Abgang bei «Die Weltwoche»: Der legendäre Journalist und Buchautor Henryk M. Broder hat angekündigt, nach 20 Jahren nicht mehr für das Wochenblatt schreiben zu wollen. Warum? Es finden sich darin auch Texte, mit denen er inhaltlich nicht übereinstimmt. Man kann nur staunen.

Die Welt ist sich ziemlich einig: Krieg ist böse, es sollte ihn nicht geben. Fast die ganze Welt ist sich auch einig, dass Russland nicht in die Ukraine einmarschieren dürfen. Mutmasslich immer noch eine satte Mehrheit ist sich einig, dass der Aggressor Putin heisst und die Ukraine das Opfer.

Das alles mag so sein. Die Frage ist nun nur, ob die Debatte hier abbrechen soll. Oder ob es möglich beziehungsweise nötig ist, der Frage nachzugehen, was an diesen Punkt geführt hat. Das könnte allenfalls relevant sein für die Zukunft. Denn wo genau liegt der Lerneffekt in der blossen Verdammung einer Person oder einer ganzen Nation? Könnte sich eine Spurensuche allenfalls lohnen?

Diese Spurensuche betreibt in der Schweiz derzeit eigentlich nur «Die Weltwoche» von Roger Köppel. Wenn er schreibt, dass sich das aktuelle Geschehen angekündigt hat, wie Putin sein Vorgehen rechtfertigt und dass man über einiges davon nachdenken sollte, ist er in der allgemeinen Aufregung simplifziert ein «Putinversteher» und auf der Seite des russischen Präsidenten.

Ich habe schon einmal beschrieben, welche Parallelen es zwischen der Coronasituation und dem Krieg in der Ukraine gibt. Nur schon Fragen zu stellen ist verpönt und führt zur sofortigen Diffamierung. Als ob es eine Gesellschaft weiterbringen würde, wenn Nachdenken nicht mehr erlaubt ist.

In der «Weltwoche» wurde offenbar zu viel offen nachgedacht, jedenfalls für ihren langjährigen Autor Henryk M. Broder, der dezidiert findet, es gebe da nichts zu debattieren, weil Täter und Opfer von Tag 1 an klar definiert waren. Diese Haltung kann man haben. Aber warum führt heutzutage eine Haltung nicht mehr zum Austausch von Argumenten, sondern zum Verbot einer anderen Haltung?

Ich bin ziemlich überzeugt aus meinen persönlichen Erfahrungen als Autor bei «Die Weltwoche», aber auch aus dem, was ich dort lese, dass nie jemand Broder daran gehindert hat, seine Sicht des Krieges auszubreiten. Dass er nicht damit leben kann, dass dort auch eine andere Sicht stattfindet, halte ich für überaus unsouverän. Ich kriege regelmässig einen roten Hals, wenn Peter Bodenmann in Roger Köppels Zeitung seine postsozialistischen Träume ausbreitet, aber ich halte sie für einen wertvollen Beitrag. Er soll doch bitte schreiben dürfen, was er möchte, und es ist doch nicht zu viel verlangt, dass ich mich als Anderdenkender damit konfrontieren lasse? Das erlaubt es mir, auch meine eigene Meinung auf den Prüfstand zu stellen. Und selbst Bodenmann hat mich schon eines Besseren belehrt, wenn ich gemerkt habe, dass er die besseren Argumente hat.

Diese Unart, dass gewisse Dinge nicht Gegenstand der Debatte sein sollen, sondern gar nicht erst stattfinden würden, nimmt überhand. Wenn sie sogar von einem aus meiner Sicht wichtigen Denker wie Henryk M. Broder übernommen wird, macht mir das zu schaffen. Wenn ich die Gelegenheit erhalte, in einer Zeitschrift meine Sicht der Dinge auszubreiten, gestehe ich dasselbe Recht auch andern zu. Und sehe darin keine Veranlassung, aufzuhören.

Broder schreibt in seinem letzten Beitrag, er habe kein Verständnis für Leute, die Putins Aktivitäten anders beurteilen als er. Das sei ihm unbenommen. Aber muss ich als Autor wirklich die Sichtweise aller anderen Autoren verstehen? Und liegt es dann und wann allenfalls auch an mir selbst, wenn ich sie nicht verstehe? Will ich sie vielleicht einfach nicht verstehen?

Meinungsvielfalt heisst heute: Ich akzeptiere jede Meinung, ausser sie widerspricht meiner. Und die Absurdität dieser Definition muss nicht weiter ausgeführt werden.

((Bild oben: Heike Huslage Koch / Wikimedia))