«Neusprech» hat Hochkonjunktur

Was George Orwell in seinem Werk «1984» als «Newspeak» («Neusprech») bezeichnete, hat den Sprung von der Fiktion zur Realität geschafft. Ein Gastbeitrag von Alexander F. Stahel.

Neulich traf ich beim Spazieren in unserem überschaubaren Ort eine Frau, die mich nach dem Verbleiben eines ihr offenbar abhandengekommenen Jungen fragte. Im Wissen, in welcher Institution sie arbeitet, erkundigte ich mich, ob der Bub denn behindert sei. Sie hielt inne und bedachte mich mit einem seltsamen Blick, bevor sie nickte: «Ja.» Es dauerte einen Moment, bis ich ihr Zögern verstand: Behindert ist heute niemand mehr. Nein, die Betroffenen haben «besondere Bedürfnisse».

«Newspeak», «Neusprech», nannte es George Orwell in seinem Werk «1984» – das Bestreben, Tatsachen zu verdrehen und Gegebenheiten zu verschleiern, indem man sie nicht oder anders benennt. In den letzten Jahren hat diese Methode Hochkonjunktur. Behinderte haben besondere Bedürfnisse, schwarze Menschen sind POC, «People of Color», Staatsschulden werden zu Sondervermögen. Als ob wir die Dinge verändern könnten, nur indem wir sie anders benennen.

Ich beschäftige mich beruflich intensiv mit Sprache und ich bin mir deren Macht und Möglichkeiten durchaus bewusst. Aber ein behinderter Mensch hat genau dieselben Bedürfnisse wie Sie und ich. Er wird jedoch durch ein körperliches oder geistiges Gebrechen darin beeinträchtigt, sie zu erfüllen, wie dies für uns selbstverständlich ist. Er ist, im wahren Sinne des Wortes, behindert, daran ändert alle Schönfärberei nichts.

Und ein dunkelhäutiger Mensch ist eben braun oder schwarz, nicht farbig, also regenbogenbunt. Das als wertend zu betrachten und das Benennen dieser Tatsache als diskriminierend zu bezeichnen – erst dies ist rassistisch, impliziert es doch eine Unterlegenheit gegenüber Menschen zum Beispiel weisser Hautfarbe (die man zum Beispiel in Bezug auf die «alten weissen Männer» übrigens auch so benennen darf, ohne den Unmut der Selbstgerechten auf sich zu ziehen).

Ebenso diskriminierend ist, um kurz vom Thema abzukommen, die Quotensetzung in Lehranstalten, Politik und Wirtschaft – vermittelt man doch damit, dass die so beglückte Gruppe offenbar nicht in der Lage ist, aus eigenem Vermögen eine entsprechende Position zu besetzen, sondern im geschützten Rahmen platziert werden muss.

Die Sprachpolizei macht fröhlich weiter, in vorauseilendem Gehorsam unterstützt von Politik, Medien und Gerichten. Das unsägliche und der deutschen Sprache spottende Gendern ist nur einer der Auswüchse. Historische Bezeichnungen wie «Mohr» sollen diskriminierend und verletzend sein, unbelastet von der Herkunft des Wortes, das ursprünglich Menschen aus Nordafrika mit dunkler Hautfarbe, also Mauren (spanisch «moros»), bezeichnete.

Genauso das heute verpönte Wort Neger, das aus dem spanischen «negro», schwarz, stammt. Wer diese Begriffe als herabwürdigend bezeichnet, macht sich selbst der Diskriminierung schuldig, assoziiert er doch die Hautfarbe mit einer Minderwertigkeit der betreffenden Menschen. Über das «Sondervermögen» lohnt es nicht, Worte zu verlieren, zu offensichtlich ist der Betrug, mit dem Politiker und Medien die Wähler zu täuschen suchen. Tatsächlich hätte Kapital, das für einen speziellen Zweck angespart wurde, diese Bezeichnung verdient – nicht Geld, das nicht vorhanden ist und künftigen Steuerzahlern in Rechnung gestellt werden soll.

Indem wir die Dinge umbenennen, schönschreiben, ändern wir sie nicht. Wenn wir das Leben Behinderter vereinfachen wollen, dann müssen wir ihre Behinderung wahrnehmen, nicht hinter Worthülsen verstecken. Indem wir Menschen anderer Hautfarbe, mit ungewohntem Erscheinungsbild in neue Kleider hüllen, akzeptieren wir sie nicht als gleichwertig, sondern versuchen, sie uns, den vermeintlich Überlegenen, anzugleichen.

Und wenn wir historisch gewachsene Kulturgüter umbenennen, verleugnen wir unsere Geschichte und Herkunft, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind: hoffentlich gegenüber wahrer Diskriminierung sensible, mitfühlende Wesen, die aus den Fehlern vergangener Jahrhunderte gelernt haben. Aber vielleicht liegt ja hier das Problem: Zuletzt war es das Dreissigjährige Reich, das so offen und aggressiv den Sprachgebrauch zu ändern versuchte. Und vielleicht haben wir tatsächlich nichts daraus gelernt.