Rote Gesichter statt Alpenfirn, der sich rötet

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Mit dreissig Jahren zog es Philippe Schwab zur Bundesverwaltung, und dort scheint es ihm bis heute zu gefallen. Liest man sich durch seine Stationen, taucht vor dem geistigen Auge das Bild des Beamten auf, der mit Ellbogenschonern an einer Schreibmaschine auf einem gnadenlos gewienerten Holzpult sitzt. Stellvertretender Sekretär der Geschäftsprüfungskommission, Sekretär einer parlamentarischen Untersuchungskommission, stellvertretender und schliesslich amtierender Generalsekretär der Bundesversammlung: Das sind seine Stationen.

In Verwaltungskreisen ist das eine stolze Karriere. Für ein Bewerbungsschreiben als Partyplaner taugt es weniger. Aber dennoch war Schwab der Mann, der die Vereinigte Bundesversammlung am 12. September in Festlaune bringen sollte. Mit einer, so zumindest die Absicht, würdigen und unterhaltsamen Feier im Ratssaal zu «175 Jahre Bundesversammlung».

Revolutionär Aeschi

Unterhaltsam war es, wenn auch eher unfreiwillig. Von Würde hingegen war das Spektakel weit entfernt. Die Organisatoren suchten ihre Version der «modernen Schweiz», die im Jubiläumsjahr gefeiert wird. Das Clownduo Gilbert & Oleg führte durch das Programm. TV-Wahlorakel Claude Longchamp stellte die Geschichte der Verfassung vor. Die Bieler Künstlerin Phanee de Pool tänzelte durch die Reihen und schleuderte den Parlamentariern eine rasende Mischung aus Slam-Poetry und Rap entgegen.

Eine Woche später hat Thomas Aeschi keine Lust mehr, über das Ganze zu sprechen. Dabei war der SVP-Fraktionspräsident der Winkelried des 12. September 2023. Fassungslos hatte er an jenem Tag zunächst auf das kleine Heft zum Fest gestarrt, das vor ihm und den anderen Anwesenden lag. Darin abgedruckt: eine neue Version der Landeshymne.

Der Kabarettist Joachim Rittmeyer hatte sie geschrieben und stimmte sie auch gleich an. Das Pathos und die Schwermut des Psalms waren verschwunden, an ihre Stelle traten die Steuerfreiheit der Fifa und die Anzahl Bauern im Parlament. Rittmeyer spielte dabei die Rolle eines kürzlich eingebürgerten Mannes aus Ungarn. Offenbar darf er sich im Unterschied zu anderen Künstlern eine solche kulturelle Aneignung leisten.

Der Alpenfirn rötete sich in dieser Version nicht mehr, dafür das Gesicht von Thomas Aeschi mehr und mehr. Während des lustlosen Mitsummens der anderen stand er als Einziger auf und schmetterte den Originaltext wuchtig in den Raum, um den neuen Text zu übertönen. Für einen Moment wirkte er wie ein todessehnsüchtiger Revolutionär, den schon bald die Schergen der Staatsmacht abholen.

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Aber immerhin war er immer noch vor Ort. Diverse seiner SVP-Kollegen hatten zu diesem Zeitpunkt bereits das Weite gesucht. Sie fühlten sich wie Zuschauer, die Karten für die Oper gekauft und dann in einer zweitklassigen Travestie-Show gelandet waren. Andere hatten weniger Glück. Der Ausserrhoder SVP-Nationalrat David Zuberbühler erduldete das Ganze. Aus zwei Gründen, wie er sagt: «Der Anstand hat mich zum Bleiben gezwungen – und die Tatsache, dass ich zuvorderst sitze und den Saal deshalb nicht unauffällig verlassen kann.»

Keller-Sutters rollende Augen

Die Feier führte auch auf der Regierungsbank zu Fluchtbewegungen. Bundesrat Albert Rösti wollte sich laut der NZZ heimlich absetzen, aber Bundeskanzler Walter Thurnherr konnte ihn gerade noch einfangen. Bundesrätin Karin Keller-Sutter, sonst ein stoischer Hort der Selbstbeherrschung, liess sich dabei erwischen, wie sie mit rollenden Augen das Programmheft aus ihren Augenwinkeln verbannte. Zu diesem Zeitpunkt hätte sich wohl niemand mehr gewundert, wenn plötzlich der Komiker Hape Kerkeling in seiner legendären Rolle als fiktiver Politiker Horst Schlämmer den Raum betreten und «Isch kandidiere!» gerufen hätte

Aber zurück zu Thomas Aeschi, dem derzeit vor lauter Fassungslosigkeit die Worte fehlen. Unmittelbar nach dem Festakt musste die Wut doch noch heraus. Der Bundesrat wird ihm in einer der nächsten Fragestunden Antworten liefern müssen. Der SVP-Fraktionschef will wissen, was die «missglückte Feier» gekostet hat. Aus dem Bundeshaus hört man, dass sich die Gagen für die Künstler zwischen 1000 und 5000 Franken bewegen. Wobei eine Zahl auch nichts mehr daran ändert, dass sich der Zuger genötigt sah, vor der ganzen Schweiz als erster Tenor aufzutreten.

Bauernopfer Schwab

Was sagt Philippe Schwab, der ewige Verwaltungsmann, der mit einem Mal zum Kreativdirektor aufstieg? Er war wenig überraschend «zufrieden» mit dem Gebotenen und betonte die «Vielfalt», die geherrscht habe. Allerdings haben er und sein Team ihre Aufgabe vermutlich nicht gesucht. Die schwerbeschäftigte offizielle Politik war wohl froh, dass das jemand anders übernahm. Nun, da es nicht ganz wunschgemäss verlief, stellt sich die erste Reihe aber nicht etwa schützend vor den Generalsekretär der Bundesversammlung. Im Gegenteil: Schwab wird zum Bauernopfer.

Ständeratspräsidentin Brigitte Häberli (Die Mitte) versichert in den Medien verzweifelt, sie habe dem Programm zugestimmt, ohne alle Details zu kennen. Ihr Parteifreund und Amtskollege im Nationalrat, Martin Candinas, erklärt, die Feier sei durch, und er habe nichts mehr beizufügen. Ein Politiker, der nichts sagen will: Das sagt schon alles.

Wobei es dann doch noch ein kurzes Ablenkungsmanöver sein darf. Statt Kritik zu üben, so Candinas gegenüber Journalisten, solle man sich doch besser über das Kunstwerk «Tilo» am Parlamentsgebäude freuen, das ebenfalls am 12. September enthüllt wurde. Es handelt sich um 246 Keramikplatten an der Fassade. Die haben immerhin den Vorteil, dass sie weder sprechen noch singen oder rappen.

Vielleicht war es gar nicht der Festakt in der Bundesversammlung allein, der Thomas Aeschi zur Weissglut und einige seiner Parteikollegen aus dem Saal trieb. Sondern die Tatsache, dass die Vorführung in einer langen Reihe von Anlässen stand, an denen die Schweiz hätte zelebriert werden sollen, stattdessen aber vorgeführt wurde (siehe Kasten). Die bislang letzte Landesausstellung musste aufgrund überforderter Organisatoren sogar um ein Jahr verschoben werden.

Vielleicht hätte man diese Aufgabe damals Philippe Schwab übergeben müssen. Denn sein Festakt fand immerhin pünktlich statt. Es gibt also doch etwas Gutes zu sagen.

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