Huch. Ich stelle mit Erschrecken fest: Ich war einige Tage nicht aktiv. Vielleicht sollte ich das Datum bei den Beiträgen deaktivieren, um die Kontrolle zu erschweren. Aber nun im Ernst: Ich fands in der letzten Zeit schwierig, Worte zu finden.

Vielen verschlägt es die Sprache aufgrund des Kriegs in der Ukraine. Das kann ich für mich nicht in Anspruch nehmen. Bei mir war es eher die Parallelität der Ereignisse, die mich irgendwie mundtot gemacht hat. Zu beobachten, wie eine völlig andere Situation die gleichen Reflexe hervorruft wie die, welche die letzten zwei Jahre in Kraft waren.

Wenn es um die öffentliche Debatte geht, unterscheidet sich der kriegerische Konflikt in der Ukraine nicht von der Coronasituation. Nicht von der Klimawandel-Diskussion. Nicht von der Auseinandersetzung um Genderfragen. Sie unterscheidet sich von keiner einzigen der heiligen Kühe, die in den letzten Jahren durchs Dorf getrieben wurden.

Wie schon zuvor gibt es nur Schwarz und Weiss. Wie zuvor ist es nicht erlaubt, auch nur eine Zwischenfrage zu stellen. Wer das tut, wird dem anderen Lager zugeteilt und ist der Feind. Aktuell heisst das: Russland böse, Ukraine gut und heldenhaft, und keinen Menschen interessieren die Zwischentöne.

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Informiert ist man, wenn man das ganze Bild hat. Jemand, der sich am Tag 1 auf eine Seite stellt und sich dann jedes Wort verbittet, das eine andere Möglichkeit nur schon eröffnet, will nicht informiert sein. Sondern will Partei sein. Ist man ein «Putin-Versteher», wenn man mehr über die Dynamik zwischen den beiden Ländern und die Rolle der NATO wissen möchte? Offenbar schon. Genau, wie man früher ein Aluhut oder ein Flacherdler war, wenn man wissen wollte, wie relevant die Testresultate oder Fallzahlen sind oder ob ein Lockdown was bringt, ist man heute offenbar ein pro-russischer Kriegstreiber, wenn man gerne mehr wüsste über die Geschichte, die uns an diesen bedauernswerten Punkt gebracht hat.

Die Leute von heute wollen nichts mehr wissen, sie wollen urteilen. Oder verurteilen. Und das in Sekundenschnelle. Verurteilt werden nicht nur Ereignisse und die Personen, die sie auslösen, sondern auch diejenigen, die ein paar Fragen stellen wollen. Die nicht einfach sofort blaugelb angemalt auf die Strasse rennen.

Ich habe keine Ahnung, wann genau das angefangen hat, und noch weniger weiss ich, wie es enden wird. Das einzige, was mir klar ist: Es tut uns nicht gut. Wir wandeln uns von der informierten, reflektierten Gesellschaft zu einer, die am Tag X auf Druck einer brüllenden Truppe auf den sozialen Medien definiert, was richtig und was falsch ist und dann alles diffamiert, was dazu noch einige Fragen hat. Wir sperren also die Debatte aus, wir sperren den Versuch aus, die Dinge zu verstehen, wir geben der schnellen Empörung mehr Raum als der Reflexion.

Hier geht es nicht um Russland und die Ukraine. Hier geht es um unseren Umgang mit komplexen Vorgängen. Ich habe doch weiss Gott nichts dagegen, wenn sich Leute gegen die russische Invasion stellen und demonstrieren. Aber wieso haben jene Leute ein Problem damit, dass jemand sagt: Ich will die ganze Geschichte, ich will sie verstehen, ich will wissen, wie man es verhindern kann, dass so etwas jemals wieder passiert? – Das ist keine Relativierung, das ist keine Verharmlosung, das ist unsere Aufgabe als Einzelner und als Gesellschaft. Zu wissen, worüber wir eigentlich sprechen.

Das ist sehr viel komplexer als sich ein Transparent zu malen und rauszugehen.