Mannheim. Die Inflation eines Einzelfalls.

Der Islamismus bedroht die Werte des Westens. Das sollte uns aber nicht weiter beunruhigen, da wir diese Werte schon zuvor selbst in die Tonne getreten haben. Was bitte haben wir denn noch zu verlieren?

Beliebigkeit. Vielleicht ist es dieses Wort, nach dem ich nun eine gute halbe Stunde gesucht habe, bevor ich in die Tasten greifen konnte.

Alles ist bei uns zur Beliebigkeit verkommen. Die Geschlechter, die Sprache, die Beurteilung von Ereignissen. Es gibt keine Massstäbe mehr. Es ist nicht so, dass es heute kein Richtig und kein Falsch mehr gäbe. Im Gegenteil. Die Beliebigkeit, meinetwegen auch der Zeitgeist oder die Angst, auf Widerstand zu stossen, definiert, was geht und was nicht. Rational nicht begründbar, aber in Stein gemeisselt. Beliebigkeit heisst nicht, dass alles egal ist. Sondern dass wir nicht mehr wissen, warum etwas egal sein soll und das andere nicht.

Wir hatten diese Form der Beliebigkeit schon einmal. Damals, als uns ein altes Buch, zusammengetragen von diversen Autoren, vorschrieb, dass wir am Freitag kein Fleisch essen dürfen, dass die Frau dem Mann untertan ist, dass Schlangen im Zweifelsfall sprechen können und sich Meere durchaus teilen lassen. Wir hatten diese beliebige Definition der Realität bereits überwunden, Kant sei Dank, und stürzen uns nun in eine neue.

Nichts gilt mehr. Nicht die Naturgesetze, nicht die Biologie, nicht die Erkenntnisse der Aufklärung. Alles ist zur Verhandlungssache verkommen. Wir können über alles sprechen. Und Gewinner ist, wer bei X lauter schreit.

Deshalb ist es kein Wunder, dass ein Bart und ein Messer freie Bahn haben, wenn sie sich auf die Restanzen dessen stürzen, was wir einst für unverhandelbar hielten. Die Attacke von Mannheim ist so schockierend wie überraschungsfrei. Hat jemand ernsthaft gedacht, man könne diejenigen zu sich nach Hause einladen, deren erklärtes Ziel die Auslöschung von allem ist, das uns ausmacht, das Schutzschild zur Seite legen, erklären, dass man demütig auf alles wartet, was nun geschehen mag – und dann nichts geschieht?

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Wir machen es den Feinden von Demokratie, Gleichstellung, Meinungsfreiheit und Toleranz furchtbar einfach. Weil wir beliebig geworden sind. Wir tragen diese Begriffe zwar noch vor uns her wie einen Orden, aber sie sind bedeutungslos geworden.

Wir gehen auf die Strasse, um die Demokratie vor «rechts» zu schützen und überlassen gleichzeitig ganze Stadtteile ihren Gegnern. Wir zelebrieren feministische Feiertage und feiern gleichzeitig Leute, die ihre Frauen mit Ganzkörperanzügen verhüllen. Wir formen Gesetze zur Einschränkung der Meinungsfreiheit, um das zu verbieten, was wir nicht hören wollen und lassen gleichzeitig dem absolut Unsagbaren das freie Wort. Wir fordern die Akzeptanz für ein paar Dutzend Geschlechter und betreiben gleichzeitig eine Willkommenskultur für Kulturkreise, die Toleranz für ein Schimpfwort halten.

Und wenn das alles ausbricht in der Form eines toten Polizisten und mehrerer Verletzter, dann hat laut Politik und Medien eben ein Einzelner über die Stränge geschlagen. Gut. Aber man soll mir kurz verraten: Wie nennt man es eigentlich, wenn sich Einzelfälle zu einer nicht enden wollenden Kette von Einzelfällen zusammenfügen?

Vielleicht kann man es dereinst im Nachhinein als faszinierende Beobachtung werten, diesem gelebten Irrsinn in Echtzeit zuschauen zu können. In der Gegenwart bleibt einem aber der Atem weg.

Nun kursiert ein Chaos der Begriffe. Islam, politischer Islam, Islamismus. Das eine geht, das andere nicht, das eine geht, wenn X, das andere nur, wenn Y. Wie gesagt: Beliebigkeit. Das Ziel des Anschlags von Mannheim, Michael Stürzenberger, spricht selbst vom Krankenhausbett weiter brav vom «politischen Islam», den er bekämpfe, natürlich sei nicht die Religion gemeint.

Ich verstehe die Vorsicht. Nur dass eben die Religion an sich schon allem widerspricht, was uns wichtig ist, und der Grat zu einem «politischen Islam» oder dem Islamismus ist für uns Unwissende höchstens ein kleiner Punkt am Horizont. Woher bitte soll jemand wissen können, ob einer, der sich in den Koran vergräbt, nur friedlich beten oder allenfalls etwas anderes möchte? Und wenn er es zu ahnen beginnt, kann es bereits zu spät sein.

Ein Trupp alter Männer mit Rollatoren und ein paar verrosteten Armbrüsten wird in Deutschland in einem «Jahrhundertprozess» vor Gericht gestellt, weil sie angeblich als «Reichsbürger» die Republik stürzen wollten. Was für ein Geschenk für einen tötungsbereiten Muslim, der unbeachtet gleichzeitig sein Messer wetzen kann.

Aber was will man in einem Land wie Deutschland erwarten, in dem der Verfassungsschutz seine gesamte Energie darauf verwendet, abzuklären, ob jemand nur vielleicht oder aber «gesichert» rechtsextremistisch ist? In einem Land, dessen Regierung vom eigenen Versagen durch das Aufbauen eines fiktiven Demokratiefeinds ablenkt, während die wahren Totengräber der Demokratie seit Merkel offene Türen haben?

Der Täter von Mannheim fiel vor der Messerstecherei nie polizeilich auf, und seine Radikalisierung verlief unter dem Radar. Das kann es geben. Eine liberale Gesellschaft kann nicht Millionen von Menschen unter Generalverdacht stellen und andauernd überwachen. Seltsam wird es nur, wenn genau das mit Menschen geschieht, die sich offen politisch engagieren und sich demokratischen Wahlen stellen. Nur weil sie es wagen, Kritik an der amtierenden Regierung zu äussern.

Es gibt eine schnurgerade Linie zwischen der Geschlechterdebatte, der Gendersprache, der Diskussion über kulturelle Aneignung, der Queer-Vergötterung und den aktuellen Gewaltauswüchsen. Damit ist nicht gemeint, dass das eine das andere verursacht. Sondern dass eine Gesellschaft, die sich der totalen Beliebigkeit ausliefert, die ihre Werte über Bord wirft, die anderen Kulturen signalisiert, dass für uns nichts zählt, zum Freiwild wird. Wie sollen wir beispielsweise die Meinungsfreiheit gegen eine Kultur verteidigen, die diese als schädlich empfindet, wenn wir sie selbst einschränken?

Wir flehen seit Jahren förmlich um Mannheim. Wir bitten förmlich darum, man möge uns den Todesstoss geben. Wir signalisieren seit langem, dass unsere Art des Lebens, dass unsere Gesellschaftsform nichts wert ist. Und wundern uns dann, wenn Leute, die das alles ablehnen, zutiefst davon überzeugt sind, dass sie es bekämpfen dürfen. Man hat sie ja hergeholt, man lässt sie ja machen, man schützt sie ja – warum denn bitte verzichten?

Naiv war gestern. Wir sind schon längst blind und taub. Und schweigen? Das tun wir sowieso.

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