Coop schmeisst die paar Produkte, die aus Russland stammen, aus seinem Sortiment. Da hat mal wieder eine Marketingabteilung hysterisch überreagiert. Oder ist eine Flasche Wodka «made in Russia», die in Hinterpfupfigen verkauft wird, ein Kriegstreiber?

Unternehmen haben auf Papier ethische Richtlinien. In der Praxis wollen sie nur eines: Gewinn machen. Eine Genossenschaft wie Coop ist in dieser Beziehung nicht anders gebaut als ein privater Konzern mit Sitz in Zug. Wenn ein Unternehmen aufgrund einer aktuellen Debatte etwas nicht mehr anbietet, dann tut es das nicht, um den Weltfrieden herzustellen. Es fürchtet sich schlicht vor einem Shitstorm.

Coop setzt da voll auf Prävention. Aktuell gibt es noch keine grossen Diskussionen darüber, dass man in unseren Läden auch das eine oder andere Produkt aus Russland kaufen kann. Vorsichtshalber schmeisst der Detailhändler sein bescheidenes Angebot, das von dort stammt, nun aus dem Sortiment, wie hier berichtet wird. Globus hat es ebenso getan.

Der Schritt erfolgt ohne jede gesetzliche Vorgabe, die Schweiz hat keinen Boykott russischer Produkte ausgerufen. Coop will einfach signalisieren, wie unendlich vorausschauend und konsequent und politisch korrekt man ist. Es ist ein billiger Trick, um nicht Opfer möglicher Empörungswellen zu werden, die dank Twitter und Co. ja schnell überschwappen. Es reicht ein einzelner von seinem alltäglichen Leben offenbar frustrierter Kunde, der ein paar Tiefkühlfische aus Russland in einem Ladengestell fotografiert und das Bild in den sozialen Medien publiziert, verbunden mit einem anklagenden Aufschrei. Der Mohrenkopf lässt grüssen. Erstaunlich, wie angreifbar ein Detailmulti heutzutage ist. Und wie wenig es braucht, um ihn einzuschüchtern.

Hinter Produkten stehen Unternehmen. Hinter Unternehmen stehen Arbeitsplätze. Hinter Arbeitsplätzen stehen Menschen. Mal schnell zum Boykott aufrufen, ohne darüber nachzudenken, was das vor Ort heisst: Offenbar gilt das heute als sozial und richtig. Natürlich wird niemand in Russland seine Arbeit verlieren, weil Coop in der Schweiz etwas nicht mehr verkauft. Aber das Beispiel kann Schule machen und wird das wohl auch tun. Der freiwillige Boykott könnte schon bald zum Standard werden. Ob es der Ukraine hilft, wenn irgendein Wodka-Abfüller in Russland seine Absätze schwinden sieht? Die Frage war rein rhetorisch. Es ist absurd. Wie so oft erfolgen solche indirekten Protestbekundungen nicht, um ein Problem zu lösen, sondern um sich selbst zu schützen oder sich moralisch überlegen zu fühlen.

Die Migros wartet offenbar noch zu. Aber wenn der Druck im Kessel steigt, werden wohl auch dort bald die Gestelle politisch gereinigt. Als ob das grösste Problem von Menschen in einem zerbombten Wohnhaus russische Konsumprodukte in Schweizer Läden wären.

Ich habe es schon oft geschrieben, und es bestätigt sich täglich neu: Empörung ist eine billige Währung. Die kann man jederzeit hervorzaubern. Die Invasion der Ukraine dient in unserer überfütterten Wohlstandsgesellschaft vielen Leuten als Möglichkeit, sich besser als andere zu fühlen. Dafür braucht es einfach einen Tweet. 280 Zeichen, und die ganze Welt weiss: Ich stehe für das Edle und Gute.

Einfacher war es nie. Früher musste man den Tatbeweis erbringen. Heute kann man die Vorteile als Bürger eines sicheren und reichen Landes nutzen und gleichzeitig mal schnell mit Hilfe einer Tastatur beweisen, wie solidarisch und verantwortungsvoll man ist. Coop und Globus spielen mit, und das bestätigt die selbsternannten Retter der Welt in ihrer Mission.

Umgekehrt ist jeder, der das hinterfragt – so, wie ich das gerade tue – ein schlechter Mensch, empathielos, gleichgültig. Denn es wäre doch so einfach, mal schnell auf Twitter Zeugnis der eigenen charakterlichen Fähigkeiten abzulegen. Wer das nicht tut, muss wirklich abgrundtief böse sein.