Debattieren. Streiten. Argumente austauschen. Festhalten und nachgeben. Zuhören und Kompromisse finden. So wurde die Schweiz einst gross. Heute würde das nicht mehr funktionieren. Weil uns diese Fähigkeiten abhanden gekommen sind. Uns – und vor allem unseren Journalisten.
Rolf Hiltl, Vordenker der Schweizer Vegetarier-Gastronomie, sitzt in einem Saal und hört zu. Auf der Bühne spricht die deutsche AfD-Politikerin Alice Weidel. Ein Unternehmer hört einer Politikerin zu.
Normale Menschen zucken mit den Schultern. Aber heute herrscht in der Öffentlichkeit Schnappatmung, kalter Schweiss und Schaum vor dem Mund.
Hiltl bei Weidel? Wie kann er nur?
Der «Blick» berichtet atemlos über Hiltls Besuch dieser Veranstaltung. Weil Journalisten davon ausgehen, dass Atemlosigkeit angebracht ist und die seit Jahren dressierten Leser das ebenfalls finden. «Ist Hiltl etwa AfD-Sympathisant?», schreibt der «Redaktor Politik» ganz aufgeregt dazu.
Keine Ahnung. Und wenn?
Die AfD ist eine demokratisch legitimierte Partei, die von einer laufend wachsenden Schar gewählt wird. Wenn Hiltl das unterstützen sollte, ist er damit jedenfalls nicht ganz allein.
Aber vielleicht kann der Gute mit den Positionen der AfD ja auch gar nicht viel anfangen, wollte aber schlicht mehr dazu wissen. Weil er ein politisch interessierter Zeitgenosse ist, der aus erster Hand etwas über das erfahren will, was ihm sonst nur von anderen Medien einseitig, unvollständig und als Zerrbild präsentiert wird. Man hat das früher «Meinungsbildung» genannt. Damals, als man sein Weltbild nicht ausschliesslich aus der eigenen Blase heraus genährt hat.
Aber ja, wie kann er nur? Sich interessieren? Mehr wissen wollen? Sich ein eigenes Bild verschaffen? Bei der AaaaEffffDeeee?
Es geht hier weder um Rolf Hiltl noch um Alice Weidel noch um die AfD. Es geht um die Frage, wann wir beschlossen haben, dass es nicht opportun ist, anderen zuzuhören. Auch Leuten, die vielleicht nicht das sagen, was man selbst hören möchte. Es geht um die Frage, warum unsere Journalisten entscheiden dürfen, wo man auftauchen darf, welche Veranstaltung man besuchen darf, was man lesen darf, ohne ins Abseits zu geraten.
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Es geht um die Frage, warum dazu überhaupt Fragen gestellt werden.
Denn: «Blick hat bei Hiltl nachgefragt», heisst es im Artikel. Nachfragen ist in der Tat die Aufgabe von Medienschaffenden. Dort jedenfalls, wo es etwas nachzufragen gibt.
Wenn ein Schweizer Unternehmer eine Rede einer deutschen Bundestagsabgeordneten besucht, gibt es allerdings einfach nichts nachzufragen. Oder hat je ein Schweizer Medium nachgefragt, wenn jemand eine Veranstaltung des Regierungsversagers Robert Habeck von den Grünen besucht hat, der mitgeholfen hat, ein Land in den Ruin zu treiben? Hat ein Medium nachgefragt, warum die «Republik» die grüne Politikerin Ricarda Lang für einen Vortrag eingeflogen hat, die an diesem Niedergang aktiv beteiligt war? Oder warum es wirklich Leute gab, die sich das angehört haben?
Aber es wird noch viel schlimmer. Denn hier die Reaktion von Hiltl auf diese Frage: «Er zeigt sich gelassen: Er schäme sich keineswegs, an der Veranstaltung teilgenommen zu haben – trotz des kontroversen Gastes.»
Wie jetzt, er schämt sich nicht? Obwohl er jemandem zugehört hat, der «kontrovers» ist? Wahnsinn!
Zu welchem Zeitpunkt haben meine geschätzten Berufskollegen eigentlich entschieden, dass «kontrovers» ein Schimpfwort ist? Wer ist bitte nicht kontrovers, der eine klare Position vertritt? Bezogen auf Deutschland, halte ich beispielsweise Bundeskanzler Olaf Scholz oder Stammel-Aussenministerin Annalena Baerbock oder den Kriegstreiber Friedrich Merz für überaus «kontrovers». Nur dass man ihre Anlässe problemlos besuchen könnte, ohne sich erklären zu müssen. Obwohl sie ihrem Heimatland offensichtlichen Schaden bereiten.
Man darf als Privatperson gern Alice Weidel und ihre AfD dämonisieren und jeden aus seinem Leben ausschliessen, der das anders sieht. Aber als Journalist? Als Angehöriger der vierten Gewalt? Als jemand, der ausgewogen, objektiv und neutral in erster Linie die Leistung derer an der Macht kontrollieren müsste? Der Macht, zu der meines Wissens Alice Weidel und die AfD nicht gehören?
Statt der Frage nachzugehen, wie Deutschland von der einstigen Topplatzierung unter den Industrienationen nach und nach gegen unten gerutscht ist, fragen sich unsere Journalisten, wie man jemandem zuhören kann, der diesen Kurs kritisiert.
Faktisch begründbar ist das nicht. Sondern nur über Ideologie.
Wir wissen seit einigen Tagen mal wieder durch eine Studie erhärtet, was wir schon lange wussten: Über 75 Prozent der Journalisten in der Schweiz stufen sich selbst als links von der Mitte ein, während das nur auf einen Drittel der allgemeinen Bevölkerung zutrifft. Aber, und darauf legen die Befragten Wert, das hat natürlich keinerlei Aussagekraft bezüglich ihrer Arbeit. Sie ticken links, berichten aber völlig ergebnisoffen und ohne eine Seite zu bevorzugen. Ihr Weltbild hindert sie nicht an der korrekten Ausübung ihrer Tätigkeit.
Natürlich. Und Eisbären sind eigentlich Veganer. Man soll sich bitte nicht davon beirren lassen, dass sie gelegentlich Robben fressen. Es ist völlig anders, als es aussieht!
Mehr als 75 Prozent unserer Journalisten haben entschieden, dass ein deutscher Wirtschaftsminister, der die Definition von Insolvenz nicht kennt, einen grandiosen Job macht und eine überdurchschnittlich intelligente Frau wie Alice Weidel, die sich ihm entgegenstellt, des Teufels ist. Deshalb rennen diese Clowns dann herum und hinterfragen Leute, die sich Alice Weidel anhören.
Nicht, weil es politisch begründbar ist. Sondern weil sie ihre eigene Haltung nicht von ihrer Arbeit trennen können.
Das kann ich übrigens auch nicht. Nur mache ich es transparent.
Ich bin Journalist und stehe rechts der Mitte. Keine einzige Sekunde meiner beruflichen Laufbahn habe ich darüber nachgedacht, jemanden kritisch zu hinterfragen, der eine linke Veranstaltung besucht. Noch nie bin ich auf die Idee gekommen, jemanden zu kritisieren, weil er einem zuhört, dessen Meinung mir nicht passt.
Aber, und das ist ja das Humoristische an der Sache: Ich bin der Intolerante.
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