Achtung, sehr wichtig, bitte merken. Wenn es um die Impfung geht, sind mögliche Langzeitfolgen nur ein doofes «Totschlagargument», und es gibt sie natürlich nicht. Wenn es um eine Coronaerkrankung geht, sind Langzeitfolgen hingegen sehr real und böse, böse, böse und sprechen für die Impfung. Macht Sinn, oder? Ich stelle vor: Doc Caro – die Notfallärztin, der die Leichtgläubigen vertrauen.
Ich gebe es ja zu: Ich habe Hochachtung vor Leuten, die ihr Talent gewinnbringend vermarkten. Ich sehe darin auch nichts Schlimmes. Man muss arbeiten mit dem, was man hat.
Was hat Frau Doktor Carola Holzner? Einen Doktortitel, ein einprägsames Gesicht, eine poppige Kurzhaarfrisur und viele Tattoos auf den Armen. Disclaimer: Ich hätte diese äusserlichen Merkmale auch bei einem Doktor Karl Holzner aufgeführt. Sie sind wichtig, denn die Frau ist inzwischen ein Produkt, und das verkauft sich auch durch die Erscheinung. Ihre Mischung kann man medial verkaufen.
Und das tut sie selbst sehr gut. Sie präsentiert sich als «Doc Caro» in den sozialen Medien als Stimme des Wissens und der Wissenschaft und will dieses Wissen niederschwellig präsentieren.
Corona hat der Dame einen Schub verliehen. Sie spielt im Panikorchester eine der ersten Geigen. Alles ist ganz furchtbar, das Gesundheitssystem am Anschlag, Impfung als goldener Weg aus der Krise, pipapo, im Westen nichts Neues. Man muss es nicht lesen, weil es uns sowieso jeden Tag um die Ohren geschlagen wird.
Liest man es aber doch mal, taucht sofort die Frage auf: Ist Doc Caro allenfalls eine Art Hirschhausen, also eine medizinische Fachperson, die gleichzeitig Kabarett macht? Denn was da steht, kann sie nicht ernst meinen. Bitte, bitte nicht.
In einem ihrer letzten Beiträge geht Doc Caro auf Joshua Kimmich ein. Das ist der deutsche Fussballer, der – what! – nicht geimpft ist. Deshalb könnte er im Moment einen vierfachen Hattrick erzielen und dennoch keine positiven Schlagzeilen generieren. Er ist eine Unperson. «Was erlaube Kimmich!» könnte man in Trappatoni-Manier sagen.
Doc Caro möchte den Fussballer nicht kritisieren, das sei natürlich seine eigene Entscheidung, auch wenn sie diese absolut nicht nachvollziehen könne. (Übersetzung: «Natürlich kannst du tun, was du willst, aber du bist ein Volltrottel.»).Sie regt sich aber vor allem über Kimmichs Begründungen für seinen Entscheid auf. Er führt «fehlende Langzeitstudien» für die Impfung ins Feld und spricht auch mögliche Langzeitfolgen an. Für Frau Holzner völlige Fehlinformationen, die aus dem Mund eines Vorbilds aus dem Sport verheerende Auswirkungen haben.
Vor allem die «Langzeitfolgen» ärgern Doc Caro. Der Begriff diene «oft einfach als Universalausrede und ‚Totschlagargument‘, und das sogar fälschlicherweise». So quasi: Wie kann man nur zu diesem frühen Zeitpunkt von möglichen Langzeitfolgen plappern! Die Impfung gibt es ja noch nicht so lange.
Umgekehrt gilt das aber natürlich nicht. Geht es um Corona und «Long Covid», dann sind Langzeitfolgen keine «Universalausrede», sondern ganz furchtbar schlimm, Long Covid sei «wissenschaftlich tausendfach untersucht worden.» Das mag sein. Vermutlich in erster Linie, weil man das ganz dringend untersuchen wollte, um zu demonstrieren, wie schlimm es ist. Dieser Ehrgeiz fehlt der «offiziellen» Medizin bei der Impfung, niemand hat das Bedürfnis, allfällige Probleme des Impfstoffs aufzudecken. Long Covid hingegen muss einfach ein Schlager werden. Deshalb hat man schon wenige Monate nach Auftauchen des Virus davon gesprochen, und wer ein paar Wochen nach Erkrankung niest, wird nie wieder ein gutes Leben haben.
Fassen wir zusammen: Das Wort Langzeitfolgen als Argument gegen die Impfung geht nicht, weil das Wort Langzeitfolgen «eine Universalausrede» ist. Das Wort Langzeitfolgen durch die Coronaerkrankung als Argument für die Impfung hingegen ist ein sachliches, in sich total stimmiges Argument. Dasselbe Wort. Einmal geht es gar nicht, einmal ist es absolut zentral.
Das klingt ein bisschen, nun, absurd. Aber ich bin ja kein «Doc Milli» oder so, ich habe keinerlei Titel und bin vermutlich einfach zu doof, um zu begreifen, dass diese Dinge nicht vergleichbar sind. Gut also, dass die Frau Doktor gleich ein Beispiel dafür gibt, warum es bei der Impfung keine Langzeitfolgen gibt:
«Studien zeigen, dass die Narkolepsie in Zusammenhang mit der H1N1-Impfung nicht eine Spätfolge war, sondern eine Impfnebenwirkung, die verspätet auffiel.»
Gut, das ist nun Hirschhausen im Quadrat. Annahme: Sie lassen sich impfen, einige Wochen oder Monate später leiden Sie unter Narkolepsie, aber das ist dann keine Langzeitfolge, nein, sorry, wir haben es einfach nur sehr viel später gemerkt! Das ist praktisch. Man muss nach einer Impfung einfach möglichst lange nicht genau hinschauen, dann wird man auch keine Spätfolgen entdecken. Treten sie auf, dann sind sie nur ganz normale Nebenerscheinungen, die man zuvor übersehen hat. So einfach macht sich nicht einmal Pippi Langstrumpf die Welt.
Aber: Wenn Sie hingegen an Corona erkranken und fünf Wochen später beim Treppensteigen noch ein bisschen schwer atmen, dann ist das «Long Covid», und wie! Nicht etwa einfach das Nachhallen einer Lungenerkrankung, wie sie ganz einfach üblich ist, weil der Körper ein Weilchen braucht, um sich zu erholen.
Es gab noch nie eine Zeit, in der man den gesunden Menschenverstand derart offensichtlich mit den Füssen treten durfte, ohne dafür an die Kasse zu kommen.
Der Hintergrund ist aber ein ernsthafter. Kaum ein Mensch kannte «Doc Caro» vor Corona. Nun schreibt sie Bücher und sitzt in Talkshows, und vermutlich verbringt sie mehr Zeit vor der Kamera als mit Patienten. Und sie scheint es zu lieben. Damit ist sie in einer Spirale angekommen: Sie muss dauernd nachliefern, und das möglichst kernig. Damit ihr weiterhin Leute zuhören, muss sie die Paniktrommel wuchtig schlagen. Logik stört da nur.
Carola Holzner hat sich in der Lauterbach-Skala ziemlich weit nach oben geschoben, wenn sie dort bleiben will, darf sie nicht nachlassen.
