Einer meiner Leser hat mir – übrigens in sehr anständigem Tonfall und durchaus nett gemeint – mal wieder angeraten, das Thema Corona doch endlich zu beerdigen. Ich habe ihm erklärt, warum ich das nicht tue. Und warum wir das alle nicht tun dürfen.
Es gibt Jubelzuschriften, die mich erreichen, manchmal kommt der blanke Hass per E-Mail, aber eine dritte Gruppe ist für mich die interessanteste. Das sind die Leute, welche die Politik in der Coronazeit ebenfalls für verfehlt halten und die «Pandemie» hinterfragen, die auch meinen Texten durchaus zugewandt sind, die nun aber doch finden, ich solle es so langsam mal gut sein und das Thema ruhen lassen.
Begleitet sind diese Nachrichten von wiederkehrenden Elementen. Es heisst dort, ich hätte offensichtlich Mühe, diese Zeit und das Thema zu «überwinden». Oder dass es doch «irgendwann mal gut sein sollte». Oder dass aus mir irgendwelche «Verletzungen» sprechen. Oder dass das «ständige Wiederaufkochen« niemandem etwas bringe. Oder dass «Heilung» doch so unmöglich entstehen könne. Dass es dafür «Distanz und Verzeihen» brauche.
Ich nehme solche Zurufe ernst, vor allem, weil sie in der Regel gut gemeint sind. Da machen sich Leute Sorgen um mich und um die Lage der Nation. Dennoch kann ich dem Vorschlag nichts abgewinnen, geschweige denn, dass ich ihm folgen würde. Aus vielerlei Gründen.
Wir brauchen keine «Heilung», wir brauchen eine Auseinandersetzung. Körperliche Wunden heilen irgendwann, und wenn ich in Zukunft nicht mehr auf einem E-Scooter in eine Wand fahre, muss ich auch nicht befürchten, mir erneut Wunden zuziehen. In diesen Fällen reicht es, einfach Zeit verstreichen zu lassen, statt mit der Wand zu streiten, die blöd im Weg stand. Aber das ist nicht vergleichbar.
Die Massnahmen in der Coronazeit wurden bewusst herbeigeführt unter Behauptungen, die längst widerlegt sind. Das hat funktioniert, und es würde leider auch morgen wieder funktionieren. Ich kann also nicht einfach schweigend darauf warten, dass meine «Verletzungen» heilen, sondern muss dafür sorgen, dass das nicht wieder geschieht.
Wir haben es nicht mit einem Schicksalsschlag zu tun, als der uns das Virus verkauft wurde. Wir haben es zu tun mit einer Flut von Kollateralschäden, die nicht nur in Kauf genommen, sondern gezielt verursacht wurden – auf der Grundlage einer übertrieben dargestellten Gefahr und dank als Lösungen verkauften Gegenmitteln, die unwirksam bis schädlich waren.
Eine Wand ist kein Akteur. Politiker und Journalisten sind Akteure. Sie haben unzähligen Menschen die besagten «Verletzungen» sehenden Auges beigebracht. Nun zu fordern, man solle in Ruhe eine «Heilung» zulassen, und das gehe schneller, wenn man nicht über den Verursacher spreche, das ist, nun ja, etwas verfehlt. Wenn sich in einer unübersichtlichen Kurve mit Tempolimit 80km/h in rascher Folge ein halbes Dutzend Unfälle ereignen, sagen wir dann auch: «Lassen wir die Leute in Ruhe heilen und sprechen erst einmal nicht über diese Kurve oder das Limit»?
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In der Coronazeit ist nicht einfach etwas geschehen, es wurde etwas getan. Das ist ein wesentlicher Unterschied, und dieser Unterschied entscheidet in unserem Alltag immer wieder und zu Recht, wie wir mit einer Situation umgehen. Lockdowns, Schulschliessungen, der einsame Tod alter Menschen, überfüllte Kinder- und Jugendpsychiatrien, ruinierte Existenzen, kaputte Familien, Suizide, Impfnebenwirkungen, diskriminierende Zertifikate: Das ist alles nicht vom Himmel gefallen, das wurde alles bewusst herbeigeführt. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen und indem man Zweifler und Kritiker ruhig stellte.
Und diese Zweifler und Kritiker sollen nun in Ruhe ihre «Heilung» suchen statt nach den Ursachen und aufhören, die Verantwortlichen zu adressieren? Es tut mir leid, aber ich bekunde mit dieser Idee grosse Mühe. Ich kann vergessen, wenn mir einer versehentlich auf den Fuss stellt. Aber kaum, wenn er mir bewusst ein Bein stellt.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel, von denen es leider abertausende gibt. Eric Frey, Redakteur bei der österreichischen Tageszeitung «Der Standard», hat am 13.11.21 das Folgende geschrieben:
«All jene, die sich nicht haben impfen lassen, sind schuld an dieser vierten Welle. Sie verdienen keine Nachsicht, sondern Wut.»
In diesen zwei Sätzen gipfelte eine lange Brandrede gegen «Ungeimpfte» mit dem Titel «Warum mich Ungeimpfte wütend machen» und dem Vorspann: «Sollen wir Nachsicht mit jenen haben, die durch ihr Verhalten anderen schaden? Nein. Es gibt keine guten Gründe, sich nicht impfen zu lassen.»
Oh, lieber Herr Frey, diese guten Gründe gab es. Aber darüber hinaus: Der ganze Artikel ist überaus schlecht gealtert. Der mit Sicherheit bestens durchgeimpfte Herr Frey war zu keinem Zeitpunkt weniger «gefährlich» als der ungespritzte Millius. Aber Ersterer war offenbar wütend auf Zweiteren, weil dieser «schuld» sei. Schuld an was? An mit Ungeimpften überfüllten Krankenhäusern? Die in Wahrheit erstens nie überfüllt waren und wo zweitens bis heute keine verlässlichen Zahlen darüber vorliegen, wer dort geimpft war und wer nicht?
Schon 2022 wurde beispielsweise bekannt, dass die Regierung des Bundeslands Bayern unter Ministerpräsident Markus Söder über Monate hinweg bezüglich des Anteils Ungeimpfter, die an Corona erkrankt waren, frei fantasiert hatte. Immer und immer wieder wurden viel zu hohe Inzidenzen publiziert. Gekoppelt wurden die erfundenen Zahlen mit dieser Aussage: «Es gibt einen direkten Zusammenhang von niedrigen Impfquoten und hohen Infektionsraten.»
Gegen die Veröffentlichung der Rohdaten sperrte sich die Regierung, bis es nicht mehr anders ging. Als das dann passierte, war klar: Den behaupteten «direkten Zusammenhang» gab es nicht. Man hatte einfach die Leute, deren Impfstatus unbekannt war, zu den Ungeimpften geschlagen. Und den Status «unbekannt» hatten magischerweise sehr, sehr viele Leute. Weil man es, wie so vieles in jener Zeit, gar nicht so genau wissen wollte. Es hätte ja noch dumm laufen können.
Auf dieser Basis, die keine ist, tobten sich Leute wie der Journalist Eric Frey also aus und verlangten Nachteile für Ungeimpfte. Einige von diesen tragen vielleicht wirklich bis heute eine Art «Verletzung» mit sich herum – aber soll ihre «Heilung» wirklich schneller verlaufen, wenn wir einfach vergessen, was Frey und Co. damals gesagt und getan haben? Ganz im Gegenteil: Je länger wir nicht seriös darüber sprechen, was damals geschehen ist, desto grösser wird die Wunde. Ich verlängere den Heilungsprozess nicht, wenn ich bis heute über Corona schreibe. Ich müsste das schon lange nicht mehr tun, wenn der Staat endlich täte, was seine Aufgabe ist: untersuchen und aufklären und Recht sprechen.
Und umgekehrt gefragt: Sollte ich mir morgen wirklich einen ausgemachten Bockmist erlauben, der sehr viele Menschen schädigt, darf ich dann von den Journalisten, die damals «wütend» waren auf uns Ungeimpfte, auch auf so viel Nachsicht hoffen? Werden sie es auch «einfach mal gut sein lassen»?
Mich treiben nicht die Nachwirkungen um, die daraus entstanden, dass ich eine Weile nicht ins Restaurant gehen oder auf einer Bühne auftreten konnte. Daran denke ich kaum mehr. Was mich und viele andere weiter beschäftigt, und zwar keinen Deut weniger als vor 2022, sind nicht einzelne Einschränkungen, sondern die Frage, wie es zu diesen kommen konnte, wie sie von einem medialen Einheitsbrei verteidigt werden konnten, wieso sich kaum ein Politiker und eine Partei dagegen gewehrt hat und wie es gelingen konnte, eine Mehrheit gegen eine kritische Minderheit aufzuhetzen und das Denunziantentum zum neuen Volkssport zu machen.
Denn das sind Elemente, die jederzeit wieder aktiviert werden können.
Wer sich also als «geheilt» erklärt von seinen «Verletzungen» und beschliesst, es jetzt «einfach mal gut sein zu lassen», der hilft den Konstrukteuren dieses Wahnsinns, erstens mit ihren Handlungen folgenlos durchzukommen und zweitens sie bei Bedarf ungestört zu wiederholen. Die fehlende Aufarbeitung ist ein permanentes Damoklesschwert über unseren Köpfen.
Und ganz nebenbei macht man sich mit der Haltung, wir sollen doch endlich bereit sein zu vergessen, zumindest unbewusst zum Komplizen der Schuldigen von damals. Denn diese wünschen sich exakt dasselbe. Gerade eben hat uns wieder eine der widerlichsten Figuren im deutschsprachigen Journalismus mitgeteilt, dass eine Aufarbeitung der Coronazeit sinnlos sei, weil wir Kritiker ja nur auf «Rache» aus seien. Ich begreife, dass er nicht darüber sprechen will, was mit seiner Mithilfe geschah, und dass er das mit einem weiteren Angriff auf uns begründet, ist nur konsequent.
Aber wenn man grundsätzlich erkannt hat, welcher Willkür und Ungerechtigkeit wir damals ausgesetzt waren, muss man sich Gedanken darüber machen, ob man wirklich die Forderung solcher Mittäter, das Thema solle nun beendet sein, mittragen will. Selbst wenn man es nur gut meint.
Denn unsere Gesellschaft krankt nicht daran, dass wir das, was schief läuft, zu lange und zu intensiv verfolgen. Sehr viel eher das Gegenteil.
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