«Wachhund der Demokratie»: So sieht der Chefredaktor des St.Galler Tagblatts die Aufgabe des Journalismus. Völlig korrekt. Aber wieso hat der Berufsstand diese Aufgabe dann ausgerechnet sträflich vernachlässigt, als es am nötigsten gewesen wäre?
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Die Schlagzeile: «Soll man über Extremisten berichten?» (St.Galler Tagblatt vom 18.3.24)
Der erste Gedanke: Die Ostschweiz steht Kopf – beziehungsweise ihre Journalisten. Im beschaulichen Gossau im Kanton St.Gallen trafen sich Anhänger eines selbsternannten Königs von Deutschland. Sofort gilt: Reichsbürgeralarm! Noch peinlicher als die aufgeregte Berichterstattung ist nur die Rechtfertigung des Chefredaktors.
Die Analyse: Ob man Peter Fitzek, der sich als Oberhaupt eines fiktiven Königreichs Deutschland sieht, ernst nehmen will oder nicht, ist jedem selbst überlassen. Dasselbe gilt für die Frage, ob man bei ihm für Geld «Bürger» werden möchte. Hinter all dem einen drohenden Umsturz demokratischer Strukturen zu wittern, ist aber reichlich paranoid. 6000 Untertanen des «Königs» auf ein Volk von 80 Millionen: Da hat der Fanclub von Bayern München wesentlich mehr Macht im Land (334’132 Mitglieder).
Nun besuchte Fitzek die Ostschweiz, um hier für seine Idee zu werben und Anhänger zu gewinnen, und beim St.Galler Tagblatt dreht man im roten Bereich. Die breite Berichterstattung kann einem wahrhaft Angst einjagen. Sinngemäss wiedergegeben:
- Unterwandern Reichsbürger nun vom östlichen Zipfel aus auch die Schweiz?
- Sind die 60 Gäste des selbsternannten Monarchen der Stosstrupp einer kommenden Revolution?
- Und wie wurde der «Hofstadl», eine Eventlokalität, zum Epizentrum des Bösen?
Beim besagten Austragungsort herrscht nüchterne Abgeklärtheit. Solange sich die zahlenden Mieter der Räume an die Spielregeln halten, differenziere man nicht, wer kommen dürfe und wer nicht, sagt der Betreiber. Gebt dem Mann bitte einen Orden, das ist gelebte Demokratie und Meinungsfreiheit.
Dem St.Galler Tagblatt ist offenbar selbst nicht ganz so wohl bei der ganzen Hysterie, die es losgetreten hat. In einem langen Kommentar rechtfertigt Chefredaktor Stefan Schmid, warum man überhaupt über «Extremismus» berichte, obwohl man ihn doch auch totschweigen könnte.
Also, soll man nun berichten? Der Chefredaktor hat das Wort:
- «Ja, finden wir, weil es sich um ein Phänomen handelt, das wir als offene, freiheitliche Gesellschaft im Auge behalten müssen, genau so, wie man früher den Aussenseiter am Stammtisch auch einer sozialen Kontrolle unterzog.»
- «Medien sind ‚Wachhunde der Demokratie‘. Und ein Wachhund bellt, wenn er Gefahr wittert. Es geht darum, auf potenziell gefährliche Entwicklungen hinzuweisen, ein Bewusstsein zu schärfen, Debatten anzustossen.»
Amen. Gut gebrüllt, Löwe! Pardon: Gut gebellt, Hund.
Nun stellt sich natürlich die Frage, wo der Wachhund Stefan Schmid und seine Redaktion während Corona war, als die «offene, freiheitliche Gesellschaft» mehr torpediert wurde als jemals zuvor. Die Antwort: An der Seite des Staates, der diese Freiheit (und die persönlichen Rechte und die Verfassung) hemmungslos und, wie wir heute wissen, ohne echte Not beschnitt.
- Wann hat das St.Galler Tagblatt auf die gefährliche Entwicklung des andauernden Notrechts und der Einschränkung von Grundrechten hingewiesen?
- Wann hat es «Debatten angestossen» in der Zeit der Covid-Massnahmen – statt sie zu unterbinden?
- Wann hat dieser scharfe Köter an der Kette gerissen, als Leute mittels eines unnützen Zertifikats aus dem öffentlichen Raum ausgesperrt wurden?
Die Eigendarstellung als «Wachhunde der Demokratie» aus diesem Mund ist Realsatire. Nur dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Solange die Werbefranken aus dem Bundesamt für Gesundheit flossen, kümmerten Demokratie und Verfassung die Verlagshäuser keinen Deut.
Und ob die Journalisten der Medien, die seit Jahren als verlängerter Arm von Regierungen fungieren, Denunzianten feiern und kritische Fragesteller diffamieren, die richtige Adresse sind, um «soziale Kontrolle» gegenüber anderen auszuüben, ist ebenfalls fraglich. Beziehungsweise: Nein, es ist gar keine Frage. Sie sind es nicht.
Der Ausblick: Der Leistungsausweis der meisten Medien seit (mindestens) 2020 ist desaströs. Inzwischen ist längst belegt, wie unkritisch sie sich einem verfehlten Gesundheitsregime angedient haben. Verschiedene Zeitungstitel rund um die Welt haben sich sogar längst öffentlich dafür entschuldigt. Es ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten, wenn sich der Chefredaktor einer Zeitung, die mitgemacht hat, nun selbst als «Wachhund der Demokratie» feiert. Aber vielleicht braucht man im gemütlichen Osten einfach noch ein bisschen mehr Zeit, um das Offensichtliche zu merken.
