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Hoch lebe der Fortschritt!

Die moderne Technologie hat unser Leben zum wahren Paradies gemacht. Wenn man nicht allzu genau hinschaut jedenfalls. Ein Gastbeitrag von Alexander F. Stahel.

Was leben wir doch in einer wunderbaren Welt!

Ich bewundere den Elektriker, wie er eine nigelnagelneue Wandlampe montiert, nachdem die LED-Leuchten ihrer Vorgängerin trotz versprochener Lebensdauer von über zehn Jahren nach knappen elf Monaten das Zeitliche gesegnet haben. Wenn ich da an die alten Zeiten denke, wo die beste aller Ehefrauen mühselig eine dieser klimaschädlichen Glühbirnen in die altertümliche Fassung schrauben musste, nachdem die alte (Glühbirne, nicht Ehefrau!) mit hörbarem Knall den Geist aufgegeben hatte. Heute steht ruckzuck, zackzack, der in China gefertigte, energiesparende Lampen-Ersatz in seiner ganzen Pracht bereit und will nur noch von professioneller Hand befestigt und verkabelt werden. Hoch lebe der Fortschritt!

Wir brauchen nicht erst ein Kammerorchester zu bestellen oder gar selbst die Saiten zu streichen, wollen wir die «Kleine Nachtmusik» geniessen oder die Darbietungen des Jodlerklubs Bärgglöggli. Nein, wir müssen uns nicht einmal mehr alle paar Minuten aus dem Sofa hieven, um die Langspielplatte zu wechseln – ein Druck aufs Knöpfchen oder auch nur eine höfliche Anfrage bei Alexa genügen, und schon füllen die Bluetooth-gesteuerten Lautsprecher die hinterste Ecke der guten Stube mit wohldosierten Klängen.

Wenigstens, solange der Strom fliesst aus den Solarzellen auf dem Dach oder den Kohlekraftwerken unserer Nachbarn. Hunderte von Fernsehsendern sorgen dafür, dass wir unsere Abende nicht mit langweiligen Gesprächen füllen müssen, sondern mehr oder auch weniger wohlgebauten Nackten zusehen können, wie sie sich durch die kamerabestückte Wildnis kämpfen. Wobei wir nicht undankbar sind, wenn der Flachbildschirm schliesslich eigenmächtig beschliesst, es sei nun des Guten genug, und sich nach kurzer Ankündigung ganz ohne unser Zutun verabschiedet, während wir längst zufrieden schnarchen auf dem Kanapee.

Ja, hoch lebe der Fortschritt. Mein Auto reisst mir unsanft das Lenkrad aus den Händen, wenn es glaubt, ich hätte eine Sicherheitslinie überfahren, auch wenn sich diese nur als Flickstelle im Strassenbelag entpuppt. Es beisst sich auf dem Asphalt fest, sodass mir die Sicherheitsgurte die inneren Organe durch die orthopädisch geformte Rückenlehne pressen, weil uns nach einer Spitzkehre plötzlich ein Fahrzeug entgegenkommt, gefährlich nahe, meint die zuständige Künstliche Intelligenz.

Derweil geniesst der Fahrer dieses technischen Wunderwerks meine von der Schwerkraft entstellte Grimasse im vollen Glanz seiner sensorgesteuerten LED-Scheinwerfer, die es des steilen Winkels der Kurve wegen nicht für nötig halten, auf Abblendfunktion umzuschalten. Will ich mich aber dem Stress der individuellen Mobilität entziehen und dem schützenden Schoss des öffentlichen Verkehrs anvertrauen, so weigert sich die App auf meinem Smartphone, mir ein Billett verkaufen, weil der Zug zwar vor mir auf den Gleisen, aber noch nicht im elektronischen Fahrplan steht.

Hoch lebe der Fortschritt. Mein Vater wird im Altersheim von einem Roboter bedient, der sich freundlich nach seinem Befinden erkundigt, aber nicht dafür programmiert ist, sich auch seine Antwort anzuhören, und die Kinder meiner Töchter sitzen gebannt und stillschweigend vor den Bildschirmen ihrer Handys, während ihre Eltern das vegane Filet geniessen, welches sie aus der nur per QR-Code einsehbaren Speisekarte ausgelesen haben. Ohne Sättigungsbeilage, denn wer weiss, mit welchen Unkrautvertilgern diese behandelt wurde.

Inzwischen wird mir per Briefpost (!) eine weitere Mahnung zugestellt, weil sich mein Telefonie-Anbieter aus Gründen des Klimaschutzes (und der Gewinnoptimierung) dazu entschlossen hat, keine Rechnungen mehr per Post zu versenden und ich meine Mails nur selten prüfe. Und während mich die News-App wissen lässt, dass die grösste Krankenkasse des Landes einem Hacker-Angriff zum Opfer gefallen ist und die sensiblen Daten von Millionen Menschen nun frei zugänglich sind, fordern mich die Experten unserer Regierung auf, endlich meinen Widerstand gegen das elektronische Patientendossier aufzugeben, welches das Leben um so vieles einfacher (und für die Aktionäre weit profitabler) machen werde.

Hoch lebe der Fortschritt. Seltsam, dass ich mich dennoch immer öfter nach meiner lange zurückliegenden Kindheit sehne, wo meine Mutter dem Pöstler noch einen Kaffee anbot und ich nach einem anstrengenden Tag mit Spielen im Wald und dem Zusammenrechen des getrockneten Grases unserer Nachbarn froh war, mir Franz und René im «Spielhaus» auf einem der drei zur Verfügung stehenden Fernsehsender ansehen zu dürfen.

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