Drei Jahre lang habe ich mich mit Gregor ausgetauscht. Das ist das Protokoll dieser Gespräche. Vieles davon dürfte einigen bekannt vorkommen. Achtung, langer Text.
Im Grunde hat Gregor mit Covid-19 nicht viel zu tun gehabt. Er hatte nie Corona, er ist ungeimpft, einen Test hat er nie gemacht, und nennenswert krank war er vor fünf Jahren letztmals. Vielleicht auch vor sechs, er hat nicht mitgezählt. Und doch hat die «Pandemie» sein Leben verändert.
Pandemie: Gregor spricht das Wort gedehnt und mit einem spöttischen Unterton aus, wann immer er es verwendet. Er tut das oft. Denn was geschehen ist, hält er zwar durchaus für eine Pandemie, aber nicht im allgemein verwendeten Sinn. «Es war eine Angstpandemie», sagt er an einer Stelle des Gesprächs.
Es ist nicht unser erstes, aber vermutlich unser letztes. Acht Mal haben wir uns in den vergangenen drei Jahren ausgetauscht, immer über Videotelefonie, nie persönlich. Ich kenne Gregors Gesicht, aber nicht seinen wirklichen Namen. Wobei es ihm dabei nicht um Anonymität gehe, wie er zu Beginn festgestellt hat. Aber sein Name sei unwichtig, weil seine Geschichte für so viele andere Schicksale stehe.
Im November 2020 wurde Gregor zum Chef der Logistikfirma gerufen, für die er in der Administration tätig ist. Das Gespräch war kurz, aber die Botschaft klar: Er solle sich mit Äusserungen in den sozialen Medien zurückhalten, ansonsten werde es schwierig werden mit dem Job hier. Gregor verstand zunächst gar nicht, was gemeint war. «Ich hatte nie das Gefühl, kontrovers unterwegs zu sein auf Facebook, Twitter und so weiter, ich war ja kaum aktiv dort, ich bin mehr der Leser als der Schreiber.»
Sein Chef konnte nachhelfen. Er hatte einige Postings ausgedruckt und schob sie während des Gesprächs über den Tisch. Ab Frühsommer 2020 hatte Gregor vereinzelt in kurzen Schnipseln Zweifel an dem geäussert, was seit Monaten passierte. Er hinterfragte die Massnahmen gegen Covid-19. Nicht unanständig, nicht besonders heftig, meist mehr fragend als anklagend. Immer, wenn ein grosser Schritt in der Coronapolitik erfolgte, liess sich Gregor verlauten. «Der Staat bekämpft Home Schooling aktiv und will das Bildungsmonopol, jetzt macht er die Schulen selbst einfach dicht?», schrieb er beispielsweise. Oder: «Einsames Sterben von alten Menschen rettet Leben. Ich lerne stets dazu.»
Die Beiträge gibt es längst nicht mehr. Nach der Unterredung mit seinem Vorgesetzten ging Gregor nach Hause und löschte sie. Selbst solche, die ihm noch harmloser erschienen als die zitierten. Er war verwirrt. «Was hat mein Job zu tun mit meinen kritischen Fragen an politischen Entscheidungen? Sind wir nicht alle neben Arbeitnehmern auch Bürger?»
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Probleme dieser Art hatte er zuvor nie gehabt. Er sei generell eher «überangepasst», ein braver Bürger, keiner, der am Stammtisch ausruft. Aber als so vieles in so kurzer Zeit geschah, als sich die Welt rund um ihn auf einen Schlag veränderte, sei etwas mit ihm passiert. «Einfach schweigen schien mir keine Option.»
Ironischerweise sei das Gespräch am Arbeitsplatz eine Art Weckruf gewesen. Bis zu diesem Tag hatte sich Gregor nicht vertieft mit dem Thema Corona auseinandergesetzt. Seine wenigen öffentlichen Beiträge waren eher einem Bauchgefühl entsprungen. Es war dieser Schuss vor den Bug, die subtile Drohung mit dem Jobverlust, der alles veränderte.
Gregor schrieb nichts mehr, aber er las. Er trat Telegram-Gruppen bei, abonnierte Youtube-Kanäle, surfte durch «alternative» Medien. Er verglich offizielle Verlautbarungen mit den kritischen Einwänden dagegen. Die Folge war seine «Schlüsselerkenntnis», wie er es selber nennt. Das war in unserem zweiten Gespräch, und er bittet mich erstmals ausdrücklich, nun mitzuschreiben.
«Das Muster war immer derselbe. Die Zeitungen lieferten scheinbar absolute Wahrheiten. So gross ist die Gefahr. Das passiert, wenn man jetzt nicht X oder Y tut. Die Impfung schützt uns alle. Wer sie nicht nimmt, tötet andere. Wer sie hinterfragt, verlängert die Pandemie. Die Wissenschaft sagt. DIE Wissenschaft sagt. Wer etwas anderes behauptet, lügt, hört nicht auf sie.»
Er habe damals beschlossen, künftig weder nur auf die einen noch nur auf die anderen zu hören. Dass es ausschliesslich eine Wahrheit, nur Schwarz und Weiss geben soll, sei ihm immer zuwider gewesen, verschiedene Quellen zu konsultieren war für ihn stets eine Selbstverständlichkeit. Er habe erstaunt zur Kenntnis genommen, dass es ihn nun plötzlich zum «Schwurbler» mache, wenn er sich möglichst breit informiere.
Gregor wollte einst selbst in die Wissenschaft. Er hat ursprünglich die Matura absolviert und interessierte sich für Biochemie, für die Zusammenhänge des Lebens. Im Zwischenjahr, das er danach einlegte, starb sein Vater, zu dem er eine enge Beziehung gehabt hatte. «Das brachte mich aus dem Tritt, und ich zögerte das Studium hinaus. Als mir klar wurde, dass ich immer mehr Zeit verliere, habe ich das KV gemacht. Einfach, um wieder eine Struktur zu haben.»
Ende 2020 erwachte das Interesse an der Wissenschaft wieder. Gregor las sich durch unzählige Studien, verglich die Resultate, vergrub sich in Statistiken. Er habe nicht die Illusion gehabt, dadurch mehr zu wissen als andere, «aber es hat mir geholfen, Behauptungen und Wirklichkeit miteinander in Relation zu setzen.»
Seine weitere «Schlüsselerkenntnis» fasst Gregor zwischen zwei Gesprächen in einem langen E-Mail an mich so zusammen:
«Es war von Anfang an eine Zahlenorgie. So und so viele Ansteckungen, so und so viele positive Tests, so und so viele Erkrankungen, so und so viele Hospitalisationen. Der Kontext wurde dabei immer ausgeblendet. Wurden jemals in der Geschichte flächendeckend Menschen auf das Grippevirus getestet und das Resultat panisch publiziert? Wie beeinflussen die Massnahmen diese Zahlen? Es ging nie darum, ein realistisches Bild der Situation zu erhalten, sondern immer um Superlative. Jede Zeitung wollte einen noch höheren Wert liefern als die andere. Ich habe weder das Virus noch eine mögliche Erkrankung je angezweifelt. Aber warum musste es so verzweifelt immer mehr sein? Normalerweise reagiert die Politik, wenn sich eine Lage zuspitzt. Jetzt, das war jedenfalls mein Eindruck, wurde die Lage künstlich zugespitzt, um eine bestimmte Politik auszulösen.»
Diese Beobachtung war es, die in ihm die Überzeugung auslöste: Das Virus, mit dem wir es zu tun hatten, war das Virus der Angst, «die Pandemie war eine Angstpandemie», wie er es nennt. Darüber diskutierte Gregor inzwischen aber nicht mehr in öffentlichen Beiträgen in den sozialen Medien, sondern in geschlossenen Gruppen oder Foren. Längst nicht alles, was ihm dort begegnete, teilte er inhaltlich. «Es gibt Deppen auf beiden Seiten», sagt Gregor. Aber es gab ihm Halt, dass er nicht er einzige war, der Fragen hatte.
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Die Tonalität unserer Gespräche, zwischen denen oft viele Wochen liegen, verändert sich mit der Zeit. Zu Beginn hatte sich Gregor für seine Zweifel gelegentlich fast entschuldigt und sie oft verhüllt in viele Fragen geäussert. Im Lauf des Jahres 2022 und endgültig 2023 wird er selbstsicherer. Immer mehr seiner Kritikpunkte bestätigen sich, reihenweise werden Behauptungen, die er in Frage gestellt hatte, durch Enthüllungen oder offizielle Verlautbarungen widerlegt.
Im Frühling 2023 tritt Gregor eine neue Stelle in einer kleinen Treuhandfirma an. An seinem letzten Arbeitstag am alten Ort legt er seinem Vorgesetzten einen Stapel Dokumente auf den Tisch. Auszüge aus Studien, ein Vorher-Nachher der Medienberichterstattung, Eingeständnisse offizieller Stellen bezüglich Sinnhaftigkeit der Massnahmen, Enthüllungen über die Wirksamkeit der Impfung. Die Papiere stammen nicht aus seinen «Schwurbler-Gruppen», sondern aus Mainstreammedien, und sie belegen aus seiner Sicht, dass er mit seinen Äusserungen, die ihn einst fast den Job gekostet hätten, von Anfang an richtig lag.
«Es war ein symbolischer Akt, ich hatte nicht die Illusion, dass mein Chef das alles liest. Und selbst wenn, er hätte nie zugegeben, dass ich im Recht war. Beziehungsweise, es hätte keinen Unterschied gemacht. Es ging ja nie um die Frage, wer recht hat. Aus Sicht meiner einstigen Firma wäre damals sogar die Wahrheit geschäftsschädigend gewesen, weil es einfach Dinge gab, die man nicht sagen durfte. Und wann immer man das feststellt, ist klar: Da stimmt etwas nicht.»
Was in dieser Zeit in seinem privaten Umfeld lief, mag Gregor nicht erörtern. Vor Weihnachten 2022 erwähnt er einmal kurz, dass er sich auf «Festtage in Ruhe nur mit mir selbst» freue. Ich vermute, dass es Zerwürfnisse gegeben hat in seiner Familie oder im Freundeskreis, frage aber nicht nach.
In unserem vorerst letzten Gespräch liefert mir Gregor eine seltsame Mischung aus Ernüchterung und Optimismus. Er habe sich inzwischen zurückgezogen aus den verschiedenen Kanälen, lese kaum mehr etwas zu Covid-19 und diskutiere auch nicht mehr.
«Mir käme das dämlich vor. Es liegt ja längst alles öffentlich auf dem Tisch. Was aktuell über die Impfung bekannt wird, ist das, was ich und viele andere schon vor drei Jahren gesagt und geschrieben haben. Auslösen tut es rein gar nichts. Wer es schon immer gewusst hat, fühlt sich bestätigt, wer es damals nicht wissen wollte, will es jetzt erst recht nicht wissen.»
Auch meine Texte lese er nicht mehr, sagt Gregor zum Schluss. Es sei nur noch ein «Anrennen gegen Windmühlen». Für ihn gibt es keine Zweifel, dass bei einer Neuauflage dieses Szenarios oder eines ähnlichen alles wieder genau so ablaufen würde.
«Das fand ich immer faszinierend absurd. Sie sprachen von der Wissenschaft, von der einzig wahren Wissenschaft, aber sie haben die Angst als Helfer gebraucht. Ohne Fake-Bilder aus China und Italien, ohne statistische Verzerrungen wären sie nie so weit gekommen. Das alles lässt sich problemlos reproduzieren, solange die Medien mitspielen. Und das werden sie wieder tun. Wer die Wahrheit auf seiner Seite hat, muss doch nicht lügen?»
Inzwischen hat Gregor auch seinen neuen Job gekündigt. Dieses Mal nicht, weil er durch seine Kritik unter die Räder gekommen wäre. Er wird im Frühjahr als Pilger den Jakobsweg unter die Füsse nehmen. Das sei ihm schon fast peinlich, sagt er, es klinge irgendwie esoterisch. Aber er glaube, dass er nur so zur Ruhe kommen könne. «Weit weg vom Wahnsinn», sagt Gregor. Sein Smartphone werde er zuhause lassen.
Denn die Pandemie der Angst überwinde man nur, wenn man nichts mehr lese, höre, schaue.
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Symbolbild: Pixabay
