Irrsinn wird irgendwann sichtbar. Zunächst für einige, dann für mehr, schliesslich für viele. Das Restaurant «Walliserkanne» wird zum Kumulationspunkt der Erkenntnise. Eine Politik, die sich selbst längst ad absurdum geführt hat, muss zu Beton greifen. Eine Verzweiflungstat, die deutlich macht: Es geht nicht um Gesundheit, es geht um Macht.

Ich bin gemäss Herkunft und Bürgerort Walliser, und nicht immer macht mich meine Heimat stolz. Wenn sie sich darin überschlägt, den bösen Wolf möglichst früh und oft abknallen zu wollen beispielsweise. Aber man darf nicht vergessen: Zermatt ist nur bedingt Wallis. Etwa so, wie New York City recht wenig mit den USA zu tun hat. Es sind zwei Welten in einer.

Die Walliser an sich sind eine besondere Gattung. Sperrig, dickköpfig, mit einem gesunden Misstrauen in Obrigkeiten ausgestattet. Ähnlich wie die Innerrhoder, seit 16 Jahren meine Wahlheimat, vermutlich eben doch nicht zufällig. Blinder Gehorsam ist den Bergvölkern meist unbekannt. Da fühle ich mich durchaus wohl.

Was natürlich nicht für die Leute gilt, die für die Obrigkeit arbeiten. Die funktionieren wie überall. Schön daran zu erkennen, wenn sich Polizisten zu Steineschleppern machen und den Zugang zu einem Restaurant mit Betonblöcken versperren. Um das «Recht» durchzusetzen.

Was Sie dabei übersehen: Sie haben Symbole für das pure Unrecht vor dem Restaurant deponiert. Was den Kritikern des Unrechts nur nützen kann. Jedenfalls langfristig.

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Die Gastronomie ist keine besonders mutige Branche. Verständlicherweise. Viele Beizer kämpfen eigentlich permanent um ihr Überleben, auch ausserhalb von Corona. Tiefe Margen, eine mühsame Personalsuche, sehr viel Regulierung, laufende Anpassung an neue Vorgaben wie seinerzeit beispielsweise das Rauchverbot: Das nützt ab. Da bleibt nicht viel Zeit und Kraft für zivilen Ungehorsam.

Im vergangenen Jahr kursierte das Gerücht, quer durch die ganze Schweiz würden sich unzählige Gastrobetriebe dem erneuten Lockdown verweigern und kurzerhand die Türen öffnen. Es gab Webseiten, in die man sich eintragen konnte, Aufrufe, Telegramgruppen und so weiter. Passiert ist so gut wie nichts. Denn jede Beiz musste damit rechnen, von den anderen im Stich gelassen zu werden und so ein einfaches Ziel für Kontrollen und eine Busse von 10’000 Franken zu sein. Das wollte niemand riskieren. Wäre es flächendeckend passiert, hätte es funktionieren können, so nicht.

Nun geht es um die Zertifikatspflicht, und da gab es nicht mal mehr theoretische Pläne, sie im grossen Stil zu verweigern. Selbst die kritischsten Geister unter den Gastronomen wollen nun den QR-Code sehen.

Ausser die Betreiber der «Walliserkanne» in Zermatt. Nicht etwa heimlich, sondern laut angekündigt wollen sie allen den Zutritt gewähren. Die Folge war eine Kaskade von Polizeibesuchen, Schliessungen, Wiedereröffnung, Versiegelung, Wiedereröffnung. Und nun hat der Staat Betonblöcke vor dem Eingang deponiert, um klar zu signalisieren: Da geht keiner rein. Kurz danach waren die Dinger zur Freiluftbar umfunktioniert. Und natürlich gingen weiterhin Leute rein. Die Betonblöcke der Polizei treffen auf Köpfe, die durch die Wand wollen, die zwei Brüder, die die «Walliserkanne» betreiben.

Die Geschichte geht seit zwei oder drei Tagen durchs Land. Für die meisten Zeitungen ist sie Gold wert, weil es um einen Konflikt geht, weil sie tolle Bilder liefert. Ginge es nicht um Corona, könnten die Beizer vielleicht sogar mediale Sympathie geniessen. David gegen Goliath kommt immer gut. So aber werden die Brüder werden als renitente Zeitgenossen porträtiert, die die Ordnungskräfte an der Nase herumführen und, zwischen den Zeilen, als Gefahr für die öffentliche Gesundheit.

Dabei geben sie ja nur dem Irrsinn und der Willkür ein Gesicht. Im ÖV im dichtesten Gedränge, aber ohne Zertifikat, und der leicht zu ordnende Innenraum einer Beiz, in der jede sinnvolle Schutzmassnahme umgesetzt werden könnte, betonsicher abgeriegelt; Grossveranstaltungen, an denen sich Geimpfte förmlich aneinander reiben, obschon sie bekanntlich weiterhin ansteckend sein können: Einem Kind könnte man das nicht erklären. Kinder bemerken Unsinn.

Es gibt inzwischen reihenweise erfahrene Juristen mit gutem Namen, die die Zertifikatspflicht als verfassungswidrig bezeichnen. Und das gleich aus einer Reihe von Gründen. Die Massnahme ist diskriminierend, sie ist unverhältnismässig, es fehlt die rechtliche Grundlage. Aber 2021 schert sich niemand mehr um solche Dinge. Wenn zwei Brüder aus Zermatt den Staat daran erinnern müssen, dass er keine Handhabe hat für das, was er gerade tut und dann als Konsequenz vor Betonblöcken vor ihrem Restaurant stehen, dann müssen wir dringend aufhören, mit dem Finger auf südamerikanische oder afrikanische Willkürstaaten zu zeigen. Dann haben wir diese Methoden erfolgreich adaptiert.

Vermutlich merken das selbst die Leute, die es tun, allmählich. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie es bei Siegeln und Beton belassen und relativ hilflos dabei zuschauen, wie diese Massnahmen übergangen werden, verbunden mit viel Spott. Dass die Brüder nicht schon hinter Schloss und Riegel sitzen und die «Walliserkanne» noch nicht von Leuten in Kampfmontur gegen Gäste geschützt wird, ist ein sanftes Indiz dafür, dass es einigen derer, die das «Recht» durchsetzen sollen, selbst nicht mehr wohl ist. Sie gehen nicht bis zum Äussersten, obwohl die andere Seite genau das tut.

Vielleicht, weil einfach zu viel geschehen ist in den letzten Wochen. Man kann mal einen harmlosen älteren Herrn an einer Demonstration in schierer Übermacht zu Boden knüppeln. Man kann mal das Bundeshaus vor friedlichen Menschen schützen, als wären wir im Krieg. Man kann mal Leute willkürlich aus Städten verweisen, weil sie ihr Demonstrationsrecht wahrgenommen haben. Aber wenn diese Dinge kumulieren und in Form von Bildern und Videos verbreitet werden, verdichtet sich ein Bild, das früher oder später immer grösser, immer mächtiger wird. Das immer mehr in Bewegung setzen kann.

Wenn die Leute, die das angeordnet haben, nicht völlig den Bezug zur Realität verloren haben, müssen sie selbst spätestens beim Anblick der Betonblöcke zumindest leise zu sich selbst sagen: «Was zur Hölle tun wir hier eigentlich?» Sie müssten bemerken, dass sie zum Spielball einer Politik geworden sind, die jede Verhältnismässigkeit verloren hat und der für ihre Handlungen längst jede Rechtfertigung fehlt. Dass sie sich auf dünnem Eis bewegen. Juristisch, gesellschaftlich, menschlich.

Grosse, schwere Betonblöcke auf dünnem Eis, ausgerechnet in einem Dorf, das man auf der ganzen Welt kennt und das für Friede, Freude, Eierkuchen und mit dem Matterhorn für eines der Wahrzeichen unseres Landes steht: Vielleicht ist es das, was den Apparat zum Einsturz bringt.

Die Betreiber der «Walliserkanne» tun eigentlich etwas sehr Simples. Sie sagen, dass sie keine Verordnung durchsetzen werden, die keinerlei Berechtigung hat, die keinerlei Sinn macht, die nur dazu dient, Menschen zu spalten und zu gängeln. Das ist eine sehr gesunde Reaktion. Sie kommt derzeit vermutlich in so manchem Beizer auf, aber keiner der anderen macht daraus eine Handlung. Das ist nicht die Schuld der Brüder aus Zermatt. Sie werden unverhofft zu Bannerträgern gegen eine verfehlte Politik, und vermutlich bezahlen sie dafür irgendwann einen hohen Preis, weil sie am kürzeren Hebel sitzen. Aber die Bilder, die sie provoziert haben, ziehen Kreise. Und die könnten sich durchaus auswirken.

Zum Beispiel Ende November.