Erinnerungen an den Jahrmarkt

Mein mit Abstand reichweitenstärkster Artikel wird sich im Herbst zum vierten Mal jähren. Für mich hat er seine Gültigkeit bewahrt. Für andere ist er «zum Kotzen».

Am Sonntag, dem 10. Oktober 2021 explodierte meine Mailbox. Zeitgleich mit den Nachrichten in den Messenger-Diensten. Und temporär, ich gebe es zu, auch der Zahlungseingang bei Twint. Knapp 30 Jahre nach meinem Start in diesen Beruf hatte ich den einen Artikel publiziert, der so viele Leser fand wie keiner vor ihm – und keiner danach.

Ich habe das Erinnerungsvermögen eines älteren Herrn, dem man zudem dauernd neue Informationen einführt, die ich mir merken soll, deshalb hatte ich den bewussten Text inzwischen längst vergessen. Bis ich in den letzten zwei Wochen an drei verschiedenen Veranstaltungen von drei verschiedenen Menschen daran erinnert wurde. Deshalb habe ich den Blogbeitrag vom 9. Oktober 2021 wieder hervorgekramt. Hier ist er. Man muss ihn allenfalls kurz nachlesen, um dem Weiteren folgen zu können.

Vielleicht hat die vielen Leser, es war eine sechsstellige Zahl, damals die Tatsache getriggert, dass es um Kinder ging. Wir werden weich, wenn es Kinder betrifft. Wir schlucken selbst ungeheuer viel an Willkür, an Ungerechtigkeit, aber wenn es die Kleinen trifft, beginnen wir nachzudenken. Einige jedenfalls. Ich schreibe ziemlich viel den lieben langen Tag, aber kein Text holt mich so oft ein wie dieser.

Als mein Beitrag die Reise durch die sozialen Medien antrat, gab es auch negative Reaktionen. Ich erinnere mich an eine Erwähnung, die mir damals auf Facebook eingeblendet wurde. Eine Frau hatte meinen Text verlinkt und dazu geschrieben, ihr komme «das Kotzen», wenn sie so etwas lese. Ich würde mich, schrieb sie sinngemäss, hier als Opfer darstellen, dabei sei ich einfach nur unsolidarisch und nicht bereit, meinen Beitrag zum Kampf gegen die Pandemie zu leisten.

Die Frau lag gleichzeitig richtig und falsch. Ich hatte mich in dem Text nicht als Opfer dargestellt. Ich hatte nur den inneren Zwiespalt beschrieben, den man empfindet, wenn man seinen Kindern einerseits wichtige Werte vermitteln und andererseits immer für sie da sein will. Dass sie diesen Zwiespalt selbst als Mutter, falls sie eine ist, nicht erlebt hat, ist mir klar. Indem sie gehorsam war, vermied sie ihn. Geimpfte haben damals keinerlei Zwiespalt dieser Art erlebt.

Aber recht hatte sie insofern, als ich nicht bereit war, meine Überzeugung und meine Wahrheit, die inzwischen übrigens zur erwiesenen Wahrheit wurde, zu opfern, um eine Pandemie zu bekämpfen, die es so nie gab.

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Ich bezweifle, dass die besagte Frau, der «das Kotzen» kam, den Text vollständig gelesen hat. Ich habe in diesem nämlich den Irrsinn recht ausführlich beschrieben, und bis heute kann mir niemand erzählen, dass er das Beschriebene für in irgendeiner Weise sinnvoll oder angebracht hält, zumindest nicht in der Rückschau. Verzeihung, aber wenn man Zutrittspfeile am Boden rund um einen Imbissstand für einen Schutz hält, während sich gleich nebenan Heerscharen von Besoffenen Arm in Arm in die Strasse ergiessen, dann hat man das Denken aufgegeben.

Ich weiss also nicht, warum ihr «das Kotzen» kam. Vielleicht, weil sie in stillen Momenten gemerkt hat, dass sie selbst nur eine Handlangerin des Unrechts war? Wir reagieren hin und wieder mit Aggressionen gegen Dritte, wenn wir uns vor uns selbst schämen.

Ich habe den Text damals in Wut geschrieben, in Verzweiflung, in Panik über die Zukunft, und das alles zusammen ergibt keine gesunde Mischung. Aber immerhin kann man davon ausgehen, dass ich keinen Plan verfolgt habe, dass ich nicht strategisch vorging, dass es mir nicht um Klicks ging, sondern dass ich einfach sagen wollte, wie es ist, koste es, was es wolle.

Die Frau, der «das Kotzen» kam, hatte kein Verständnis für einen Vater, der sich in einer post-apokalyptischen Welt wiederfindet, die er seinen Kindern nicht zumuten mag. Weil sie nichts Apokalyptisches erkennen konnte. Aber ich stand damals eben vor diesen Abschrankungen, ausgesperrt von der Welt meiner Kinder. Nicht sie.

Aber sie kann, diese Frau, wenn sie mag, heute mal Statistiken konsultieren, die zeigen, dass es nie zuvor so viele Kinder und Jugendliche in psychiatrischer Behandlung gab wie heute, mit endlosen Wartelisten. Und sie könnte sich Gedanken darüber machen, ob diese Dinge vielleicht zusammenhängen. Ob wir nicht vielleicht doch die nächste Generation nachhaltig geschädigt haben. Ohne Grund, ohne Anlass, aus rein politischen Gründen, in völliger Willkür. Sie kann sich das in Ruhe anschauen. Sobald sie das «Kotzen» beendet hat.

Wir hatten damals, im Herbst 2021, schon unzählige Verbrechen an der Gesellschaft begangen, und ich schreibe bewusst wir, weil ich zwar kein aktiver Teil dieser Verbrechen, aber dennoch immerhin anwesend war, und vermutlich habe auch ich zu wenig dagegen getan. Das nächste Verbrechen, das wir uns aufladen, ist die Tatsache, dass wir nicht darüber reden, was wir getan haben.

Aber warum sollten wir auch? Schliesslich darf ich inzwischen ja wieder mit den Kindern an den Jahrmarkt. Wir vergessen schnell. Nicht, was uns angetan wurde, nein, das bleibt haften. Aber was wir anderen angetan haben.

Deshalb hat die besagte Frau mit Sicherheit längst vergessen, dass sie der verlängerte Arm der Ungerechtigkeit war. Aber wenn sie erwartet, dass die Opfer dieser Ungerechtigkeit ebenso schnell vergessen, dann irrt sie sich. Nicht ohne Grund erinnern sich heute noch Leute an meine Zeilen von damals.

Ich hoffe, dass die Dame inzwischen ihr körperliches Unwohlsein überwunden hat. Ich hoffe sogar von Herzen, dass es ihr gut geht. Denn im Unterschied zu ihr wünsche ich das allen Menschen.

Aber es gibt eine letzte Frage, die mich umtreibt. Leute, die zutiefst überzeugt sind, auf der richtigen Seite zu stehen, das Richtige zu tun, sich moralisch über andere zu erheben und gleichzeitig anderen Leuten verbieten wollen, Schmerzen zu fühlen, enttäuscht zu sein, Angst zu verspüren – wie schauen die morgens in den Spiegel?

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