Blau-Gelb ist unsere Welt derzeit. Leute ersetzen ihr Profilbild durch die ukrainische Flagge oder heften sich einen Button mit diesen Farben an die Jacke. Der Umgang mit diesem Phänomen ist schwierig. Wo beginnt das echte Mitleiden – und wo der Versuch, sich einfach selbst besser zu fühlen?

Es kann einem nicht ernsthaft egal sein, wenn in Städten geschossen wird, wenn sich Familien mit Kindern im Keller verstecken oder verzweifelt zur Flucht ansetzen. In den meisten von uns löst das irgendetwas aus. Ob dieses Etwas zum Vorschein kommt oder nicht, ist die andere Frage. Es gibt in Zeiten wie diesen sehr viele Leute, die das tiefe Bedürfnis haben, der ganzen Welt zu zeigen, dass sie Gefühle haben. Dazu kommt natürlich, dass es mit den sozialen Medien inzwischen auch ein einfaches Instrument gibt, das zu tun. Früher hätte man dafür an den Stammtisch gehen müssen.

Wir hatten kürzlich in einer kleinen Gruppe eine Diskussion darüber, wie ernst die aktuellen Bekundungen von Angst, Trauer, Mitgefühl oder Empörung in unseren Breitengraden zu nehmen sind. Einer fand, dass viele der Leute, die nun im Viertelstundentakt Tiraden gegen Putin oder den Krieg allgemein losfeuern, bis vor kurzem wohl nicht mal wussten, wo die Ukraine liegt. Dass sie also quasi aus dem Stand die Rolle des Solidarischen eingenommen haben gegenüber jemandem, der sie bis vor wenigen Tagen nicht die Bohne kümmerte. Ein anderer meinte, es gehe hier um Emotionen, die man niemandem absprechen könne, es sei billig, sich darüber lustig zu machen. Ein Dritter warf ein, es sei natürlich ebenso billig, sich nun als guter Mensch in Szene zu setzen, indem man mal kurz auf Facebook oder Twitter erklärt, gegen diesen Krieg zu sein – was ja sowieso fast jeder in unseren Breitengraden sei.

Unabhängig vom konkreten Fall, vor dem wir gerade stehen, war ich schon immer misstrauisch, wenn sich Leute förmlich überschlagen beim Versuch, alle Welt sehen zu lassen, wie sehr sie etwas verurteilen oder begrüssen. Sicher gibt es ehrlich besorgte oder mitfühlende Menschen, denen es keine Ruhe lässt, wenn irgendwo anders schlimme Dinge geschehen, die das regelrecht mitnimmt. Oft scheint mir der Antrieb für die öffentliche Zurschaustellung der Empörung aber auch sehr viel näher beim Absender als beim Ort des Geschehens. Damit meine ich: Es tut jemandem selbst gut, sich sichtbar so zu positionieren. Man will deutlich machen, dass man zu den Guten gehört. Man will wahrgenommen werden als Stimme für das Richtige. Stille Trauer reicht da nicht. Es muss raus.

Mit Ausnahme einiger soziopathisch veranlagter Leute wollen die meisten von uns im Regelfall, dass man uns mag. Es gibt wenige, die es aushalten, permanent von einer Mehrheit (oder einer lauten Minderheit) gehasst zu werden. Wir möchten über alles gesehen als menschlich, empathisch, friedlich und so weiter gesehen werden von unserem Umfeld. Früher musste man das mit Taten belegen. Freiwilligenarbeit in der Suppenküche, Engagement für Flüchtlinge, was auch immer. Heute geht es schneller und billiger: Man sagt einfach irgendwo in einer Kommentarzeile, dass man ein guter Mensch ist. Und weil man das ja so direkt nicht sagen kann, zeigt man es indirekt mit der Empörung über etwas Schlechtes.

Vermutlich ist das den Absendern so nicht einmal bewusst. Vielleicht ist es auch völlig egal, was der Antrieb ist. Übler wird es erst, wenn Leute, die in erster Linie ihr eigenes Gewissen beruhigen, indem sie sich öffentlich positionieren, allen anderen, die das nicht tun, Vorwürfe machen. Wenn man zum Unmenschen wird, nur weil man nicht öffentlich Position bezieht. Kürzlich hielten auch die Blätter des Verlags CH Media fest, in diesen Zeiten sei Schweigen ein klares Zeichen. Sprich: Man stellt sich auf eine bestimmte Seite, indem man einfach nichts dazu sagt. Wir alle sollten vor die Tür und pazifistische Parolen schreien oder Putin zur Hölle wünschen, wer das nicht tut, ist quasi ein Kriegstreiber.

Mich befremdet das. Ich habe kein Bedürfnis danach, von meiner virtuellen Umgebung für einen Protest aus Buchstaben beklatscht zu werden, der letztlich sowieso nichts ändert, sondern höchstens mir selbst ein gutes Gefühl gibt. Ich habe aber auch keine Lust, als Freund kriegerischer Auseinandersetzung gebrandmarkt zu werden, nur weil ich mich nicht an dieser Empörungsinflation beteilige. Und letztlich halte ich es auch nicht für falsch, sich zuerst ein Bild zu verschaffen und darüber nachzudenken, statt bei den ersten Bildern von einem verwüsteten Wohnhaus dem umgehenden Reflex Luft zu verschaffen.

Aber heute ist offenbar jeder verdächtig, der nicht einfach gleich mit der Meute heult.

Neu ist das nicht. Derselbe Mechanismus läuft ab, wenn ein Schiff mit Flüchtlingen am Anlegen gehindert wird. Oder wenn Greta auf einer Bühne schimpft. Man muss nicht einmal kritische Fragen stellen. Es reicht, wenn man nichts dazu sagt, wenn man gefragt wird. Erwartet wird die umgehende Zustimmung zur edlen Sache. Die Positionierung für das Gute.

Doch was ist das wert, wenn es nicht auf Reflexion beruht, sonder aus einem puren Reflex aus der Angst heraus, sonst nicht mehr dazu zu gehören?