Alain Berset ist bald ganz Geschichte. Anlässlich seiner Ersatzwahl gab es eine Rede, die jeder Abdankung gut angestanden wäre. Da geht offenbar ein Heiliger von uns. Hosianna!
Eric Nussbaumer ist Basler, Nationalrat und Sozialdemokrat. Derzeit amtet er als Präsident der grossen Kammer. Sein Amt und seine Partei gebieten es ihm, über den scheidenden Bundesrat Alain Berset nur das Beste zu sagen.
Aber irgendwo hat alles seine Grenzen. Selbst devote Höflichkeit.
Nussbaumers Abschiedsrede an die Adresse von Alain Berset wäre Grund genug gewesen, das Wahlprozedere um dessen Nachfolge sofort zu unterbrechen und Berset auf Knien zu bitten, im Amt zu bleiben. Denn er hat als Bundesrat offenbar alles richtig gemacht. Jedes politische Geschäft, jedes Thema des Innenministeriums und sein persönliches Verhalten in den zwölf Jahren: Alles makellos, alles vom Feinsten, alles vom Erfolg gekrönt.
Möglicherweise sieht das Bundesratsmitglied, das ab 2024 Bersets Innendepartement übernimmt, das ein bisschen anders. Bei Amtsantritt wird vermutlich ein Helm mitgeliefert. Denn eine grössere Baustelle als das, was der Freiburger hinterlässt, gibt es in der Eidgenossenschaft nicht.
Was nicht heisst, dass er nichts konnte. Talente hat er viele. Allen voran dasjenige, die Schuld für jedes Problem weiterzuschieben. Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen? Ja, da gibt es eben viele Player, die ihre Interessen verfolgen, da hat man keine Chance dagegen. Die Pandemiebewältigung? Was auch immer nicht gut war, anderswo war es noch schlimmer. Die Liste liesse sich beliebig verlängern.
Das Amt sei wichtiger als die Person, die es ausführe, sagte Alain Berset einst. Grosse Worte hat er also auch drauf. Und Nationalratspräsident Nussbaumer, der selbst nicht besonders wortgewaltig wirkt, nahm die Steilvorlage gern auf und zitierte Berset.
Allerdings, und das sage ich als Schreibender, sind Worte eine billige Ware. Wichtiger wäre, sie einzulösen. Berset ging es nie um die Sache. Berset ging es immer um Berset. Ideologie oder Haltung waren nicht seine Währung. Die heisst in seinem Fall schlicht und ergreifend: Macht.
Hauptsache, er konnte seinen Einfluss in einem meist bedauerlich schwachen Gremium wie dem Bundesrat laufend ausbauen. Hauptsache, man tat, was er sagte. Hauptsache, er hatte seine sechs Kollegen im Griff. Hauptsache, man redete nur von ihm.
Das Amt ist wichtiger als die Person? Man kann auch eine Wahrheit missbrauchen, um davon abzulenken, dass man sie selbst Lügen straft.
Dass Eric Nussbaumer in seiner Abschiedsrede, die wirklich eher wie eine Abdankungsrede klang, nicht auf die zahlreichen Eskapaden von Berset zu sprechen kam, ist klar. Wir sprechen hier von Parteifreunden und einem feierlichen Rahmen, wiedergegeben von unzähligen Kameras. De mortuis nil nisi bene, den Toten nichts Schlechtes: Das war hier das Motto.
Nur dass Alain Berset eben nicht tot ist und zudem erst 51 Jahre alt. Die Gefahr ist gross, dass er weiterhin im öffentlichen Raum wirkt. Oder wütet.
Die Rede zu seinen Ehren war von A bis Z eine verlogene Lobhudelei auf einen, der dem Land schweren Schaden zugefügt hat und parallel dazu ziemlich alles tat, was man in diesem Amt nicht tun sollte. Alain Berset verlässt das Schiff als Strahlemann, weil ihn die gesamte politische Klasse unangetastet strahlen lässt.
Anderswo hätte ein einziger seiner Skandale gereicht, um ihn für alle Zeiten aus einem Regierungsamt zu verbannen. Er hingegen konnte eine ganze Perlenkette davon aneinanderreihen und wurde dafür in Befragungen im Volk sogar noch auf Rang 1 der Beliebtheitsskala gehievt.
Verstehen muss man das nicht. Aber vielleicht dürstet es dieses Land ja einfach nach «starken» Persönlichkeiten, die sich alles erlauben können, ohne dass es Konsequenzen hat. Insgeheim würde sich das jeder von uns ja für sich selbst wünschen. Wenn es einer dann derart gnadenlos durchexerziert, nötigt es wohl einer Mehrheit Respekt ab.
Am Ende der Amtszeit von Alain Berset steht eine tief gespaltene Gesellschaft, ruinierte Existenzen, ein Bildungsrückstand bei der Jugend und zahllose alte Menschen, die einsam sterben mussten. Demgegenüber steht kein einziger nennenswerter politischer Erfolg. Ausser natürlich, man definiert die feierliche Eröffnung einer Vernissage als solchen. Rote Bänder durchschneiden kann er. Und persönliche Bande zu Pianistinnen nach gespieltem Konzert knüpfen ebenfalls.
Man fragt sich unwillkürlich: Wie würde eine Abschiedsrede von Nationalratspräsident Eric Nussbaumer klingen, wenn er dem Scheidenden nicht nur einen Gefallen tun müsste, sondern es um eine wirklich verdienstvolle Person ginge? Wenn das, was er sagen zu müssen glaubte, auch wirklich wahr gewesen wäre?
Wäre ich im vergangenen Oktober unerwarteterweise in den Nationalrat gewählt worden, würden mir morgen die Titelseite der meisten Zeitungen gehören. Auf dieses Bild hätte keine Redaktion verzichten wollen. Ich wäre nämlich mit jeder Garantie sitzen geblieben, während sich die 245 anderen Bundesparlamentarier für ihre Standing Ovations erhoben. Eigentlich ein schönes Bild.
Denn: nichts gegen Höflichkeit. Aber ich werte den Respekt vor sich selbst doch noch höher.
Nachbemerkung: Berset hat noch eine weitere Rede gewidmet bekommen. Prädikat: hörenswert.
(Bild: World Economic Forum, Mattias Nutt unter dieser Lizenz)
