Es ist ja das eine, zwei Jahre lang völlig unkritisch nachzubeten, was Regierung und Behörden erzählen. Aber wie sich viele Zeitungen verzweifelt dagegen stemmen, die klare Beruhigung der Lage zu kommunizieren, ist nur noch dreist.

Nein, es sind nicht mal «Blick» und «20 Minuten», die sich in dieser Disziplin besonders hervortun. Einsamer Spitzenreiter sind die Blätter von CH Media, dem Verlag, der Regionalzeitungen wie das St.Galler Tagblatt, die Aargauer Zeitung oder die Luzerner Zeitung herausgibt. Dort ist die Bewirtschaftung der Angst sogar Chefsache: Patrik Müller, Chefredaktor der Zentralredaktion von CH Media, greift besonders gern in die Tasten, wenn es darum geht. Wie im jüngsten Beitrag, wo er sich als einer von zwei Autoren heftig ins Zeug legt, damit Omikron nicht mehr länger als «Grippe» bezeichnet wird.

Nun ist es ja durchaus Aufgabe der Medien, aktuelle Entwicklungen zu hinterfragen (oder wäre es, besonders motiviert waren in jüngster Zeit ja die wenigsten). Es spricht auch nichts dagegen, die Frage zu stellen, ob bestimmte Begriffe angemessen oder richtig sind oder eben nicht. Man darf auch finden, das Wort «Grippe» werde der Variante Omikron nicht gerecht. Nur fällt auf, dass bei CH Media alles, was nach weniger schlimm, ungefährlicher klingt, sofort reflexartig in Abrede gestellt wird. Keine Probleme mehr mit dem Platz in den Intensivstationen? Das kommt noch. Kaum mehr Handhabe für die aktuellen Massnahmen und das Zertifikat? Viel zu früh, damit aufzuhören. Schlag auf Schlag bemühen sich die Redaktionen, bloss keine Entspannung aufkommen zu lassen.

Das kann verschiedene Gründe haben.

Erste Möglichkeit: Die bewussten Journalisten glauben wirklich an eine unverändert hohe Gefahr. Dann tun sie das wider besseres Wissen beziehungsweise wider ein Wissen, das sie haben könnten. Gerade haben Forscher der Empa eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass das Gesundheitssystem in der Schweiz nicht vor dem Kollaps steht, selbst wenn die Lage schlimmer würde, als sie aktuell ist. Dass Omikron zu weniger starken Verläufen führt, ist bekannt. Wenn Virologen nun sagen, das könne man noch nicht beurteilen nach zwei Monaten, dann muss man sich fragen, warum sie dann früher immer schon Stunden nach Bekanntwerden einer neuen Variante immer gleich «wussten», dass diese sicher brandgefährlich sein muss.

Zweite Möglichkeit: Die Redaktionen handeln nach dem guten alten Motto, dass nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind. Man verkauft keine Zeitungen, indem man den Leuten erklärt, dass es immer besser wird.

Dritte Möglichkeit: Der Erkenntnis, dass sich die Lage beruhigt, müsste zwingend irgendwann auch die Betrachtung darüber folgen, ob sie jemals so drastisch war wie behauptet. Erst dann, wenn nicht mehr alle am Rad drehen, kehrt die Ruhe ein, die diese Aufarbeitung möglich macht. Das will eine Zeitung nicht, die monatelang die Panik bewirtschaftet hat. Grösse hat die deutsche «Bild» gezeigt, die sich öffentlich dafür entschuldigt hat, jede noch so zweifelhafte Zahl und jede Angstmacherschlagzeile der Behörden brav kolportiert zu haben. Gut denkbar also, dass man uns so lange wie möglich atemlos halten will, um nicht konfrontiert zu werden mit der Frage, was in den letzten zwei Jahren eigentlich geschehen ist.

Die erwähnten Zeitungen pflegen eine Art Zweckpessimismus. Sie stellen das Glas permanent als halb leer dar. Offenbar verstehen sie das unter verantwortungsvollem Handeln, sie glauben, die Leute damit zu schützen, indem sie sie vor «schädlichem» Verhalten bewahren. Wenn sich aber zeigt, dass dieses Verhalten gar nicht schädlich ist, hat dieser Zweckpessimismus gesellschaftliche und wirtschaftliche Schäden verursacht, inklusive Spaltung der Gesellschaft. Höchste Zeit, dass das aufhört.