Wieder wird ein SRF-Journalist persönliches Sprachrohr eines Bundesrats. Auf der persönlichen Ebene ist das eine freie Entscheidung eines Individuums. Auf der weiteren Ebene stellen sich Fragen. Zum Beispiel: Was macht SRF-Leute zur Idealbesetzung für diese Aufgabe?
Oliver Washington ist eine bekannte Radiostimme. Mehrere Jahre lang berichtete er für Radio SRF aus Brüssel, später aus dem Bundeshaus. Er hat ohne Frage intime Kenntnisse des Politbetriebs. Diese nutzte er bisher, um das SRF-Publikum über die Innenpolitik zu informieren, und laut Leitlinien seines Arbeitgebers hatte das unabhängig und objektiv zu geschehen.
Von diesen Ketten hat sich der Mann nun befreit. Er wird Kommunikationschef im Departement von Neo-Bundesrat Beat Jans. Ein Karriereschritt, den vor ihm bereits diverse andere SRF-Mitarbeiter gemacht haben. Eine (nicht abschliessende) Übersicht gibt es hier.
Wenn man etwas Ahnung von der Materie hat, weiss man, dass diese «Tradition» eigentlich keinen Sinn macht. Die perfekte Besetzung eines Bundesratssprechers wäre jemand, der sein Leben lang in der PR-Maschinerie funktioniert hat: Kommunikationsberater, Leute, die sich für jeden Zweck anheuern lassen und jede Botschaft professionell vertreten, ohne sich weiter für den Inhalt zu interessieren. Solche gibt es in der Schweiz haufenweise. Es sind Söldner der Information.
Journalisten sind im Idealfall das pure Gegenteil. Sie zweifeln von Berufes wegen, sie pflegen einen Ethos, sie verlautbaren nicht einfach, was man ihnen aufträgt. Wir sprechen hier also nicht von einem Jobwechsel, sondern von einem Seitenwechsel.
Das kann man tun, wenn man möchte, es ist ein persönlicher Entscheid, für den es viele Gründe geben kann. Beispielsweise ganz banal, dass es sicher durchaus faszinierend ist, für ein Mitglied der Landesregierung zu arbeiten. Man ist dort ganz nah an der Macht.
Die entscheidende Frage ist deshalb vielmehr: Warum wollen Bundesräte jemanden in ihrem innersten Kreis, der jahrzehntelang das Gegenteil von dem getan hat, was er jetzt tun soll? Was macht gerade SRF-Mitarbeiter für sie zur ersten Wahl?
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Vielleicht, weil es gar nicht um die aufgezählten rein fachlichen Kriterien geht. Bundesräte wollen sich in dieser sensiblen Funktion mit Leuten umgeben, die sie bereits kennen, denen sie vertrauen und bei denen sie davon ausgehen, dass sie klaglos und loyal funktionieren. Ein Bundesrat muss sich zu 100 Prozent sicher sein können, dass der Berufene mit seiner Vergangenheit völlig bricht, alte Seilschaften kappt und auch schweigt, wenn vor seinen Augen Dinge geschehen, die ihn als Journalisten wahnsinnig gemacht hätten.
Noch einmal: Warum bietet gerade das SRF-Personal dafür offenbar so viel Gewähr?
Die Frage ist natürlich rein rhetorisch. So sehr sich die SRG gegen den Begriff des «staatlichen Mediums» wehrt, so sehr sind es seine Sender in Wahrheit. Die Nähe zu Regierung und Behörden ist mit Händen greifbar. Corona hat das schulbuchmässig gezeigt, wahr war es schon weit früher.
Man beruft niemanden in seinen innersten Kreis, der einem in der Vergangenheit auf die Füsse getreten ist. Man will niemanden als Sprachrohr, bei dem man nicht sicher sein kann, dass er oder sie keinerlei Probleme damit hat, über Nacht nur noch das zu vertreten, was man ihm vorgibt.
Ich war vor einem Vierteljahrhundert selbst einmal in einer Kommunikationsfunktion im Staatsdienst. Das Engagement dauerte exakt bis zum Ende der Probezeit. Danach stand für mich fest, dass ich das nicht tun kann. Zuvor hatte ich jahrelang das Haar in der Suppe gesucht, nicht nur, aber auch in Zusammenhang mit dem Staat. Nun hätte ich plötzlich eine Suppe, die nur aus Haaren besteht, als Heilsbringer verkaufen müssen. Dafür war ich nicht wendig genug. Schade eigentlich, die Bezahlung war sehr gut und der Stressfaktor gelinge gesagt bescheiden.
Würde der Pressesprecher von Greenpeace an die Seite eines globalen Konzerns wechseln, der die Natur ausbeutet – die Schlagzeilen wären ihm sicher. Die Journalisten würden ihm Unglaubwürdigkeit vorwerfen. Der Vergleich ist nur scheinbar überzogen, das Prinzip ist dasselbe. Man legt das zur Seite, woran man immer geglaubt hat.
Journalisten sprechen von ihrer Tätigkeit gern als Berufung, nicht als Beruf. Das mag etwas dick aufgetragen sein, wenn man eine Modebeilage verantwortet oder über Stars und Sternchen aus Hollywood berichtet. Politischer Journalismus hingegen kommt dem Begriff der Berufung ziemlich nahe. Er ist die stete Suche nach dem, was falsch läuft, der Versuch, die Wahrheit hinter der offiziellen Verlautbarung zu enthüllen. Der Auftraggeber ist das Publikum, ihm allein gehört die Loyalität.
Die sogenannte vierte Gewalt zu verlassen, um sich in den Dienst der Exekutive, der ersten Gewalt, zu stellen, bedeutet damit auch, diese Loyalität zu verschieben. Nicht mehr, nicht weniger.
Man kann sich natürlich einreden, dass das nicht der Fall ist, denn schliesslich will auch der Bundesrat stets nur das Beste für die Menschen in diesem Land. Der Journalist trägt seinen Kampf für die schonungslose Wahrheit zugunsten der Bevölkerung also einfach an einem anderen Ort aus.
Genau so ist es. Und das Christkind bringt die Geschenke, und bald schon wird der Osterhase im Garten Eier verstecken.
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