Die Ostschweiz verkauft sich gern damit, dass sie zwar am Rand der Schweiz liegt, aber im Zentrum der Bodenseeregion. Also inmitten eines starken Wirtschaftsgebiet über Staatsgrenzen hinaus. Nur: Was nützt uns das aktuell, wenn wir von Ländern umgeben sind, in denen der Wahnsinn noch eine Spur mehr regiert als bei uns – und vor allem länger?

Im deutschen Bundestag scheint die allgemeine Impfpflicht nicht durchzudringen. Zu «verdanken» ist das nur der Tatsache, dass den Treibern dieser Massnahme aufgrund der aktuellen Lage im Gesundheitswesen nun wirklich alle Argumente ausgegangen sind. Aber einfach so davon abrücken kommt für Lauterbach und Co. nicht in Frage. Deshalb kursieren nun Ideen einer Impfpflicht ab 50 Jahren.

Österreich hatte die Impfpflicht für kurze Zeit in der Tat eingeführt, die Übung dann aber abgeblasen. Auch hier wurde es immer schwieriger, diesen massiven Eingriff in die persönliche Freiheit zu begründen. Vermutlich überwog letztlich bei der Regierung sogar die Erleichterung darüber. Man hatte schlicht keine Ahnung, wie man den zu erwartenden wahren Massen an «Impfverweigerern», die dann auch die entsprechende Busse ignorieren, hätte umgehen sollen. Alle in den Knast werfen?

Alles in allem kann man feststellen, dass unsere beiden Nachbarn, die uns – wenn auch auf unterschiedliche Weise – kulturell doch noch irgendwie nahestehen, in den letzten zwei Jahren noch massiver am Rad gedreht haben und immer noch drehen. In Deutschland sollen die bundesweiten Massnahmen zwar per 3. April beendet werden, und die Bundesländer sollen danach selbst schauen. Aber diese gehen angesichts dieser drohenden Verantwortung auf die Barrikaden und fordern, die Republik solle wieder das Zepter übernehmen und bitte, bitte noch einige Wochen dran hängen.

Warum? Darauf gibt es keine vernünftige Antwort. Wobei, Moment, doch: Die Fallzahlen! Dieser wertlose Wert wird in unserem Norden und Osten immer noch mit Ehrfurcht gezählt und hoch gewichtet. Immerhin in dieser Hinsicht verlief der Paradigmenwechsel Richtung wirklich relevante Gesundheitszahlen bei uns ein bisschen früher (aber immer noch viel zu spät).

Ich bin davon direkt betroffen. Ich wohne einen schönen Teil der Woche fünf Minuten von der Grenze zu Vorarlberg und betrachte dieses als meinen erweiterten Lebensraum. Nicht, weil ich günstig shoppen oder tanken gehen will, sondern weil ich die Leute und den Lebensgeist dort mag. Seit zwei Jahren war ich aber nicht mehr «drüben», und vermutlich geht es auch noch eine Weile. Inzwischen könnte ich zwar ohne Zertifikat eine Gaststube aufsuchen, müsste aber auf dem Weg zum Tisch und bei jedem Klogang inzwischen wieder – nach einer kurzen Vernunftswelle – eine FFP2-Maske tragen (und ich habe noch nie so ein Ding besessen). Es tut mir leid, aber ich kann mein Bier oder mein Schnitzel einfach nicht in der Atmosphäre totaler Absurdität geniessen. Und diese Auflage ist nichts anderes als das. Zwei Stunden auf dem Stuhl ohne Maske die Luft wegatmen, aber die drei Meter zur Bedürfniskabine verbreiten Tod und Verderben? Ich muss mir immer wieder vor Augen führen, dass es Leute gibt, die das wirklich glauben.

Aber klar, ich muss ja nicht über die Grenze. «Hier bei uns ist es doch auch schön», pflegte meine Grossmutter, Gott habe sie selig, zu sagen, wenn ich ihr von Auslandferien oder einem Städtetrip vorschwärmte. Natürlich ist es das. Aber es ist durchaus eine kulturelle Bereicherung, Zeit bei unseren Nachbarn zu verbringen. Beziehungsweise: es war eine. Inzwischen frage ich mich, ob ich es mir jemals wieder antun soll. Der einzelne Gastronom ist natürlich nicht schuld an der Misere, aber bei den Österreichern gilt dasselbe wie bei den Schweizern, einfach in einem grösseren Ausmass: Sie haben viel zu wenig dagegen getan.

Über die Regierungen und Parlamente in Deutschland und Österreich muss man sowieso kein Wort mehr verlieren. Aber auch die Beziehung zum ganz normalen Volk hat einen Dämpfer abbekommen. Das Duckmäusertum in Reinkultur. Wobei, eben: Wir sind die letzten, die denen das vorwerfen können.