Diese kleine Geschichte gehört ins Kabinett der Absurditäten. Aber sie reflektiert den Zeitgeist wunderschön. Wir sind zu einer Gesellschaft der Dauerempörten geworden – und die Medien lieben diese Entwicklung. Willkommen bei einer Story rund um Sex – ohne Drugs und Rock’n’Roll.

Charles Balsiger ist 77 Jahre alt und wirkt auf den Fotos auf blick.ch noch recht rüstig. Der Titel weiter oben ist daher nicht etwa beleidigend gemeint, es ist mehr eine kleine Anspielung an Hemingway und dessen alten Mann und «seinem» Meer.

Balsiger wohnt im thurgauischen Eschenz, einem recht malerischen Örtchen, und offenbar hat er von dort aus einen schönen Ausblick. Unter anderem auf die Klosterinsel Werd. Dort hat er kürzlich etwas sehr Unklösterliches erspäht: Ein Pärchen, das sich am Ufer ziemlich textilfrei vergnügt hat. Wie handfest das wurde, geht aus dem «Blick»-Artikel (siehe hier) nicht hervor, vermutlich brachte der gute Charles Balsiger eine detaillierte Beschreibung auch gar nicht erst über die Lippen. Jedenfalls geht es also mehr oder weniger um Sex an einem öffentlichen Ort, was in aller Regel verboten, sicher aber bei vielen Leuten verpönt ist.

Balsiger hat das Ganze erspäht, fotografisch festgehalten und die Zeitung damit beliefert, wie man das heute eben so macht. Damit ist seine Empörung nun schweizweit dokumentiert.

Spannend sind die näheren Umstände. Der ehemalige Architekt benötigte für seinen Fotobeweise ein Zielfernrohr (praktischerweise ist er Jäger). Die Frage sei erlaubt: Wie kann man sich belästigt fühlen von etwas, das man erst mit einem Fernrohr wirklich sehen kann? Hat sich das besagte Paar allenfalls sogar bemüht, an einem nicht zu offensichtlich einsehbaren Ort Zärtlichkeiten auszutauschen und einfach nicht damit gerechnet, dass ein Jäger sein Zielfernrohr holt?

Und dann scheint auch noch ein bisschen Neid mit dabei gewesen sein bei der ganzen Aufregung. Denn, und jetzt bitte festhalten, es hat sich laut dem Beobachter (wir würden ihn natürlich nie als Voyeur bezeichnen) um ein ungleiches Pärchen gehandelt. «Er hätte locker der Vater dieses Girls sein können», lässt sich Balsiger im «Blick» zitieren. Und damit wird offensichtlich, dass der Rentner kein Fan von Paaren mit einem grösseren Altersunterschied ist. Die ganz persönlichen Vorstellungen von Moral und Sitte diktieren die ganze Angelegenheit also.

Es gibt keine weiteren «Sichtungsmeldungen». Entweder, weil man das Ganze eben wirklich nur mit professioneller Ausstattung sehen konnte oder weil andere Leute nicht so unterbeschäftigt sind, dass sie den lieben langen Tag das gegenüberliegende Ufer kontrollieren. Oder, dritte Möglichkeit, weil allfällige weitere Beobachter ganz einfach fanden, es gehe sie nichts an, da sich die Nackedei ja nicht vor einem Kindergarten abgespielt hat.

Es wäre wie gesagt einfach eine kleine Absurdität und eigentlich nicht der Rede wert. Wenn es nicht die Ausgeburt einer allgemeinen Entwicklung wäre. Wie wir uns mittlerweile alle gegenseitig in den Garten schauen, immer gleich das Handy oder die Kamera zücken und danach zu den Medien rennen: Es ist zum Schreien. Was genau suchen diese Leute? Aufmerksamkeit? Das könnte man auch mit etwas Produktivem erreichen statt damit, andere Leute anzuschwärzen.

Denn wo genau ist hier irgendwem ein Schaden entstanden? Und worin liegt der Gewinn für die Leserschaft von Zeitungen, die das Ganze dann kolportieren – ausser der Befriedigung ziemlich niederer Instinkte?