Ich war in Amsterdam und folgte den Spuren von Anne Frank. Das berührende Erlebnis wurde empfindlich gestört durch den Tourguide, der die Führung für politische Indoktrination missbrauchte. Es ist kaum ein Einzelfall.
Besucht man mit zwei Teenagern Amsterdam, liegt der Gedanke nahe. Diese Stadt ist voll von Geschichte und Geschichten, aber diejenige von Anne Frank dürfte die bekannteste sein. Meine Kinder kennen den tragischen Ausgang aus der Schule. Was liegt also näher, als die Originalschauplätze zu besuchen?
Getan haben wir das im Rahmen einer Führung, die wir über die Plattform «GetYourGuide» gebucht hatten, ausgeführt wurde sie von der niederländischen Firma «SightSeekers». Unser Tourguide war ein gewisser Leo, ursprünglich aus Frankfurt, nun in Amsterdam gelandet, wo er sich offensichtlich mit Führungen für Touristen durchschlägt. Leider.
Der Rundgang durch die Stadt zu Schauplätzen, die mit der Familie Frank und der Judenverfolgung durch die Nazis zusammenhingen, war durchaus interessant, die begleitenden Ausführungen detailliert. Nach zwei Stunden kamen wir vor dem Haus an, in dem sich Anne Frank versteckt hielt, bis sie durch Denunziation aufflog und im Konzentrationslager landete, wo sie den Tod fand.
Der gute Leo liess uns aber keine Zeit, diesen geschichtsträchtigen Ort auf uns einwirken zu lassen, sondern führte uns rasant um die Ecke bis zu einem Platz, wo es weniger Menschen hatte – und er seinen Schlussmonolog starten konnte. Er selbst nannte es einen «Appell», was immerhin ehrlich war.
Er rief uns auf, wachsam zu sein und die Demokratie zu beschützen. Denn quer durch Europa seien die Rechtspopulisten im Aufwind. Die Wahl von Trump sei eine Gefahr. Schon heute würden Migranten in den USA massiv verfolgt, die Geschichte wiederhole sich. Es gelte nun, dafür zu sorgen, dass das nicht passiere. Aber es gebe ja Symbole der Hoffnung wie die Demonstrationen gegen rechts in Deutschland.
Ich war zunächst einigermassen perplex. Danach einfach nur noch sauer. Dafür hatte ich Geld bezahlt?
Was genau hat Anne Frank zu tun mit einem mexikanischen Drogenhändler, der illegal in die USA gelangt ist? Oder mit einem anderen illegalen Migranten, der sich durch amerikanische Städte prügelt oder schiesst? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den Wahlerfolgen von Parteien rechts der Mitte und der Judenverfolgung der Nationalsozialisten? Was hat Kritik an der Forderung nach einer Verschärfung der Migrationspolitik in Europa in diesem Kontext zu suchen? Vor allem aber: Was zum Teufel haben politische Aufrufe bei einer Touristenführung in Amsterdam verloren?
Das Ganze dauerte über zehn Minuten. Leo wollte gar nicht mehr aufhören. Die tragische Geschichte von Anne Frank war kein Thema mehr. Es ging nur noch darum, seine politische Meinung zu verbreiten.
Am Ende seines Vortrags, der ihn nahe dran brachte, Schaum vor dem Mund zu kriegen, bat er dann noch um eine positive Beurteilung auf dem Portal von «GetYourGuide», am liebsten das Maximum von fünf Sternen mit Erwähnung seines Namens. Wer nur vier Sterne gebe, der solle den Namen doch bitte verschweigen.
Ich war überaus freundlich und gab drei Sterne. Verbunden mit einer Textbewertung, in der ich mich über die politische Indoktrination beschwerte. Bestimmt, aber freundlich, ohne in Gossensprache zu verfallen und anständig. Die Bewertung tauchte für etwa fünf Minuten auf, dann verschwand sie. Auf meine Rückfrage bei der Buchungsplattform hiess es, sie habe nicht den «Richtlinien» entsprochen. Meine Nachfrage, was genau gegen die Regeln gewesen sei, wurde nicht beantwortet. Dafür tauchte kurz darauf auf meinem Konto die Rückzahlung für eines von drei Tickets auf. Darum hatte ich nicht gebeten. Es wäre mir sehr viel lieber gewesen, potenzielle Tourbesucher hätten erfahren, was da läuft.
Das Ganze erzähle ich nicht, weil es mich persönlich so sehr erschüttert hätte, sondern weil es mit Sicherheit kein Einzelfall ist. Dauernd wird das Thema Geschichte missbraucht, um völlig unzutreffende Parallelen zur Gegenwart zu ziehen und Menschen politisch zu beeinflussen. Am Verheerendsten ist das im Rahmen des Schulunterrichts. Wer bei Heranwachsenden zwischen den Gräueltaten der NS-Zeit und der AfD eine direkte Linie zieht, hat gute Aussichten auf Erfolg mit dieser Hirnwäsche.
Es gab noch nie so viele Parallelen zum Faschismus wie in den vergangenen fünf Jahren. Aber nicht bei rechten Parteien. Sondern im Rahmen der Coronazeit mit Einschränkungen der Grund- und Freiheitsrechte, mit einer Gleichschaltung der Medien, mit einer politisch gesteuerten Wissenschaft. Gerade in Deutschland sind viele weitere Pfeile im Köcher, die an diese unsägliche Epoche der Geschichte erinnern. Beispielsweise die Einschränkung der Redefreiheit unter dem Vorwand, «Fake News» verhindern und die Demokratie schützen zu wollen. Das war die Technik der Nazis in Reinkultur.
Leo, meiner Schätzung nach irgendwo Ende 20, hat das offenbar nicht kapiert, und damit ist er nicht allein. Nun wandert er auf den Strassen von Amsterdam und verbreitet seine verquere Sicht der Dinge munter weiter. Er ist damit der beste Helfershelfer der Mächtigen, die wollen, dass wir Angst vor einer imaginären rechten Gefahr entwickeln und danach blind ihrer Politik folgen, an deren Ende der Verlust von Freiheit und Eigenverantwortung stehen wird.
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