Für das Gute mit den Bösen

Es reicht nicht, das Richtige zu wollen und zu tun. Man muss zugleich auch «der Richtige» dafür sein.

«Die Diktatur im Iran muss weg, lieber heute als morgen. Darin hat Trump recht. Nur fehlt ihm – neben Anstand und Aufrichtigkeit – ein Plan für den Tag nach dem Krieg.» – Aus «Die Zeit», 28.2.26

Das kommt uns bekannt vor. So vieles müsste weg, müsste erledigt werden, müsste geschehen. Aber doch bitte durch die richtigen Hände. Und das sind bestimmt nicht diejenigen von Donald Trump.

Bitte tut endlich das Richtige! Aber nicht du. Du auch nicht. Und du schon gar nicht. Es soll bitte ein anderer machen. Einer, den ich mag. Einer, mit dem ich assoziiert werden möchte. Das Richtige wird falsch, wenn es der Falsche tut.

Mit dieser reichlich verwirrten Aussage ist die Zeitung nicht allein. Im Gegenteil.

Die gute Nachricht sei, dass nun nicht schon in Kürze Frieden in der Ukraine herrschen werde, sagte Elmar Thevessen, Leiter des ZDF-Studios in den USA, vor einigen Monaten in die Kamera. Das klang ziemlich verrückt, schliesslich wollen doch alle, dass das Sterben dort ein Ende hat.

Aber natürlich hatte der Satz eine innere Logik, die für Leute wie Thevessen und vermutlich einen Teil seines hirngewaschenen Publikums absolut stimmig war. Er meinte damit: Nicht auszudenken, wenn sich der Frieden ausgerechnet nach einer Intervention von Trump einstellen würde. Dann doch lieber weiter blutige Schlachtfelder und Schützengräben. Sonst profitiert der Kerl noch.

Und nun eben auch «Die Zeit» nach demselben Schema zum Iran: Ja, ist nicht schön, wenn Frauen unterdrückt und mal eben gesteinigt werden als Ehebrecherinnen, wenn sie Opfer einer Vergewaltigung werden, aber es soll bloss nicht Trump sein, der dem ein Ende setzt, denn dem fehlt der Anstand.

Keine Frage: Welche Frau will schon von jemandem vor der Steinigung gerettet werden, der sich an Pressekonferenzen unflätig benimmt? Da nimmt man doch lieber den Tod in Kauf.

Szenenwechsel, Länderwechsel.

Der Influencer Joung Gustav, der mit einer Fülle von völlig korrekten Zahlen die Schweizer Asylpolitik kritisierte und dafür von der Migros mit dem Entzug der wirtschaftlichen Grundlage bestraft wurde, soll tief verstrickt sein mit der rechtsextremen Szene, erzählt uns der «SonntagsBlick».

Was natürlich übersetzt heisst, dass die Migros richtig gehandelt hat. Der Detailhändler ist neben Coop nach meinem Wissensstand übrigens immer noch der grösste einzelne Inserent in der gedruckten Presse, es kann also nicht schaden, ihm die Stange zu halten.

Worin bestehen diese Verbindungen ins rechtsextreme Lager? In einem Livestream hatte Joung Gustav über die «Junge Tat» gesprochen, dieses lustige rechtsgepolte Pfadfinder-Häuflein, das inzwischen als Beleg für eine drohende faschistische Revolution in der Schweiz dienen muss in Ermangelung echter Gefahr.

Er hatte dabei zugegeben, sich noch nicht vertieft mit der Gruppe beschäftigt zu haben, finde aber nach kurzer Sichtung: «Sie kämpfen für die richtige Seite.» Damit meinte er den Einsatz für das eigene Land und die Ausschaffung von Leuten, die sich illegal hier aufhalten.

Beides kann man je nach persönlicher Ideologie schlecht finden. Wenn man sein eigenes Land hasst beispielsweise oder das Wort «illegal» nicht versteht. Aber beides ist weder strafbar noch weist es auf den Wunsch nach einem gewaltsamen Sturz der Demokratie hin. Und man kann es richtig finden, unbeeindruckt von der Tatsache, dass ein paar Leute mit exakt gekämmtem Seitenscheitel es auch finden.

Joung Gustav vertrat an dieser Stelle seines Livestreams vermutlich eine Mehrheitsmeinung. Die meisten Leute da draussen finden, man sollte oder zumindest dürfe sich für sein Land einsetzen, und die meisten Leute können wenig damit anfangen, dass unter dem Dach des Asylwesens die Zahl der Migranten wächst, die keinen Anspruch auf Schutz haben, weil sie die Anforderungen nicht erfüllen.

Aber indem er diese Gedanken im Zusammenhang mit einer Frage zur «Jungen Tat» geäussert hat, wurde er Opfer des Trump-Effekts: Man kann dieses und jenes finden, aber doch nicht, wenn Trump das auch findet.

Es geht nicht mehr darum, was man sagt oder will, sondern um die Frage, wer das auch noch sagt und will.

Das könnte man sich kreativ zunutze machen. Die AfD in Deutschland sollte schon längst dazu übergehen, Selbstverständlichkeiten zu fordern, die tief im restlichen bürgerlichen Lager verankert sind. Und dann grinsend dabei zusehen, wie sich die anderen Parteien verzweifelt von ihren eigenen Positionen distanzieren, weil sie sich schliesslich um jeden Preis von der AfD distanzieren müssen. Das wäre ein Heidenspass. Und es würde mit Garantie genau so laufen.

Die Krönung des Ganzen wäre die Wandlung der AfD zur Klimawandelbekämpfungspartei. Wenn sich Alice Weidel und Tino Chrupalla in Berlin auf eine Strassenkreuzung kleben, was würden Linke und Grüne tun – sobald sie sich mit hochrotem Kopf von der ersten Schnappatmung erholt hätten? Eine Demo für fossile Energien durchführen vielleicht?

Schlagt sie mit ihren eigenen Waffen: Es ist erprobt und geschieht viel zu selten.

Das sind zwar absurde Gedankenspiele, aber sie unterstreichen die Entwicklung. Früher haben sich Politiker für oder gegen eine Sache eingesetzt. Heute überprüfen sie zunächst, wer das auch tut und passen ihre Haltung entsprechend an. Mit der Konsequenz der totalen Orientierungslosigkeit.

Wir wählen Leute, damit sie das Richtige tun. Was das ist, bleibt immer subjektiv, aber wir wollen uns darauf verlassen können, dass der Einsatz dem gilt, was wir selbst für richtig halten.

Was wir stattdessen kriegen: Leute, die sich vor lauter Distanzierung in alle möglichen Himmelsrichtungen selbst völlig bewegungsunfähig machen. Die echte Probleme nicht angehen können, weil der «Falsche» dieses Problem auch schon adressiert hat.

Lieber lassen sie Probleme unangetastet als dem andern die Befriedigung zu gönnen, sich bestätigt zu sehen.

Das alles natürlich zum Wohle des Volks.