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Eine Gesellschaft im freien Fall

Wir sind daran, uns selbst zu zersetzen. Aber die Treiber dieser Entwicklung sind keine im Verborgenen wirkende Geheimgesellschaften. Sie tun es direkt vor unseren Augen.

«I have a feeling that you’re riding for some kind of terrible, terrible fall.»
(Aus «The Catcher in the Rye / Der Fänger im Roggen» von J.D. Salinger)

«1984», das grosse Werk von George Orwell, braucht ganz dringend einen Warnhinweis. Das Buch, publiziert 1948, räumt Frauen, insbesondere schwarzen, zu wenig Platz ein. Es transportiert veraltete Sichtweisen. Und Winston, der Hauptprotagonist, mag generell keine Frauen. Die jüngste englischsprachige Ausgabe des Werks über eine Dystopie musste daher mit einem entsprechenden Vorwort versehen werden. Damit der Leser gleich weiss, was da auf ihn wartet.

Das ist konsequent. Es macht Sinn. Ein Buch, das vor fast 80 Jahren praktisch im Originalmassstab die Gesellschaft prophezeit hat, auf die wir uns zubewegen, ist in der Tat brandgefährlich. Es könnte ja noch jemand Parallelen entdecken. Weil man es (noch) nicht verbieten kann, muss man es wenigstens brandmarken. Und wir sollten den Leuten dankbar sein, die diese Intervention veranlasst haben: Sie entlarven sich gleich selbst.

Wenn man verstehen möchte, wie punktgenau George Orwell vorweg genommen hat, was wir gerade erleben, der muss «1984» wieder einmal lesen. Hier einige Zitate, in Originalsprache, weil keine Übersetzung seinen Gedanken gerecht wird.

Denke nicht. Glaube uns alles. Lass uns Worte in ihr Gegenteil verkehren, die Wahrheit von gestern zur Lüge und die Lüge von gestern zur Wahrheit erklären. Gehorche.

«Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissen ist Stärke.»

Deutlicher und präziser kann man nicht beschreiben, was gerade geschieht.

Politiker, die tun, was sie wollen. Wissenschaftler, die sie dafür mit massgeschneiderten Resultaten ausstatten. Medien, die sie dabei unterstützen. Bücher und Liedtexte, die ausradiert oder angepasst werden. Zensur der sozialen Medien. Hausdurchsuchungen im Morgengrauen bei Kritikern der Regierung. Satire als Straftatbestand. Die «Korrektur» der Vergangenheit, um es wirken zu lassen, als wäre die «neue Wahrheit» schon immer die einzige gewesen. Ausgrenzung Andersdenkender. Meinung als Verbrechen.

Und nun gehen sie hin und warnen vor dem Mann, der uns gezeigt hat, was passiert, wenn wir das alles einfach zulassen.

Warum wohl?

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