Du hast eine andere Meinung als ich? Oder hast überhaupt eine Meinung zu einer Frage, bei der «die Wissenschaft» Meinungen gar nicht zulässt? Dann wurdest du als Kind vernachlässigt, bist anderweitig traumatisiert, ein Narzisst oder einfach ganz normal verrückt.

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Ich bin ja bereits in einem früheren Beitrag auf die inhaltlich bescheidene Miniserie der «Republik» zum Thema angeblicher rechter Verschwörerkreise eingegangen. Man kann mir durchaus vorwerfen, dass ich mich an dieser dünnen Story überhaupt abarbeite und sie nicht einfach ignoriere, was sie eher verdient hätte. Aber in den Details stecken viele interessante Ansätze.

Weniger in der journalistischen Arbeit, sondern in den Kommentaren der «Republik»-Leser dazu. Diese sind grösstenteils positiv bis begeistert, was bei diesem Publikum nicht besonders überrascht. Auch wenn nichts Handfestes in dem Zweiteiler steht, ist die urbanisiert-intellektuelle Leserschaft voll des Lobs über die gnadenlose Aufdeckungsarbeit der beiden Autoren.

Bemerkenswert finde ich aber vor allem Wortmeldungen wie diese hier:

Erstaunlich ist unter anderem, dass ein pensionierter Hausarzt nicht weiss, wie man «narzisstisch» schreibt. Aber das nur nebenbei.

Der gute Herr Rapp geht in seinem kleinen Fachbeitrag auf die zuvor gestellte Frage ein, wie die angeblichen Mitglieder des angeblichen medialen Verschwörernetzwerks so geworden sind, wie sie sind. Da ich ja offenbar Teil davon bin, ist es also gleich auch eine medizinische Ferndiagnose meiner Person. Ich schätze es ja ungemein, dass damit die Krankenkasse von Therapiekosten entlastet wird, befürchte aber, dass die Blitzdiagnose aus der Distanz etwas löchrig ist.

Einen generellen Autoritätskonflikt habe ich bei mir noch nie festgestellt, wobei der ehemalige Hausarzt darauf sicherlich antworten würde, dass man das eben selbst nicht merkt – wie man ja beispielsweise selbst auch nicht merkt, dass man dumm ist. Einen mangelnden Selbstwert würden vermutlich die meisten Leute bestreiten, die mich näher kennen. Am ehesten gelten lasse ich eine leichte narzisstische Ader, die ich sicherlich habe, nur trifft das auf die meisten Leute zu, die schreiben oder eine andere Bühne bespielen.

Aber der Vorwurf geht ja ein bisschen weiter: Man muss gehörig narzisstisch veranlagt sein, was dann in einer entsprechenden Persönlichkeitsstörung gipfelt.

Ziemlich massiver Stoff. Und damit wäre man definitiv ein Fall für einen Facharzt.

Was mich beschäftigt, ist die Lockerheit, in der ein Mediziner mal kurzerhand Leuten, mit denen er nicht übereinstimmt, eine ganze Reihe pathologischer Störungen unterjubelt. Ich habe mit Sicherheit auch schon über den einen oder anderen Zeitgenossen bei Twitter geschrieben, er oder sie sei offensichtlich nicht ganz dicht. Dabei beschränke ich mich aber auf einen generalisierenden und im Alltag gebräuchlichen Terminus im Sinn von «jetzt redest du aber gerade ziemlichen Müll» und liefere keine konkreten Fachdiagnosen.

Jemandem zu unterstellen, er trage Probleme aus seiner Kindheit mit sich herum oder habe ein mangelndes Selbstwertgefühl, ist ein ganz anderes Kaliber.

Bei dieser Taktik geht es ganz banal darum, mit anderen Leuten nicht diskutieren zu wollen, mehr steckt nicht dahinter. Wenn ich mein Gegenüber als psychisch angeschlagen definiere und suggeriere, es sei aufgrund irgendwelcher Traumata aus frühen Jahren nicht in der Lage, einen sinnvollen Gedanken zu fassen, muss ich mich mit ihm natürlich gar nicht erst auseinandersetzen. Exakt das tut dieser «Republik»-Leser hier – und er ist bei Weitem nicht der einzige, der in diese Richtung geht.

Der ehemalige Hausarzt ist übrigens Facharzt Allgemeine Innere Medizin. Weitergebildet hat er sich «in Sportmedizin mit Schwerpunkt Bewegungsapparat, manueller Medizin (ärztliche Chiropraktik) und lösungsorientiertem Kurzzeit-Coaching».

Sollte es bei mir also mal knacken im Gebälk, scheint er mir eine gute Adresse. Meine in tiefer Kindheit verankerten diversen Störungen werde ich aber vermutlich eher mit einem auf andere Gebiete spezialisierten Arzt aufarbeiten. Wobei man Armand Rapp zugute halten muss, dass er selbst seinerseits nach solchen ruft, wenn er schreibt: «Was meinen die Psychologinnen und Psychiater unter Euch dazu?»

Was klingt wie ein nett gemeinter Versuch, uns Psychos Hilfe vermitteln zu wollen, ist aber im Grunde nur die ein wenig widerliche Fortsetzung dieser sehr befremdenden Pathologisierungsplatte. Dahinter steckt die Aussage: Hey, Leute, falls Ihr einen Facharzttitel habt, schreibt doch auch noch in die Kommentare, an was diese rechten Verschwörerseppen sonst noch so leiden könnten, dann können wir am Schluss eine dicke Liste draus machen.

Irgendwie scheint mir nach dieser Lektüre, dass sich die gehörige narzisstische Persönlichkeitsstörung ganz woanders befindet als dort, wo sie vermutet wird. Man könnte vermuten, die Narzissmusquote bei der «Republik»-Leserschaft sei überdurchschnittlich hoch. Aber das wäre eine Ferndiagnose, und die stelle ich natürlich nicht.