Das Thema hier ist prädestiniert dazu, nach Belieben fehlinterpretiert oder böswillig falsch gedeutet zu werden. Glücklicherweise ist mir das inzwischen egal. Deshalb: Sprechen wir doch über die spendenfreudigen Schweizer. Und über ihre Motive.

30 Millionen bis zum 8. März, am «nationalen Solidaritätstag» der «Glückskette» am 9. März schon bis Mittag 17 weitere Millionen Franken: Die Schweizer sind im Spendenrausch für die Ukraine. Die Telefone, einige davon mit Promis besetzt, laufen heiss, und der definierte Aktionstag wird kaum das Ende bedeuten. Aus unserem kleinen Land kommt richtig viel Geld für die Hilfe in der Ukraine.

Das Land befindet sich im Krieg, Bomben fallen, Menschen sterben, Frauen und Kinder flüchten. Es ist gar keine Frage, dass es Geld braucht, um die Betroffenen zu unterstützen. Wenn Krieg kein Grund zum Spenden ist, was dann?

Aber es ist dennoch erstaunlich, wie spendabel vor allem die Schweizer sind. Gemäss Befragungen spenden acht von zehn Haushalten in unserem Land an Hilfswerke. 2019 gingen fast 2 Milliarden Franken an diese, mehr als je zuvor. Selbst im Coronajahr 2020 waren unsere Landsleute bereit, tief in die Tasche zu greifen gegen das Leiden anderer. Ich habe mich nun nicht in epischer Länge durch internationale Studien gegraben, aber ich gehe schwer davon aus, dass es kaum sehr viele Länder gibt, in denen von zehn Haushalten acht regelmässig spenden. Vermutlich sind wir Rekordhalter.

Das ist schön. Das ist gut. Warum auch nicht? Wir sind ein reiches Land. Aber das allein führt nicht zwingend zu Spenden. Es gibt auch andere reiche Nationen, in denen Hilfswerke vermutlich einen schwereren Stand haben. Sind wir also nicht nur durchschnittlich gut bei Kasse, sondern auch die besseren Menschen?

Ich habe meine leisen Zweifel. Vielleicht spenden wir so gern, weil wir uns permanent schuldig fühlen. Man sagt uns ja auch dauernd, dass wir das sind. Irgendwie sind wir schuld an Hitlers Erfolg, Sie wissen schon, Gold und so. Die Sklaverei haben wir fast im Alleingang verursacht, schädliche Monokulturen in armen Ländern entstehen wegen unserer Konsumwut, Eisbären verlieren ihre Heimat, weil wir so gerne SUV fahren und so weiter. Wir haben permanent ein schlechtes Gewissen. Und die 50er-Note im Onlinebanking ist möglicherweise nichts anderes als ein moderner Ablasshandel. Herr, lass mich weiter sündigen, dafür lasse ich etwas im Opferstock liegen.

Damit will ich denen, die ehrlich berührt sind vom Schicksal der Menschen in der Ukraine, keineswegs den guten Willen absprechen. Vermutlich spenden auch viele, die sich das gar nicht unbedingt leisten können. Die alte Frau, die mehr schlecht als recht von der AHV lebt zum Beispiel. Es wäre eine Frechheit meinerseits, ihr schlechte Motive unterzujubeln. Ich werde nur das Gefühl nicht los, dass es in einem Land, in dem es der Mehrheit an fast nichts mangelt, ziemlich einfach ist, sich für einen kurzen Moment besser zu fühlen mit der Überweisung einer Summe, deren Fehlen man dann nicht bemerkt.

Vielleicht soll das ja auch sein: Wer hat, der kann was abgeben. Alles gut. Aber der Zusammenhang zwischen der Täterrolle, die uns permanent eingetrichtert wird und unserer grossen Bereitschaft, zu spenden, die ist den einen oder anderen Gedanken wert.