Eine Schifffahrt, die ist lustig…

Die Politik ist in Geiselhaft einer kleinen Truppe, die sich unter dem Deckmantel des «Antifaschismus» zunehmend faschistischer geriert. Das Problem ist weniger die Truppe als der rückhaltlose Gehorsam der anderen.

Was passiert ist: Eine geplante Bootsfahrt des Radiosenders Kontrafunk mit Radiomachern und Hörern von Konstanz aus musste aufgrund Drohungen von Linksradikalen abgesagt werden. Das Störmanöver war erfolgreich dank dem Mittun offizieller Stellen. Details gibt es unter anderem hier.

Zunächst ein Bekenntnis: Manchmal überlege ich mir beim Zähneputzen, ob ich heute eher rassistisch oder homophob auftreten soll und ob ich nun gleich vor meinem Hitler-Schrein oder doch besser vor dem Putin-Altar niederknien soll. Es ist eine schwierige Entscheidung, denn das alles liegt mir gleichsam nahe.

Immerhin arbeite ich für einen «Haufen homophober, rassistischer, antisemitischer Klimawandel- und Coronaleugner*innen mit Verständnis für Putin, Hitler oder beide». Gegen Abend bin ich dann jeweils reichlich erschöpft, nachdem ich diese lange Liste von Aufgaben, zu denen mich meine diversen Ideologien zwingen, abgearbeitet habe.

Man kennt sich selbst ja in der Regel weniger gut als die anderen. Dass ich in einem Meer von Phobien schwimme und den ganzen Tag so vor mich hin leugne: Ich war mir dessen lange nicht bewusst, aber Katrin Brüggemann hat es mir klar gemacht. Die Dame vom Bündnis «Konstanz für Demokratie» hat offenbar Insiderwissen. Mit dieser beunruhigend langen Liste von Adjektiven umschreibt sie nämlich den Radiosender Kontrafunk, für den ich tätig bin. Also muss sie wohl auch auf mich zutreffen.

Woher Frau Brüggemanns Insiderwissen stammt, weiss ich nicht. Gegenüber dem Magazin «Cicero» gibt sie zu Protokoll, sie höre generell «kein Webradio», demnach auch nicht Kontrafunk. Ich habe also in den letzten drei Jahren über 150 Sendungen für Kontrafunk moderiert und dabei eng mit den anderen Radiomachern zusammengearbeitet, aber mir muss dennoch Wesentliches entgangen sein, das sich sogar erschliesst, wenn man keine einzige der Sendungen dort kennt.

Das klingt zwar zunächst etwas schwach unterfüttert. Es wäre sicherlich nicht verkehrt gewesen, den Wust an beschimpfenden Adjektiven am einen oder andern Beispiel festzumachen. Aber ich möchte nicht kleinlich sein. Wer auszieht, um die Demokratie zu schützen, sich für Respekt, Toleranz und Vielfalt zu einsetzen, der soll nicht gezwungen sein, sich mit Details herumzuschlagen oder sich gar vertieft mit einer Materie auseinanderzusetzen.

Der edle Zweck ersetzt die Recherche, Wut und Empörung ersetzen die Debatte. Wenn der innere Radar von Katrin Brüggemann und ihren Mitstreitern ausschlägt, müssen sie handeln. Und wenn es nötig ist, Menschen unter einer Wagenladung unappetitlicher Beschreibungen zu begraben, um die Demokratie zu schützen, muss das eben sein.

Es ist auch wunderschön zu sehen, wie dicht die Räder in dieser Demokratieschutz-Maschinerie ineinander greifen. Um eine Bootsfahrt dieses Hitler und Putin zugewandten Homophoben-Haufens zu verhindern, musste man nur einen Newsletter gegen diesen versenden und ein paar Offizielle rund um den Schifffahrtsbetrieb in Konstanz direkt kontaktieren.

Pawlows berühmter Hund, der seinen Speichelfluss beim Hören von Schritten seines Herrchens nicht mehr im Griff hatte, weil er Leckerli vermutete, wäre neidisch. Man durchsetze eine Nachricht mit Begriffen wie «rechts» oder «rechtsnational» und werfe ein gelegentliches «Putin» oder «antisemitisch» dazwischen, und die sonst so stoisch ruhigen Hände der rührigen Verantwortlichen bei der Bodensee-Schifffahrt geraten ins Zittern und setzen sich in Bewegung, um den Widerstand zu unterstützen.

Das alles geht jeweils sehr schnell. Für Abklärungen fehlt die Zeit. «Nichts Genaues weiss man nicht», heisst dann die Devise, es ist alles reichlich unklar, Belege für die Vorwürfe fehlen, aber gleichzeitig gilt eben auch: «Better safe than sorry». Denn was haben wir da für eine Gemengelage? Auf der einen Seite eine Gruppe, die sich Solidarität, Menschenrechte und den Schutz der Demokratie auf die Fahne geschrieben hat. Auf der anderen Seite eine Schiffsbesatzung, die zum Frühstück Juden verspeist, bevor sie auf die Strasse geht, um Homosexuelle zu verprügeln. Da fällt doch die Wahl wirklich nicht schwer, auf wessen Seite man sich stellt.

Schliesslich muss man sich unter Umständen eines Tages nach dem Ableben vor der Himmelspforte für sein Tun verantworten. Und da ist die Ausgangslage einfach wesentlich besser, wenn man zu Protokoll geben kann: «Ich habe im Juli 2025 verhindert, dass die Verantwortlichen eines Radiosenders zusammen mit einigen Hörern auf einem Schiff Brötchen und Kuchen verspeist haben. Darf ich jetzt bitte rein?»

Natürlich war das Vorgehen des Konstanzer «Bündnis für Demokratie» eher der Zweihänder als das Florett, wie man der Berichterstattung über die Ereignisse entnehmen kann. So wurde dem Boot, auf dem der Kontrafunk unterwegs gewesen wäre, recht unverhohlen mit einem unglücklichen Zwischenfall gedroht, nach dem möglicherweise mehr Wasser im als unter dem Schiff gewesen wäre. «Sollte ihr Kahn kentern», so die Retter der Demokratie, wünsche man sich natürlich selbst diesen Leuten eine Rettung. Es ist eine Mischung aus Gewaltfantasie und dem angeborenen Impuls, doch nur helfen zu wollen.

Aber das sollte man nicht alles zu wörtlich nehmen, eine Drohung ist das selbstverständlich nicht. Wenn Menschen, die nur das Beste wollen, vom Wort ergriffen werden, gehen ihnen eben auch mal die Pferde durch.

Inzwischen müsste auch klar sein, dass man die Demokratie am besten schützt, indem man die Mechanismen bekämpft, die sie ausmachen. Meinungsfreiheit, Debattenkultur, Versammlungsfreiheit: Das sind doch alles üble Reste einer Vergangenheit, in der man sich nicht bewusst war, wie nah am Abgrund wir stehen und dass man alles dagegen unternehmen muss. Und alles bedeutet eben: alles.

Haben wir wirklich schon vergessen, was passieren kann, wenn man Menschen einfach sagen lässt, was sie denken? Hitler zum Beispiel, von dem hier ja auch schon die Rede war, wusste das sehr genau, deshalb hat er das verhindert. Er hat dafür gesorgt, dass nur die von ihm verbreitete Wahrheit durchdringen durfte, und wer sich nicht daran hielt, konnte die Errungenschaften der modernen Vernichtungstechnologie von innen inspizieren. Nicht sehr lange, aber immerhin.

Gut, das Ergebnis daraus war nun nicht gerade eine Musterdemokratie, das lief danach ein bisschen aus dem Ruder. Aber man kann sich ja als «Bündnis für Demokratie» dennoch wenigstens vom Vorgehen inspirieren lassen und rechtzeitig einschreiten, bevor das mit der Freiheit zu bunt wird. Wem sich die Logik nicht erschliesst, wonach man die freie Rede einschränken muss, um die freie Rede zu schützen, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Denn: Wenn man für das Gute denunziert, ist es keine Denunziation, sondern Aufklärung. Wenn man für das Gute vor dem inneren Auge ein Schiff absaufen sieht und dabei eine innere Wärme verspürt, ist es keine Gewaltfantasie – man wurde einfach gerade vom brennenden Verlangen nach Demokratie, Solidarität und Menschenrechten erfasst. Wenn man ein Treffen Andersdenkender verhindert im Namen des Guten, ist das keine Intoleranz, sondern lediglich ein kleiner Umweg zu einer toleranten Gesellschaft.

Natürlich ist das alles für den Normalverbraucher recht schwer zu verstehen. Aber deshalb gibt es eben Leuchttürme wie das «Bündnis für Demokratie» in Konstanz. Um stellvertretend für den Durchschnittsbürger, dem das zu hoch ist, zu handeln. Die Demokratie muss zuerst zurecht geschliffen werden, bevor man sie schützen kann. Man muss sie bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln, damit sie gedeihen kann. Es gibt doch auch Pflanzen, die man regelmässig massiv beschneiden muss, bevor sie dann spriessen. Ich bin kein Botaniker, aber vermutlich läuft das mit der Demokratie ganz ähnlich.

Was ich nun weiss: Wenn dereinst nur noch Schiffe zu Wasser gelassen werden, deren Besatzungen sich öffentlich zum Leitbild einer Gruppe Bürger bekennen, die für Freiheit einstehen, solange diese nicht ihrem Gedankengut widerspricht – erst dann haben wir echte Demokratie.

Das Interview von Kontrafunk-Gründer Burkhard Ulrich-Müller zur Angelegenheit gibt es hier zu hören. Wer den Kontrafunk finanziell unterstützen möchte, kann das hier tun.