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Pardon, aber: Fuck «Mind Maps»

Leute, die eine Geschichte erzählen wollen und dafür zuerst in Stichworten und Querlinien auf einer grossen Tafel ersaufen: Es ist mir ein Rätsel. Ein Extrakt aus meinem Buch «Schreib!»

Der folgende Text ist ein Kapitel aus «Schreib!», einer Mischung aus Anekdoten aus 30 Jahren im Journalismus und Tipps für Leute, die mit dem Schreiben beginnen wollen, den ersten Schritt aber nicht recht wagen. Es ist direkt bei mir bestellbar.

Ich habe einen Monat vor meinem 20. Geburtstag meine erste Stelle beim «Neues Wiler Tagblatt» begonnen, einer Lokalzeitung mit 3500 Leserinnen und Lesern, die später nach und nach wegstarben und damit die Zeitung mit in den Tod rissen. Der frühe Berufsstart hatte zur Folge, dass ich dann mit 30 eine Art journalistisches Alteisen war. Zumal die Branche naturgemäss jüngere Leute anzieht. Deshalb hatte ich es bei diversen Redaktionen und später bei der eigenen Zeitung immer wieder mit Nachwuchstalenten zu tun, denen ich das Handwerk vermitteln sollte. Früher oder später konfrontierten sie mich stets mit derselben Frage:

«Wie baust du einen Text auf? Machst du jeweils ein Mind Map?»

Nein, ich mache kein verfluchtes «Mind Map». Genauer gesagt: Ich kann das Wort nicht mehr hören.

Konservativ gerechnet habe ich in den letzten 30 Jahren täglich einen Zeitungsartikel verfasst, realistisch betrachtet waren es vermutlich mehr. Sprich: Ich habe in der Grössenordnung zwischen 10’000 und 20’000 Mal meinen Namen unter einen Text gesetzt. Und ich habe mir nie, kein einziges Mal, vor dem ersten Buchstaben überlegt, wie ich diesen Text danach gleich aufbauen werde. Ich habe einfach begonnen, und irgendwann war ich fertig. Was dazwischen geschah, geschah einfach.

Nicht, weil ich überirdisch begabt bin, sondern weil das die einzige Methode ist, die ich beherrsche: Die «Nicht-Methodik». Ich glaube, dass ein Text nur dann echt wird, wenn man ihn nicht zuvor durch eine Bausteintechnik durchpresst.

Nur kann man das natürlich leider niemandem auf diese Weise vermitteln in einem teuer bezahlten «Journalismuskurs» oder in der Weiterbildungsreihe «Medienarbeit praxisnah» oder wie auch immer diese Dinger heissen, die der Markt anbietet. Dort will man den Leuten, die viel Geld bezahlen, etwas «Handfestes» vermitteln und muss deshalb zwingend behaupten, dass sie etwas Bestimmtes tun müssen. Wer eine Kursbestätigung erlangen möchte, braucht klare Leitplanken und einen Flipchart. Kein Mensch zahlt mir Geld, wenn ich ihm erkläre: Mach einfach.

Wenn man mich fragt: Das sind verschenkte Moneten. Gut, ich bin vielleicht nicht repräsentativ. Ich habe keine ordentliche Ausbildung abgeschlossen und mir daher gar nie erst Gedanken über mögliche Weiterbildungen gemacht. Was soll man weiterbilden, wenn gar nichts da ist, um darauf aufzubauen? Was ich kann, hatte ich von Geburt an in den Genen, und den Rest habe ich von Leuten gelernt, die es seit Jahren tun. Verschont mich mit «Mind Maps».

Wer bezogen auf einen Text eine klare Idee hat, braucht keine mit bunten Stiften aufgezeichnete Struktur, um loszulegen. Mehr noch: Struktur zerstört die Idee. Ein Statiker, der ein neues Fussballstadion bauen soll, braucht einen klaren Plan, keine Frage, wir haben ja alle keine Lust, zur Halbzeit durch den Boden auf den harten Beton zu segeln. Ich bin sehr froh, dass für Berufe dieser Art klare Regeln gelten und die mathematischen Grundsätze zur Anwendung kommen.

Aber hier geht es nicht um Mathematik. Wir sprechen von einem kreativen Prozess.

Kurz und gut: Wer schreibt, braucht das nicht. Und daran werde ich festhalten, bis ich ins Gras beisse. Die einzige Ausnahme sind Drehbücher. Dort ist man verloren, wenn man keinen ungefähren Ablauf der Entwicklung der Figuren und der Story definiert, weil A auf B aufbaut und C ganz einfach nicht funktioniert, wenn B ziellos in der Gegend herumwirbelt.

Ein journalistischer oder literarischer Text hingegen wächst aus sich selbst. Man kann ihn natürlich mitten in der Entstehung neu formen, drehen, aber dann tut man das fortlaufend «manuell». Ihn schon zu Beginn mit farbigen Kreisen und Pfeilen zu definieren, heisst: Jede Möglichkeit des Ausuferns, des Loslassens, jeden Versuch, sich auf den Instinkt zu verlassen, im Keim zu ersticken. Ein guter Text lebt davon, dass man ihn ziehen lässt, dorthin, wo es ihn gerade zieht. Wir glauben, dass wir schreiben, aber wer es von Herzen tut, wird irgendwann merken, dass ihn die Worte führen – und nicht umgekehrt.

Mind Map: Wenn ich es nur schon höre. Wie soll das gehen? Ich soll meine Hirnströme zwingen, eine innere Karte zu zeichnen und danach dieser brav zu folgen?

Eine Annahme: Ich spreche mit einem spannenden Menschen über sein Leben. Zwei Stunden lang erzählt er mir, was ihn umtreibt, was ihm gelungen ist und was nicht, er berichtet von Begegnungen, die ihn geprägt haben, von seinen Ängsten und seinen Zweifeln. Ich blicke also in die Seele eines Menschen. Ich fühle mit ihm mit, freue mich mit ihm, leide mit ihm. Danach gehe ich nach Hause, schaue meine Notizen durch und gliedere das Gesagte in Blöcke, die sich zu einer Art Wortsymphonie aufbauen sollen. Ich zeichne bunte Kreise sowie Pfeile zwischen den Kreisen auf eine grosse Folie, und dann beginne ich, diese schematische Darstellung in Worte zu fassen. Wunderbar.

Nur eine Frage: Und das soll spannend werden? Packend? Es soll lesbar sein? Ich habe gerade die Seele eines Menschen mit Buntstiften fein säuberlich in seine Einzelteile gegliedert und versuche nun, daraus einen Text zu machen, der die Essenz der persönlichen Begegnung erfasst?

Wer Struktur will, kann Informatiker werden. Wer schreiben will, sollte diese Idee in die Tonne werfen. Worte entstehen nur scheinbar im Kopf. Es ist in Wahrheit der Bauch, der uns führt. Gottlob habe ich einen grossen.

Die Idee hinter Mind Maps oder verwandten Techniken ist es unter anderem, bloss nichts zu vergessen, das unbedingt gesagt sein muss. Es gibt bei vielen Autoren diese irre Panik, es könnte in einem Text etwas ausgelassen werden, das es zwingend braucht. Wer das ernsthaft glaubt, unterschätzt sich und seine Kraft selbst.

Zunächst einmal: Niemand sollte Angst haben davor, etwas zu vergessen. Was nicht in einem Text steht, findet nicht statt, und keiner vermisst es. Ein Autor erschafft etwas, und das Erschaffene ist das Gesamtwerk. Was man auch noch hätte sagen können: Schön und gut, man kann immer noch mehr sagen, und wenn es schlussendlich dort steht, mag es auch von Interesse sein. Wenn es aber nicht da ist, fehlt es keinem Menschen.

Die Wahl darüber was wir dem Leser servieren, ist unsere Macht. Das, was da ist, ist Ihre Geschichte, so, wie Sie sie erzählen wollen, basta. Wir sind um die 10 Milliarden Menschen auf der Welt, und wenn wir sterben, dreht sie sich unerbittlich weiter, egal, wie wichtig wir uns selbst zu Lebzeiten genommen haben. Nützen wir doch wenigstens das bisschen Einfluss, das wir haben und machen uns nicht zu Sklaven eines Flipcharts. Spätestens, wenn Sie das Ergebnis selbst durchlesen, werden Sie es ohnehin merken, falls da wirklich etwas Wichtiges fehlt, und Sie werden es hinzufügen. Wenn Ihnen nichts auffällt: Das wars, bingo. Ihr Text ist komplett. Er ist es für Sie und damit auch für Ihre Leserschaft.

Was die Logik und den «richtigen» Aufbau des Textes angeht, weitere Elemente, die angeblich nur mit einem «Mind Map» zu bewältigen sind: Wir sprechen hier über ein Kunsthandwerk, nicht über eine geplante Brücke über den Rhein, die ziemlich genau ausfallen muss. Sie bestimmen den Rhythmus, Sie sagen, was zu was überleitet, wo Sie etwas überspringen wollen, wo Sie auf etwas zurückkommen möchten. Und das ergibt sich von selbst, wenn Sie wissen, wo Sie hinwollen. Es ist ein furchtbarer Gedanke, dass ein Text «logisch aufgebaut» sein soll. Denn es gibt nicht die eine Logik für einen Text. Keine Sorge, er wird ganz von allein logisch und nachvollziehbar sein, wenn Sie die Geschichte vor Ihrem inneren Auge sehen. Es ist einfach Ihre persönliche Logik, und der Leser muss damit leben. Wer eine allgemeingültige Logik sucht, soll Kreuzworträtsel kreieren. Gäbe es eine allgemein gültige Logik, würde jeder Text aussehen wie der andere. Eine ziemlich furchtbare Vorstellung.

Ein Text ist etwas unglaublich Persönliches, ein individuelles Werk, und dieses hat ganz allein Ihren eigenen Regeln zu folgen. Der Moment, in dem Sie glauben, eine in einem Kurs vermittelte «logische Struktur» sei der Massstab Ihrer Arbeit, ist der Moment, in dem Sie aufgehört haben, ein Autor zu sein. Sie sind damit vielleicht der Erfüllungsgehilfe eines Kurses in der Migros-Klubschule, aber das – pardon, liebe Migros – sollte nicht das höchste der Gefühle sein.

Natürlich ist auch bei mir der erste Wurf eines Textes nicht immer die Endversion. Ich verschiebe im Nachhinein gerne mal einzelne Absätze und passe die Übergänge entsprechend an, weil mir plötzlich auffällt, dass das scheinbare Ende einen perfekten Wechsel zum Mittelteil bildet. Aber das merke ich, sobald ich mit einem fertigen Text arbeite, der grundsätzlich bereits funktioniert und noch optimiert werden kann. Es ist das Ganze, das mich ins Detail führt, nicht umgekehrt. Würde ich mit Hilfe eines Mind Maps den Text von Anfang an gliedern, wäre das eine Art Baukastensystem. Und was hat das noch mit Kreativität zu tun?

Ich kenne sogar Leute, die einfach drauflos schreiben und, bitte festhalten, danach ein Mind Map anfertigen, um sicher zu sein, dass sie es richtig gemacht haben. Sie konstruieren sich also im Nachhinein eine Art Rechtfertigung für die bereits erfolgte Arbeit. Wer Zeit und Ausdauer dafür hat: Bitte sehr, kein Problem, jeder hat sein Hobby. Ich sehe nur die Notwendigkeit nicht.

Wer die Verantwortung an solche Techniken delegiert, glaubt nicht an den Autor in sich. Er verlässt sich nicht darauf, dass die Geschichte schon in ihm ist. Er träumt von klaren Leitplanken, die ihn zum gewünschten Resultat führen. Ich definiere im Vorneherein kein Resultat. Der Text als Ganzes ist das Resultat. Dieses verdichtet sich während des Schreibens. Erst im Fluss spüre ich, wo die Story hinwill. Dieses Eigenleben einer Geschichte, die Möglichkeit, dass ich mich selbst überrasche, dass ich mich zum Ende an einem ganz anderen Punkt wiederfinde, als ich zu Beginn geglaubt habe: Das wird durch Mind Map und Co. zerstört.

Wenn Sie jemals einen wirklich guten Text gelesen haben, einen, von dem Sie sich erhofft haben, dass er nie aufhört, einen, der sie lange nicht loslässt, dann war der garantiert nicht das Resultat vordefinierter Strukturen. Er kam aus dem Bauch.

Ich will niemandem eine teuer erkaufte Methodik madig machen. Wenn Sie glauben, sich selbst eine Struktur geben zu müssen mit der Hilfe eines Flipcharts, noch bevor Sie das erste Wort geschrieben haben: Ich halte Sie bestimmt nicht auf. Ich bin aber überzeugt: Sie werden bald merken, wie sehr Sie das einengt. Der Autor in Ihnen wird permanent aufschreien, denn er liegt in Ketten und will nur eines: Ab in die Freiheit.

Trauen Sie sich selbst. Die Geschichte ist bereits in Ihnen, sogar in der perfekten Struktur und Reihenfolge, aber wenn Sie sie nicht frei lassen, wird sie sich Ihnen nie offenbaren, sondern versteckt sich kichernd hinter Ihren inneren Mauern.

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