Auf Nimmerwiedersehen, Monsieur B.

Er inszeniert sich bis zum letzten Moment. Und erhält dafür viel Applaus. Die Rede ist vom Abschied von Alain Berset. Ich schwanke zwischen Bewunderung vor so viel Abgebrühtheit und Abscheu vor derselben «Qualität».

Der kurze Clip ist gut gemacht. Kein Wunder, er entstand vermutlich noch aus öffentlichen Geldern. Die Inszenierung ist perfekt. Ein Abgang in munterer Heiterkeit, der das Gefühl vermittelt, das uns hier jemand verlässt, den wir schmerzlich vermissen werden. Und wie die öffentlichen Reaktionen zeigen, ist das bei vielen Leuten in der Tat der Fall. Bei mir nicht, aber damit kann er vermutlich gut leben.

Wer es noch nicht gesehen hat: So sieht es aus, wenn Ex-Bundesrat Alain Berset die Stätte seines Wirkens verlässt.

Wie gesagt: Es ist gut gemacht. Tadellos. Wäre ich Bersets Berater, hätte ich ihm zur selben Machart geraten. Bleib bis zum Schluss ein unangreifbares Mysterium, einer, der über allem schwebt, geh scheinbar unspektakulär und gleichzeitig in Anlehnung an grosse Vorbilder in überirdischer Weise. Lass uns zurück im Eindruck, dass es irgendwie doch zu früh war, dass da doch noch so viel hätte kommen können.

Ein Mann hat seine Mission erfüllt und zieht nun weiter an neue Gestade, wo so viele weitere Aufgaben auf ihn warten. Was vermutlich leider wirklich der Fall ist.

Alain Berset war fraglos eine Ausnahmeerscheinung in einem Gremium, das systembedingt in aller Regel mit bravem Mittelmass besetzt ist. Allerdings sind die Geschichtsbücher voll mit solchen Ausnahmeerscheinungen, die später anders beurteilt wurden als während ihres Wirkens.

Auch 2024 brauche ich Ihre Unterstützung, um frei von der Leber zu schreiben. Solange wir noch dürfen. Und DAMIT wir weiterhin dürfen.

Die Schweiz, oder immerhin grosse Teile der Schweiz, war bei ihm fasziniert von einer ganz und gar unschweizerischen Eigenschaft: von fehlender Demut. In den letzten Jahren haben sich mehr und mehr Leute nach einer starken Hand gesehnt. Die war rein zufällig da, nachdem Politik und Medien die Menschen in die Angst getrieben hatten.

Ich habe es noch in den Ohren, wie uns Berset wieder und wieder bis hin zum Rücktrittsschreiben vorgeflötet hat, dass es nicht um ihn oder andere Einzelpersonen geht, sondern um das grosse Ganze, um das Land. Selten vor ihm hat jemand einen an sich wahren Satz gleich dermassen selbst karikiert wie er.

Ging es ihm um das Wohl des Landes, als er alte Menschen einsam sterben liess, Kinder aus Schulen aussperrte, Existenzen ruinierte und evidenzlos einen Teil der Bevölkerung vom täglichen Leben ausschloss? Das ist das einzige Mysterium an einer ansonsten sehr leicht zu durchschauenden zutiefst narzisstischen Figur: ob er das vielleicht wirklich selbst glaubte. Wohlmeinende Willkür und Fehlentscheidungen beurteilen wir ja in aller Regel gnädiger als gezielt eingesetzte Ungerechtigkeit.

Aber eben, ich neige dazu, sogar Unmenschen eine Art Genie zuzusprechen. Man muss unterscheiden zwischen der moralischen Bewertung und dem rein sachlichen Urteil. Stünde ich auf der Seite von Monsieur B., käme ich aus dem Klatschen gar nicht mehr heraus. Er geht, viele vermissen ihn trotz seiner desaströsen Bilanz, und als Hinterlassenschaft schenkt er uns einen Deal mit der Weltgesundheitsorganisation, der angesichts einen schwachen Bundesrats und eines blutleeren und, pardon, eierlosen Parlaments sowie eines überforderten Stimmvolks gute Chancen hat, Realität zu werden.

Wir schreiben den ersten Tag eines neuen Jahrs, und bereits heute ist klar, was mich 2024 am meisten beschäftigen wird. Der Kampf gegen eben diesen Deal, gegen diese Unterwerfung unter das Diktat einer demokratisch nicht legitimierten Organisation, die aus dem «Ausnahmezustand» den «Normalfall» machen will. Wen auch immer die WHO aus einer diplomatischen Laune heraus an ihre Spitze setzen will, bevorzugt aus einer Nation, die nicht mal weiss, wie man Demokratie schreibt, wird die Macht haben, all das, wogegen wir seit drei Jahren kämpfen, einfach zu verordnen. Global und damit auch für uns Schweizer.

Besonders lustig finde ich den Kampf gegen Windmühlen übrigens nicht, auch wenn einige diesen Eindruck haben mögen. Es ist ziemlich anstrengend, den Mitmenschen erklären zu müssen, dass sie sehenden Auges in die Willkür einer Gesundheitsdiktatur rennen, die mit Gesundheit nun gar nichts zu tun hat.

Der von mir verehrte Musiker Herwig Mitteregger (für ältere Semester: Das ist der von «Spliff») hat einst gesungen: «Irgendeiner muss es ja tun». Und ich bin zumindest nicht nur irgendeiner, sondern einer von durchaus vielen. Die Mehrheit sind wir nicht, klar, aber mal ehrlich: Wie spannend ist es, als Teil der Mehrheit das Spiel zu gewinnen? Ist es nicht sehr viel prickelnder, wenn es einer intelligenten Minderheit gelingt, die Mehrheit zu überzeugen?

2024 kann also meinetwegen kommen. Denn: Es kommt ja sowieso. Ob mit oder ohne mich.

Danke für Ihre Treue im vergangenen Jahr und Ihre Unterstützung im Neuen. Wir stehen noch ganz am Anfang.