Nichts verstanden. Setzen.

Werden wir alle eigentlich einfach nicht mehr gescheiter oder sogar immer dümmer? Das frage ich mich nach einem persönlichen Erlebnis, das leider allgemeine Erfahrungen bestätigt.

Vor einiger Zeit hat eine Dame bei mir mein Buch «Schreib!» bestellt mit der Absicht, es jemandem zu schenken. Die bewusste Person zeigte sich von der Grosszügigkeit allerdings wenig begeistert und wollte das Buch nicht haben. Annahme verweigert sozusagen.

Der Grund: Die Beschenkte machte sich vor der Lektüre kundig über den Autor, also mich, stiess auf diesen Blog hier, scrollte offenbar ein bisschen herum – und war entsetzt. Sie werde kein Buch lesen von jemandem, der so etwas Menschenverachtendes sage wie das hier: «Corona: Nur Dumme wurden krank.» Das sei ein Schlag ins Gesicht für alle Menschen, die am Virus erkrankt seien.

Das Zitat da oben ist in der Tat der Titel eines Blogbeitrags aus meiner Feder, man kann diesen hier nachlesen. Wer das tut, der wird zu denselben Schlüssen kommen wie ich:

  • Entweder hat die bewusste Frau den Text gar nicht erst gelesen, sondern nur den Titel.
  • Oder sie hat den Text durchaus gelesen, ihn aber nicht verstanden. Was weitaus schlimmer wäre.

Im bewussten Beitrag kritisiere ich einen Artikel von CH Media, in dem auf der Basis irgendwelcher Forschungserkenntnisse behauptet wird, Leute mit einem tieferen Bildungsstand seien von Corona stärker betroffen gewesen. Weil sie sich weniger schützten, weil sie sich seltener impfen liessen, weil sie lieber Verschwörungstheorien glaubten. Abkürzen lässt sich dieser hochgradig hanebüchene Unsinn eben mit der Formel «Nur Dumme wurden krank.»

Das sage also nicht ich. Das sagt der «Bericht» zu diesen «Forschungsresultaten. Und natürlich der Journalist, der den Mist unkritisch wiedergibt. Dass ich daraus einen Titel gemacht habe, war eine sarkastische Überspitzung, eine bewusste Provokation.

Keiner meiner regelmässigen Leser wird auch nur eine Sekunde lang auf die Idee gekommen sein, der Titel spiegle meine eigene Meinung. Aber mit diesem Spiel mit der Sprache habe ich dieZufallsbesucherin meines Blogs wohl überfordert.

Statt auf das freiwillige Blog-Abo mache ich diesmal auf mein laufendes Crowdfunding aufmerksam für meinen kommenden täglichen Video-Podcast «The Daily Mill». Helft mit, das Ding zum Laufen zu bringen – danke.

Dieser Fall bestätigt meine allgemeinen Beobachtungen. Wir haben nicht nur das Problem, dass die neuen Generationen nach Besuch der obligatorischen Schulzeit kaum der deutschen Sprache mächtig und deshalb nicht in der Lage sind, ein banales Bewerbungsschreiben zu verfassen. Wir haben auch ein massives Defizit beim Leseverständnis. Wenn es darum geht, Geschriebenes nicht nur dem Wortlaut nach zu verstehen, sondern es inhaltlich zu begreifen.

Sarkasmus, Ironie, Satire: Das alles erfordert einen Grundstock an Intelligenz, der übrigens nichts zu tun hat mit der Bildungsstufe. Man muss dazu abstrahieren, über die eigentlichen Worte hinaus denken und zwischen den Zeilen lesen können.

Das schaffen immer weniger. Ich erhalte regelmässig Zuschriften von Leuten, die sich über irgendwelche Passagen in Texten beklagen, und ich kann nichts weiter tun als zurückschreiben: «Lesen Sie es bitte noch einmal. Dann noch einmal. Und noch einmal ganz langsam. Dann machen Sie eine Pause. Dann ein weiteres Mal.» Danach herrscht meistens Schweigen im Wald.

Nun klingt es vielleicht nach einem Luxusproblem, wenn sich ein Satiriker darüber beschwert, dass die Leute Satire nicht mehr verstehen. Aber das Problem geht weit tiefer. Wer etwas komplexeren oder doppelbödigen Inhalten nicht folgen kann, der sucht sich einfachere, mit denen er umgehen kann. Die kriegt er ja auch. Man kann ein bisschen «Fails der Woche» bei Watson anschauen, einer Empörungstirade des Leserreporters von «20 Minuten» über gestiegene Handy-Abo-Preise folgen oder sich vom «Blick» über die Morgenübelkeit einer schwangeren C-Prominenten informieren lassen.

Das tut eine Mehrheit der Konsumenten auch, sonst würden diese Medien nicht so gut funktionieren. Und diese Leute stehen dann an, wenn ein Text etwas mehr Schattierungen aufweist.

Wir züchten eine Gesellschaft heran, die zu einem grossen Teil Sprache zwar als eine Aneinanderreihung von Buchstaben und Worten bewältigen kann, die aber nicht in der Lage ist, Zweideutigkeit zu identifizieren. Diese Leute nehmen dann entsprechend auch alles für bare Münze, was sie lesen, weil ihnen die zusätzliche Ebene fehlt.

Das hat Auswirkungen. Kein Wunder waren so viele Menschen wunderbar leicht durch die Coronazeit zu führen. «Krankenhäuser am Anschlag!»: Das versteht man auch, wenn man sonst gar nichts versteht. Und auch wenn es gar nicht stimmt, bleibt die Botschaft haften. Die Belege dafür, dass die Aussage falsch ist, kamen leider meist sehr viel komplexer und vielschichtiger daher. Man musste sich in Statistiken knien und die Zusammenhänge der Akteure verstehen, um zu begreifen, welche gezielte Desinformation hier betrieben wird. Man musste harte Arbeit leisten. Das will kaum jemand. Da stürzt man sich lieber auf Schlagzeilen mit grossen Buchstaben und simplen Aussagen.

Wenn unser Bildungssystem die «Medienkompetenz» stärken will, klingt das deshalb zunächst gut. Aber machen wir uns keine Illusionen. So, wie sich das unser Staat vorstellt, geht es nicht darum, Kinder und Jugendliche zum kritischen Umgang mit Medien zu befähigen. Sondern darum, offizielle Vorgaben unkritisch zu übernehmen und jede andere Stimme als «Fake News» abzulehnen.

Die wissen eben leider schon, wie es geht.

«The Daily Mill»: Der tägliche Video-Podcast ab dem 18. August 2025. Unterstützen Sie jetzt das laufende Crowdfunding, damit ich richtig loslegen kann.