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Prost, Schweiz. Und nein, du musst dich nicht anpassen.

Wir brauchen dringend einen neuen Nationalhelden, sollten uns schnellstmöglich in die Arme der EU werfen und unbedingt alle Qualitäten abstreifen, welche die Schweiz zu dem gemacht haben, was sie ist. Das jedenfalls scheint die Agenda mancher Politiker zu sein.

Beim anschliessenden Text handelt es sich um eine um lokale Belange entrümpelte Version der Rede an der Bundesfeier in Arbon (TG), die ich am 31. Juli gehalten habe.

Zum 1. August sprechen zu dürfen, das war früher eine recht einfache Aufgabe: Man konnte Wilhelm Tell, Winkelried, Bruder Klaus und den Rütlischwur erwähnen, und für Besinnlichkeit und Stolz war schon gesorgt. Aber inzwischen hadern viele Schweizer mit der eigenen Geschichte und wollen nichts mehr von ihr hören oder besser noch: sie ausradieren.

Geht es nach einem sozialdemokratischen Nationalrat, müsste ich heute hier über Ioannis Kapodistrias sprechen. Falls Sie von ihm noch nie gehört haben, machen sie sich keine Gedanken, den kennen nur Historiker und Geschichtslehrer. Er war ein Grieche im Dienst von Russland, der vor rund 200 Jahren in Europa Verhandlungen geführt hat. Dabei soll er für die Schweiz einige gute Deals herausgeschlagen haben. Deshalb findet der bewusste Politiker, den die meisten von Ihnen noch vom «Kassensturz» kennen, man sollte Wilhelm Tell durch diesen Griechen ersetzen. Und den Tell habe es ja sowieso nie gegeben.

Es ist ein durchaus origineller Vorschlag. Wobei ich offen gesagt kein anderes Land auf der Welt kenne, dessen Politiker so bemüht darum sind, einen neuen Nationalhelden zu suchen. Und der Vorschlag ist für mich auch Sinnbild für das, was derzeit geschieht:

Unsere Geschichte und die Helden von einst, ob erfunden oder real, sollen bitte verschwinden. Das ist jedenfalls mein Verdacht.

Ein Nationalheld, der uns einst von einem fremden Vogt befreit hat: Das ist derzeit eine ganz unerwünschte Botschaft. Wir könnten ja noch auf die Idee kommen, das auch in Zukunft so zu halten: Ein souveräner Staat zu bleiben, neutral und selbstbestimmt, ausserhalb von Staatenbunden, mit eigenen Regeln und Gesetzen. Aber das scheint derzeit nicht ganz oben zu stehen auf der Agenda vieler Politiker. Im Gegenteil, es steht ihnen im Weg. Sie wollen die Geschichte klein reden, um den Weg für etwas anderes zu ebnen. Sie wollen mit den grossen Nationen mitspielen.

Ich kenne kein Land, das so sehr mit sich selbst hadert wie die Schweiz. Wir sind ein reiches Land – aber das, so sagt man uns, sind wir nur, weil wir Kriegsprofiteure sind. Wir sind ein sicheres Land – aber das, so sagt man uns, sind wir nur, weil wir uns egoistisch von anderen beschützen lassen. Wir sind ein schönes Land – aber das, so sagt man uns, ist Zufall, die Alpen haben wir ja nicht selbst gebaut.

Und dann kommt der 1. August, man feiert gemeinsam, obwohl uns an den 364 anderen Tagen im Jahr vermittelt wird, das wir eigentlich auf gar nichts stolz sein können.

Ich bin auch nicht immer stolz auf mein Land. Aber das liegt nicht an der Geschichte und kaum an Wilhelm Tell. Es liegt an der Entwicklung der letzten Jahre. Es gibt beunruhigende Tendenzen in der Entwicklung.

Die Neutralität, die ja immerwährend sein sollte, wird schleichend aufgegeben. Teile unserer Souveränität sollen einer stärkeren Anbindung an die Europäische Union weichen. Der Sonderfall Schweiz, früher war das ein positiv besetzter Begriff, wird uns neuerdings als Schimpfwort verkauft. Die Welt müsse doch zusammenstehen gerade in schwierigen Zeiten, heisst es, die Schweiz dürfe nicht aussen vor bleiben, sie müsse sich eingliedern, mitmachen, wenn andere rufen.

Nun begreife ich auch allmählich, warum man am 1. August nicht mehr über die alten Helden sprechen soll. Warum man nicht die hart erkämpfte Freiheit eines kleinen Bergvolks thematisieren soll oder den individuellen Mut Einzelner, die sich gegen fremde Herren aufgelehnt haben.

Denn wenn wir uns daran erinnern, könnten wir noch auf die Idee kommen, so weiterzumachen. Uns als Sonderfall zu begreifen und uns zu wehren gegen Einflüsse von aussen und den Abbau unserer Volksrechte.

Wenn man ein Land neu erfinden will, muss man zuerst das schlecht machen oder vergessen, was dieses Land einst war. Vielleicht erinnern Sie sich: 1992 hiess das Motto des Schweizer Pavillons an der Weltausstellung in Sevilla «La Suisse n’existe pas», die Schweiz existiert nicht. Das sollte eine künstlerische Provokation sein. Inzwischen scheint genau das aber das Ziel vieler Politiker zu sein. Die Schweiz, wie sie war, soll ein Ende haben.

Dabei sieht mein persönlicher Rückblick nicht ganz so schlecht aus. Wir waren einst ein Land, das Probleme gelöst hat, statt neue zu erfinden. Diese Lösungen waren nicht immer perfekt, aber meist ein gesunder Kompromiss. Wir haben nicht alles bis ins Kleinste geregelt, weil wir auf Eigenverantwortung gesetzt haben. Dem mündigen Bürger muss man nicht verbieten, am Sonntag den Rasen zu mähen. Das soll er selbst mit seinem Nachbarn klären. Und dem Gemüsebauern muss man auch nicht die perfekte Krümmung einer Salatgurke vorschreiben; der Markt entscheidet, was gekauft wird.

Dieser gesunde Menschenverstand anstelle endloser Vorschriften hat uns für viele zum Sonderfall gemacht. Und das war gut so. Ja, wir sind anders. Wir marschieren etwas langsamer, manchmal sind wir etwas komplizierter.  Unsere direkte Demokratie ist kein Hochgeschwindigkeitszug, sie ist eher ein solider Traktor, der sich behäbig, aber unaufhaltsam durch jedes Gelände pflügt. Und genau das ist unser Schutz vor dem Grössenwahn und vor Entscheidungen, die man später bitter bereut.

Wir sind kein durchdesigntes Start-up aus dem Silicon Valley in Kalifornien. Wir sind ein über Jahrhunderte gewachsener Bauernhof. Das Dach ist vielleicht an einer Stelle etwas krumm, der Farbanstrich blättert hier und da, und im Stall wird auch mal heftig gestritten. Aber das Fundament ist aus Granit. Und dieses Fundament heisst: Vertrauen in den Bürger, nicht in den Staat. Freiheit vor Gleichmacherei. Gesunder Menschenverstand vor bürokratischer Hysterie. Wir sind nicht vollkommen, aber wir respektieren das Individuum und versuchen nicht, alle und alles gleich zu machen.

Wir sollten deshalb am 1. August nicht so tun, als wären wir perfekt. Aber wir sollten stolz darauf sein, dass wir es nicht sind – und trotzdem so gut funktionieren. Oder vielleicht: gerade weil wir es nicht sind. Weil wir gelernt haben, mit Widersprüchen zu leben. Weil wir wissen, dass der Kompromiss oft wertvoller ist als der dogmatische Sieg. Weil wir im Herzen wissen, dass die beste Schweiz nicht die ist, die versucht, eine Kopie von etwas anderem zu werden, sondern die, die mutig sie selbst bleibt.

Hören wir also auf, uns für unsere Traditionen zu entschuldigen. Hören wir auf, uns von aussen oder von selbsternannten Moralaposteln einreden zu lassen, wir müssten uns permanent ändern. Hören wir auf, uns in ein globales Korsett pressen zu lassen, das übrigens, wie wir aktuell sehen, nicht wirklich gut funktioniert.

Wer seine Angelegenheiten selbst regelt, macht auch mal Fehler. Aber immerhin sind es dann die eigenen, und man kann sie auch selbst wieder ausbügeln. Wir haben genügend schlaue Köpfe in diesem Land, um unsere Angelegenheiten selbst zu regeln und unserem eigenen Verstand zu vertrauen, statt auf Ratgeber von anderswo zu hören, die, Verzeihung, meist weniger erfolgreich unterwegs sind als die Schweiz.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen nicht nur einen schönen, sondern auch einen selbstbewussten und gelassenen 1. August. Und singen Sie anschliessend die Hymne ruhig mit etwas Stolz in der Brust mit. Dieses Land und damit wir alle hat diesen Stolz verdient.

Prost auf die Schweiz. Auf unser unvollkommenes, aber wunderbares Original.

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