Die Situation in der Ukraine hat das Thema Corona recht effizient verdrängt. Mit zunehmender Dauer kommen aber viele Journalisten offenbar auf Entzug und zerren Covid-19 wieder hervor. Ihre stärkste Waffe dafür sind, wen wunderts, mal wieder die Fallzahlen. Hört das denn nie auf?

Endlich durfte ich mal ein Bild meiner Heimat verwenden. Anlass dafür ist, dass dort das Virus gerade grassiert wie nie zuvor.

Das St.Galler Tagblatt outet die Innerrhoder als aktuelle Hochburg der Virenverbreitung, es gebe dort so viele Fälle wie noch nie. «Watson» räumt der «7-Tage-Inzidenz» viel Platz ein und vergleicht die Kantone. Ich kann, weil dort wohnhaft, versichern, dass die Innerrhoder nicht unter dem Status als Seuchenzentrum leiden. Es ist dort schlicht kein Thema. Auch im Spital übrigens nicht. Interessanterweise hängt Appenzell bei «Watson» übrigens fast am Schluss der Rangliste. Irgendwie alles sehr verwirrend. Müssen wir uns nun fürchten oder nicht? Sind wir nun Virenschleudern oder doch das Vorzeigebeispiel für die Ausrottung des Virus? Was denn nun?

Fleissig wird offenbar auch weiter das Abwasser untersucht, und die Ergebnisse sind alarmierend. Auf dem Papier. Ansonsten passiert nichts mehr. Das Gesundheitssystem ist entspannt, kaum jemanden interessiert Corona noch. Ausser eben unsere Medien. Die wollen oder können nicht loslassen.

Ich hatte Anfang Woche eine Magenverstimmung, es war unangenehm, aber ich habe es überlebt. Gleichzeitig habe ich von diversen Leuten Ähnliches gehört. Man sagt ja gerne: «Es geht was rum.» Klar, es geht immer etwas rum. Was ich nun von der Information hätte, wenn die schweizweiten Fallzahlen von Magenverstimmungen publiziert würden: Ich weiss es nicht. Ausser natürlich, dass sich vermutlich viele Leute dann fürchten würden, diesen «Käfer» auch zu kriegen. Aber die Betreffenden sitzen ja vermutlich ohnehin immer noch mit Maske im Keller, weil diese Angst bei ihnen seit zwei Jahren verankert ist.

Auch der ominöse R-Wert – wie viele weitere Leute werden von einem Virenträger angesteckt – wird wieder fleissig bewirtschaftet. Nur ein einziger Kanton, Neuenburg, liege unter der «kritischen Grenze» von 1. In der Vergangenheit wurde die Frage, ab wann es «kritisch» ist, übrigens immer mal wieder anders beantwortet. Offenbar befinden sich also 25 Kantone in einem kritischen Zustand – und keiner merkt es.

Aber es ist alles noch viel schlimmer, denn neben den bekannten Fällen gibt es ja auch noch die Dunkelziffer. «Die aktuell hohen Fallzahlen dürften das wirkliche Ausmass der Pandemie in der Schweiz nur unzulänglich zeigen», schreibt watson.ch. Pandemie, das wirkliche Ausmass: Worte, die eine Bedrohung vermitteln sollen. Nur: Wo liegt diese?

Preisfrage: Wenn etwas weder das Gesundheitssystem noch die Gesellschaft an sich noch bedroht, was genau soll es dann bringen, dieses Etwas weiterhin permanent ans Licht der Öffentlichkeit zerren? Würde man Karl Lauterbach fragen, wäre die Antwort klar: Man muss vorbereitet sein auf die nächste Welle, um dann gleich wieder mit Massnahmen loszuschlagen. Anscheinend haben wir ja nun bereits die Welle Nummer X (ich habe aufgehört zu zählen), wenn die Zahlen den Wellenschlag definieren. Seit der weitgehenden Abschaffung von Massnahmen grassiert Corona wie wild. Aber eben: Es passiert nichts. Wir stehen am Strand, und nicht einmal die Füsse werden nass.

Aber so schnell werden die apokalyptisch veranlagten Medien nicht aufhören damit. Zum einen gibt es immer noch ein gewisses Publikum, das sich die Panik nicht austreiben lassen will und sich weiterhin darin suhlen möchte. Ein Publikum, das sich die bewussten Medien hart erarbeitet haben, mehr noch: Das sie weitgehend selbst kreiert haben. Zum anderen hat sich diese Panik ja offenbar auch auf deren Verbreiter, die Journalisten, selbst übertragen. Deshalb gehen sie unermüdlich Fragen nach, deren Antworten keinerlei Erkenntnisgewinn haben – und keinerlei Relevanz.

Man muss nicht einmal erwähnen, wie bedeutungslos Kategorien wie Fallzahlen und R-Wert schon in der Vergangenheit waren. Selbst wenn sie damals irgendeine Funktion gehabt hätte, nun haben sie diese definitiv nicht mehr. Sollte das Virus irgendwann tatsächlich zur supertödlichen Waffe für breite Kreise der Bevölkerung mutieren, ist das eine neue Situation, auf die zu reagieren ist. Die Zeit, in der nichts mehr passiert, mit Zahlen ohne Aussagekraft zu füllen, dient aber niemandem. Ausser vielleicht der Klickrate.