maske soll ein Comeback feiern, wenn es nach den besorgten Stimmen geht. Und das, nachdem man sie zu Beginn der ganzen Sache gar nicht richtig wollte.

Natürlich bietet das leserfreundliche Portal nau.ch eine Umfrage an, bei der man angeben kann, ob die restlichen Massnahmen trotz der Schlagzeile «Corona ist zurück» abgeschafft werden sollen oder nicht. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich mir einen Klick gegönnt habe, waren 58 Prozent der Meinung: Sicher nicht. Das diente natürlich nur Recherchezwecken. Ganz allgemein sind solche Umfragen ja zugeschnitten auf das Publikum, das sich eine Zeitung in den letzten zwei Jahren förmlich herangezüchtet hat.

Und irgendwie werden ja ohnehin offene Türen eingerannt. Es gibt mehr als genug Leute, die freiwillig Maske tragen, auch draussen oder allein im Auto. Das darf jeder, und wer es tun möchte, soll es tun. Die Kardinalsfrage ist mal wieder, ob wir anderen mit dabei sein müssen, damit Cerny und Co. keine Schnappatmung bekommen aufgrund irgendwelcher «Fallzahlen»-Statistiken. Es ist eben wirklich wie früher: Wir tun es nicht für die Gesundheit, wir tun es zur Beruhigung derer, die leicht panisch sind – und diese Panik vermutlich gar nicht mehr ablegen wollen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wenn die Panik zum vertrauten Gefühl wird, will man sie gar nicht mehr ablegen. Die Leere, die dann entsteht, macht den Betroffenen Angst.

Ach ja, kleiner Nachtrag: Vielleicht sollte man mal fünf Minuten Zeit darauf verwenden, über das Wort «Anstieg» nachzudenken. Das hat ja in den letzten zwei Jahren eine enorme Karriere hingelegt. Ein Anstieg ist immer eine Entwicklung von einem Ausgangspunkt aus. Ist dieser tief, ist auch ein leichter Anstieg nicht wirklich bemerkenswert. Der «Anstieg» an sich ist keine relevante Grösse, er braucht einen Bezugspunkt. Aber bitte, wen kümmern schon solche Details. Bitte nicht nachdenken, vielen Dank.