Der Wahnsinn, der alltäglich im Rahmen von Werbeeinblendungen auf uns einprasselt: Ein Gastbeitrag von Alexander F. Stahel.
An manchen Abenden erliege ich der Versuchung, mich in die Abgründe von YouTube zu stürzen. Nur für wenige Minuten, für ein Lied oder auch zwei. Oder für einen guten Rat zur Bekämpfung von Gicht.
Sollte es Ihnen zuweilen ebenso ergehen, wissen Sie wahrscheinlich, dass es selten bei diesen wenigen Minuten bleibt. Auf Bruce Springsteen folgen Simon and Garfunkel, Sting und REM; auf den Gichtratgeber jener gegen Bluthochdruck und ein weiterer zur Gewichtsreduzierung und so fort, den Algorithmen und meiner Nachlässigkeit sei Dank.
Nichts dagegen zu sagen, wenn man auch mit weniger Schlaf auskommt. Was mich bei solchen Sitzungen aber immer wieder verblüfft, ist die unglaubliche Hartnäckigkeit und Naivität, mit welcher die Werbetreibenden meinen Konsumenteninstinkt verfolgen.
Da unterbricht The Boss «My Hometown», um einer übergewichtigen farbigen Frau Raum zu geben, die für Slipeinlagen wirbt; der eifrig verfolgte Vortrag, wie ich mein vermutetes Übergewicht unter Kontrolle bekomme, wird von der Anpreisung günstiger Leckerbissen eines deutschen Billigheimers ergänzt, und selbst Sting wäscht weisser dank Brazil oder eines ähnlichen Saubermannes.
Ob die Auftraggeber dieser Spots ernstlich daran glauben, ihre Produkte so an die Frau zu bringen? Kaufe ich nun eine Damenbinde, deren angebliche Trägerin mir rüde mein Rock-Konzert unterbricht? Oder billige Leberpastete, wo ich doch meinen Bauchspeck loswerden möchte?
Dass die Werbeunterbrechungen nicht nur selten zum Thema passen, das mich auf den diversen Kanälen festhält, sondern meist auch vom handwerklichen Gesichtspunkt aus gesehen eher unterdurchschnittlich zusammengebastelt sind, macht die Erfahrung nicht besser.
So kann ich mir beim besten Willen die Automarke nicht merken, die den spannenden Vortrag eines der gängigen Klimawandel-Erzählung kritisch gegenüberstehenden Wissenschafters unterbricht – und ich habe auch nicht den geringsten Schimmer, weshalb sich ein furchterregender Roboter plötzlich in ein scheinbar umweltfreundliches Fahrzeug verwandelt. Und bei der rührenden Darstellung eines Familienlebens, welches so bunt ist, dass Mendel wie Darwin darüber in Erklärungsnot geraten wären, konnte mich erst die beste aller Ehefrauen darüber aufklären, dass hier ein Grossverteiler um potenzielle Kunden wirbt.
Natürlich weiss ich aus eigener bitterer Erfahrung, dass nichts umsonst ist im Leben. Auch nicht meine gelegentlichen Besuche bei YouTube. Aber vielleicht könnte sich die Plattform mit den Werbetreibenden ja darauf einigen, ihre Produkte sinnvoll in die Kanäle einzubetten. Die dank gut gepolsteter Binde unbesorgt tanzende Schwarze in einem Ratgeber zur Bekämpfung von PMS beispielsweise. Einen Synthesizer- oder Hörgerätehersteller in der Live-Wiedergabe von Springsteens Konzert im Londoner Hyde Park. Oder die Dienste eines Steuerberaters oder des Leichenbestatters zwischen den Auftritten von Brad Pitt und Anthony Hopkins im Klassiker «Rendezvous mit Joe Black».
Vielleicht bin ich ja der Einzige, der so empfindlich auf diese plumpen, durchwegs unprofessionellen Annäherungsversuche der Industrie reagiert. Wie auch immer: Ich jedenfalls habe mir eine Liste jener Werbetreibenden angelegt, deren Erzeugnisse ich nicht kaufen werde, weil sie gedankenlos den Fluss meiner abendlichen Entspannungsfahrten stauen. Geschickte Kundenbindung geht anders, meine ich als solcherart umworbener Konsument.
Alexander F. Stahel
