Bleibt entspannt! Es kommt schon gut! Mal steigen die Coronazahlen, mal sinken sie! Prognosen: Was sind die schon! Die Spitäler waren nie überlastet! Die Medien sollen nicht so hysterisch tun! – Wer das schreibt? Der Chefredaktor des St.Galler Tagblatt, der bisher stets das Gegenteil behauptet hat. Was ist denn da passiert?

Vielleicht ist die Wahl der Kaffeesorte am frühen Morgen entscheidend. Oder wie flüssig die Joggingrunde vor Arbeitsbeginn verläuft. Oder es sind einfach allgemeine Stimmungsschwankungen. Sicher ist nur: Was wir hier zu lesen bekommen, hat nichts zu tun mit dem, was Stefan Schmid, Chefredaktor des St.Galler Tagblatt, früher von sich gegeben hat.

In einem Kommentar, nachzulesen hier, spricht er sich für «Eigenverantwortung und Augenmass» aus. In einer Selbstverständlichkeit, als hätte er das schon immer gefordert. Als hätten er und seine Zeitung und der Verlag CH Media nicht über zwei Jahre lang für möglichst viele Massnahmen und eine möglichst hohe Impfquote getrommelt.

Ein paar Extrakte aus seinen Zeilen, die man der Nachwelt dringend erhalten muss, weil es vermutlich schon bald wieder ganz anders klingt:

  • «Einige Medien, etwa der in dieser Frage dauerbesorgte «Tages-Anzeiger», sehen die Schweiz bereits vor dem nächsten Abgrund, so sie denn aus diesem je herausgefunden hat.»
  • «Lassen wir uns den Sommer nicht verderben von Berufspessimisten, die uns vor der nächsten, potenziell tödlichen Herbstwelle warnen, die sie so sicher wie das Amen in der Kirche über uns hereinbrechen sehen.»
  • «Jede Prognose kann sich relativ rasch auch wieder als falsch herausstellen.»
  • «Die Erfahrung lehrt, dass auf steigende bald sinkende Zahlen folgen, dass die Spitäler gut aus- , aber selten überlastet waren.»
  • «Wir haben gelernt, wie wir mit dieser Krankheit umgehen müssen.»
  • «Aber sich auf Vorrat ständig und immer wieder boostern zu lassen, das kann man sich getrost schenken.»

Wie jetzt? Unsere Spitäler waren nie überlastet, Prognosen können sich als falsch erweisen, möglichst viele Impfungen sind nicht der Schlüssel zum Erfolg? Was sind denn das bitte für Töne?

Ob das aus einer Laune heraus geschrieben wurde oder Teil einer neuen Strategie des Blattes ist: Ich weiss es nicht. Wir erfahren es, wenn die Story weitergeht. Zum Beispiel mit der Frage, ob Schmids Kollegen, allen voran Bruno Knellwolf und Sabine Kuster, uns munter weiter darüber informieren werden, wie schlimm alles ist. Und dabei mal kurz ihren Chef zu desavouieren.

Das wäre ja generell durchaus in Ordnung. Es gibt einzelne Medien, die diese Art von Meinungsvielfalt pflegen: Autor A sagt X, Autor B sagt Y. Aber dafür war das «Tagblatt» bisher nicht bekannt in der Coronafrage.

Interessant auch der Hieb Richtung Konkurrenz. Den «Tages-Anzeiger» als «dauerbesorgt» bezeichnen: Das habe ich bestimmt so oder ähnlich auch schon gemacht. Nur kann ich das mit gutem Gewissen, weil ich die Besorgnis nie geteilt habe. Schmid und die restlichen Brigaden des Verlags CH Media waren aber nie weniger «dauerbesorgt» als der «Tagi». Phasenweise eher das Gegenteil.

Es ist nicht besonders glaubwürdig, nun an «Eigenverantwortung und Augenmass» zu appellieren, wenn man zuvor zwei Jahre lang gefordert hat, diese endlich aufzugeben und still dem Bundesrat und dessen unverhältnismässiger Politik zu folgen.

Was genau versucht der gute Mann da? Langsam die Kurve in Richtung von dem, was schon lange offensichtlich ist, doch noch zu kriegen? Neue Freunde aus dem Lager zu gewinnen, das seine eigene Zeitung über Monate hinweg lächerlich gemacht und diffamiert hat? Bei der nächsten Corona-Kundgebung eine herzliche Umarmung zu kriegen?

Es ist ein Rätsel. Aber nicht das erste in dieser traurigen Geschichte.