Fischerschmitz oder Schmitzfischer?

Die Katze beisst sich in den Schwanz. Gedanken zu einer schon fast alten Affäre.

Man muss nicht ganz vorn beginnen, die Story ist bekannt. Patrick Fischer, Ex-Trainer der Schweizer Eishockey-Nati. Zweiter Protagonist: Pascal Schmitz,Journalist bei SRF. Das ist jedenfalls seine Berufsbezeichnung, aber das auch nur, weil der Titel nicht geschützt ist. Ich meine, ernsthaft: «Journalist»? Sogar ICH darf mich so nennen, das sollte ja wohl schon alles sagen.

Und nun das Gewusel. Fischer weg als Trainer, Schmitz so halbwegs weg bei SRF, zuerst das gefälschte Zertifikat bei Fischer (sprich: Die Imitiation eines wertlosen Dokuments), dann die alten Facebook-Posts von Schmitz, die etwas hemdsärmelig formuliert waren.

Da steht man da als in der Sache leicht vorbelasteter Geist und soll sich eine Meinung bilden.

Bei Patrick Fischer ist sie für mich schnell gemacht. Applaus meinerseits für die damalige Entscheidung zur Fälschung, denn: Einen Staat, der einen belügt, darf man auch, pardon, bescheissen. Was bitte spricht dagegen? Sollen wir uns von einem amtierenden Bundesrat Alain Berset vor laufender Kamera anlügen lassen und dann auf diese Lügen mit unbedingtem Gehorsam reagieren? Kann man machen. Aber dann soll man bitte auch aufhören, sich als aktives Mitglied einer Gesellschaft zu betrachten. Da hatte ich gestern eine Bratwurst auf dem Grill, die diesen Titel eher verdient.

Und Pascal Schmitz? Ach. Ich empöre mich doch nicht ernsthaft über einen sportbegeisterten jungen Mann (der er vor 15 Jahren noch war), der einen Schiedsrichter, mit dessen Entscheidungen er nicht einverstanden war, zum Pfeifen von «Kamelrennen» verdonnern will. Jesses, da sage ich Schlimmeres morgens im Halbschlaf, bevor der Wecker klingelt. Nein, mein Empörungs-Meter schlägt nicht aus. Gut, ich habe ja auch keinen, es wäre ein Wunder.

Pascal Schmitz hätte, was mich angeht, in grauer Vorzeit weit Heftigeres schreiben können, und ich würde nicht zusammenzucken. Sein Pech war eben nur, dass er 15 Jahre später plötzlich fand, es sei seine journalistische Verantwortung, altes Zeug eines anderen publik zu machen. Er lag mit dieser Einschätzung aus meiner Sicht rein fachlich grandios daneben (siehe hier), und wenn irgendwelche Journalistik-Professoren es anders sehen, bestätigt mich das höchstens in meiner Haltung.

Denn über praktischen Journalismus sollen bitte nur Leute sprechen, die schon mal einen Gemeindepräsidenten niedergeschrieben haben, nur um ihm am nächsten Tag in der Bäckerei wieder zu begegnen. Ich habe das dutzendfach hinter mir, die Herren Professoren kamen nie auch nur in die Nähe dieser Grenzerfahrung. Sie sollen ihre theoretischen Ausführungen bitte dort lassen, wo sie hingehören – irgendwo zwischen Kanalisation und Texaid-Container.

Zu Schmitz fällt mir daher nur ein: Wenn du dringend möchtest, dass einen anderen die Vergangenheit einholst, musst du dir sehr sicher sein, dass deine eigene Vergangenheit fleckenfrei ist. Da das vermutlich niemand wirklich sein kann, ich zuallerletzt, sollte man es ganz allgemein sein lassen. Ich betreibe eine tägliche Sendung, in der ich dauernd Jauche über andere Leute ausgiesse, aber exklusiv und ausschliesslich zu Dingen, die sie öffentlich gesagt haben. Vertraut mir jemand etwas an, stirbt dieses Etwas mit mir. Hand drauf.

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Pascal Schmitz hat dennoch mein Mitgefühl. Der Mann ist seit über einem Dutzend Jahren Mitglied der grossen, eingeschworenen SRF-Familie. Da wird dir der gesunde Menschenverstand systematisch ausgetrieben. Und wenn du brav machst, was man dir beigebracht hat, wirst du dann doch kurzerhand geopfert für irgendwelche alten Sünden.

Man muss sich das mal ausmalen: SRF zieht den Mann von der Position vor der Kamera ab aufgrund irgendwelcher 15 Jahre alten launigen Facebook-Posts, verteidigt ihn aber gleichzeitig in der Sache, in der er wirklich, wirklich Mist gebaut hat: die Erkenntnis aus einem vertraulichen Gespräch beim Mittagessen journalistisch zu verwursten. Himmel, wenn der gute Schmitz noch Restbestände eines Rückgrats hat, benutzt er dieses nun, um seinem Arbeitgeber den besagten Rücken zuzudrehen. Adieu mit Anlauf.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Nein, ich mag diesen Schmitz nicht. Der hat in einer ziemlich widerlichen Kombination aus Unwissenheit, fehlender Erfahrung und überschiessendem Ehrgeiz einen guten Mann zur Schlachtbank geführt, der ihm vertraut hat. Damit holt man sich bei mir nicht direkt einen Heiratsantrag, und ich habe kein Problem damit, wenn man für diese Masche eine Zeche bezahlt.

Nur bezahlt Pascal Schmitz gerade eine Zeche für das Falsche. Für irgendwelche «Kamelrennen»-Bemerkungen, die ich im aktuellen Zustand – es ist früher Freitagabend – ja sogar irgendwie zum Brüllen komisch finde. Er wird nicht Opfer seiner eigentlichen Untat, sondern von Harmlosigkeiten, die jetzt gerade an geschätzten 1000 Stammtischen in diesem Land überboten werden.

Und dann kommen alle diese Journalisten aus den Löchern gekrochen, die befinden, man solle einfach alles, was geschehen ist, gut sein lassen. Die, nachdem ihre Redaktionskollegen Dutzende von Schlagzeilen herausgewürgt haben, sagen: Huch, diese Sache kennt nur Opfer, und das ist ganz furchtbar, also hört auf, darüber zu sprechen.

Worüber genau sollen wir nicht mehr sprechen?

Über Kamelrennen-Witze? Da bin ich bei euch. Über gefälschte Covid-Zertifikate, also die private Fälschung einer gross angelegten staatlichen Fälschungsaktion? Da bin ich auch bei euch.

Aber worüber wir nach wie vor sprechen müssten: Warum man sich nicht bei Telegram für 400 Franken in Bitcoin einen QR-Code beschaffen darf, der etwas belegt, was kein Mensch braucht und was vor allem nie jemand als zwingende staatliche Massnahme hätte einführen dürfen.

Das geschieht aber natürlich nicht. Aus Gründen. Man kann ja nicht ernsthaft als SRFNZZTAGICHMEDIARINGIERUSW jahrelang helfen, eine Lüge aufrechtzuerhalten und sich dann in die Bresche werfen für jemanden, der diese Lüge schlicht und einfach ad absurdum geführt hat.

Fürs Protokoll: Seit ich erstmals über diese Sache geschrieben habe, haben mich Dutzende, und ich spreche von einer Zahl nahe der Dreistelligkeit, von Lesergeständnissen erreicht. Lauter Leute, die mir mitteilten: «Sag es keinem, aber ich war damals auch mit einem gefälschten Zertifikat unterwegs.»

Nein, ich sage es keinem. Wieso sollte ich? Mir persönlich wäre der Aufwand zu gross gewesen. Ich bin einfach ungeimpft und ungenesen durch die Gegend gelatscht und habe mein Dosenbier auf einer Parkbank getrunken, weil ich nirgends reindurfte. Kleiner Tipp: Man kann mit einem Dosenbier auf einer Parkbank wunderbar lachen über den Wahnsinn dieser Welt.

Aber wer das nicht wollte und stattdessen das System mit den eigenen Waffen geschlagen hat: Prosit!

Prosit, aber vielleicht verbunden mit einem letzten Wunsch: Beim nächsten Mal, wenn unsere von uns gewählte Regierung und die von ihr bestellte Verwaltung einen Unrechtsstaat ins Leben rufen, bitte nicht einfach nur chinesische Fachkräfte für eine Fälschung beanspruchen, sondern laut und deutlich sagen, dass sie uns kreuzweise können.

Das hätte allenfalls geholfen. In einem gewissen Mass. Der Gesellschaft, die gesehen hätte, dass nicht nur eine kleine Minderheit völlig durchgedrehter Schwurbler diesem Wahn nichts abgewinnen können, sondern sehr viel mehr Leute.

Man darf natürlich betrügen, wenn man betrogen wird. Aber noch schöner wäre es, in diesem Moment Zivilcourage zu zeigen und darüber zu sprechen.

Denn jeder Betrug, so sehr ich ihn im vorliegenden Fall unterstütze, ist immer auch Betrug an sich selbst.

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